Gestrandet in Brandenburg: Paula Beer; Foto: Schramm Film

Miroirs No. 3

Christian Petzold erzählt von Menschen, die in der Vergangenheit feststecken

Der Titel von Christian Petzolds neuem Film verweist auf ein impressionistisches Klavierstück aus einem Zyklus von Maurice Ravel. Die Pianostudentin Laura (Paula Beer) spielt dieses »Miroirs No. 3«, und damit beginnt ein Reigen aus Anspielungen und Spiege­lungen, die Petzolds melancholischen, leichten Sommerfilm zum Flirren bringen. Im weichen Licht des brandenburgischen Sommers entspinnt sich eine zärtliche Geschichte über Trauer und Illusionen, die von Ferne an Hitchcocks »Vertigo« und die Liebesreigen Rohmers erinnert.

Eher unwillig begleitet Laura ihren Partner Jakob und ein befreundetes Paar auf einen Wochen­endausflug in die Uckermark. Als das Auto von der Landstraße abkommt und sich überschlägt, stirbt Lauras Freund. Statt nach Berlin und in ihr altes Leben zurück­zukehren, bleibt Laura im nahegelegenen Dorf bei der älteren Betty (Barbara Auer), die dort in einem Häuschen lebt und sich scheinbar selbstlos um die junge Frau kümmert. Ihr Mann (Matthias Brandt) und der erwachsene Sohn Max (Enno Trebs) sind ­dagegen misstrauisch. Über der ­Familie schwebt unausgesprochen ein Unglück, das nie ver­arbeitet wurde und das Bettys ­Begeisterung für die Anwesen­heit der jungen Frau ­ambivalent erscheinen lässt.

Angereichert mit Suspense- und Mystery-Elementen erzählt Petzold ein leises, wohltemperiertes Drama über Menschen, die in der Vergangenheit feststecken, die nicht untergehen wollen, wie die »Barke auf dem Ozean« — so heißt Ravels Klavierstück auch. Dabei ist Petzold mehr an ­Stimmungen und Alltagsgesten interessiert, in denen komplexe Emotionen widerhallen, als an ­einer Handlung, die auf ein erlösendes Ende oder eindeutige ­Erklärungen zuläuft. Vor allem Paula Beer und Barbara Auer verleihen dabei ihren Figuren subtil eine ­Verletztheit, die anrührt.

Auf einen Score verzichtet Petzold dabei, Musik erklingt nur, wenn Emily auf dem Klavier spielt und wenn Max Laura in einer ­hinreißenden Szene einen seiner Lieb­lingssongs vorspielt. Sie ­sitzen am Gartentisch, hören ­Frankie Vallis Northern-Soul-Klassiker »The Night« aus dem Jahr 1972 und lächeln. Für einen Moment ist alles gut. Der bitter­süße ­Sommerhit des Jahres.

D 2025, R: Christian Petzold, D: Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt, 86 Min. Start: 18.9.