Schmerzhafte Erinnerung: »Die Möllner Briefe«

Begrenzte Selbstkritik

Zwei herausragende Dokumentarfilme beschäftigen sich mit den Folgen der rassistisch motivierten Anschläge von Hanau und Mölln

Mit der Parole »Wir sind das Volk!« wurde Ende der 80er Jahre die deutsche Einheit erstritten, mittlerweile wird über die Frage, wer sich denn als Deutscher bezeichnen darf, immer erbitterter gestritten. Marcin Wierzchowski, ein in Warschau geborener, seit langem in Frankfurt am Main lebender Regisseur, nimmt sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms »Das Deutsche Volk«, dessen Dreharbeiten unmittelbar nach dem Anschlag von Hanau begannen, bei dem ein rassistisch motivierter Täter neun Deutsche mit Migrationsgeschichte ermordete.

Fünf Jahre liegt dieser Anschlag zurück, 23 Jahre der von Mölln, bei dem im November 1993 drei türkischstämmige Menschen in ihrem Wohnhaus verbrannten. Wie die Angehörigen mit den ­Folgen umgehen, ist Thema von Martina Priessners Film »Die ­Möllner Briefe«. Beide Dokumentarfilme feierten im Frühjahr auf der Berlinale Weltpremiere und kommen nun fast zeitgleich ins Kino. Beide Filme leben von ihrer zurückhaltenden Beobachtung und erzählen viel davon, was sich in der deutschen Gesellschaft im Umgang mit rassistischen Anschlägen und ihren Folgen ­geändert hat — und was nicht.

Als Siebenjähriger überlebte Ibrahim Arslan den Anschlag von Mölln nur knapp, seine Schwester, seine Cousine und seine Großmutter starben. Als Erwachsener leidet Arslan immer noch an psychischen Spätfolgen, denen er sein ehrenamtliches Engagement entgegenstellt. In Schulen berichtet Arslan über die Anschläge und den Rassismus, den er erlebt. Vor allem kämpft er um die Form der Erinnerung an den Anschlag, bei der die Angehörigen oft außen vor bleiben oder nur als Kulisse für Politiker dienen, die an Jahrestagen bedeutungsschwere Reden halten, in denen die Notwendigkeit der Gesellschaft, zu lernen ­betont wird — bevor es zum nächsten Termin geht.

Am Anfang von »Das Deutsche Volk« ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu hören, der auf einer Gedenkveranstaltung in Hanau spricht. Dabei verwendet er die Floskeln, die man bei solchen Gelegenheiten erwartet, lässt aber dann doch ein gewisses Maß Selbstkritik erkennen, ein Bewusstsein dafür, dass es in der Wahrnehmung vieler Deutscher immer noch Unterschiede ­zwischen »echten« und nicht wirklich echten Deutschen gibt.

Auf diese Unterscheidung ­verweisen die Angehörigen der Ermordeten von Hanau immer wieder. Marcin Wierzchowski hat sie in den Jahren nach dem Anschlag oft besucht und beim langwierigen, allzu oft von der trägen Bürokratie behinderten Versuch beobachtet, Aufklärung und ein angemessenes Gedenken zu erstreiten. Ein Untersuchungsausschuss, der mögliche Versäumnisse von Politik und Polizei aufklärte, wurde nur wegen Protesten der Angehörigen eingerichtet, der Streit um den Platz für ein Mahnmal endete erst nach Fertigstellung des Films. Statt auf dem zentralen Marktplatz von Hanau, wo ein Denkmal an die Gebrüder Grimm, die bekanntesten Söhne der Stadt, erinnert, wird das Mahnmal für die Opfer an einem etwas abgelegenen Platz errichtet, zusammen mit einem Haus für Demokratie und Vielfalt.

Zwischen dem Anschlag von Mölln und dem von Hanau lag die Mordserie des NSU, in deren Folge oft ähnlich fahrlässig und mit unterschwelligen Vorurteilen ermittelt wurde wie in Hanau. Man merkt jedoch, dass sich auch manches geändert hat, dass der Staat schneller bereit ist, Fehler zuzugeben, auch wenn die Selbstkritik Grenzen hat. Im Lauf der Jahre scheint sich jedoch auch das Misstrauen gegenüber den Behörden verstärkt zu haben, deren Erklärungen kaum noch Glauben geschenkt wird. Die Fronten sind verhärtet. Bei einer Diskussionsrunde zwischen Angehörigen und Vertretern der Hanauer Politik bricht es aus der Mutter eines Opfers heraus: Sie hasse Hanau, sie hasse Deutschland.

Ungerecht mag das wirken, aber auch verständlich, gerade wenn man sich das Versäumnis vor Augen hält, dass »Die Möllner Briefe« benennt: In der Folge des Anschlags gingen bei der Stadt Mölln Hunderte von Solidaritätsschreiben ein, die archiviert wurden, dann aber fast drei Jahrzehnte lang in Vergessenheit gerieten. Erst Jahre später erfuhren die Angehörigen zufällig, wie viel Solidarität aus der Bevölkerung ihnen damals bekundet wurde. Warum die Stadt Hanau es nicht für nötig hielt, diese Briefe weiterzuleiten, bleibt offen. Manches hat sich eben doch noch nicht geändert.

Das Deutsche Volk. D 2025, R: Marcin Wierzchowski, 132 Min. Start: 4.9.
Die Möllner Briefe. D 2025, R: Martina Priessner, 96 Min. Start: 25.9.