Sophia Süßmilch, Only Lesbian Left Alive, 2025; Foto: Lee Everett Thieler; Courtesy of the artist and MARTINETZ, Cologne

Draw me like one of your French girls (Fat, Ugly and Gay)

Eine Liebeserklärung der Künstlerin Sophia Süßmilch anlässlich ihrer ­Ausstellung in der Galerie Martinetz

»Draw me like one of your French girls, Jack« sagt Kate Winslet alias Rose zu Leonardo Di Caprio alias Jack im Film »Titanic« aus dem Jahr 1997 und legt sich vor ihm ­danieder, auf dass er sie male wie sonst die armen Huren aus Frankreich. Anyways, geniales Ende, den selbstsüchtigen Bastard Jack, der sie sonst in die Armut gerissen hätte, erfrieren und ersaufen zu lassen. Das Floß ist deines, Slay Queen. Geile Kette auch, Maus, ­alles richtig gemacht. Diese ­heterosexuelle Romantiklüge, die uns in Filmen, Märchen, Liedern, ja, schon von der Wiege an erzählt wird, sie reißt uns alle schon viel zu lange ins Unglück. Und für ­diese Romantik, für die Rettung von uns Weibern, für ein »Nobody puts baby in the corner« braucht es Schönheit.

Wer diese glaubt nicht zu ­haben, weil Schönheit nun mal eben ganz genauen Definitionsmarkern folgt, hört sich Anmachsprüche an wie »Eigentlich stehe ich nicht auf dicke Frauen, aber du trägst es ­wenigstens mit Würde«. Einfach geil, Martin. Läuft.

Madonnas Gesicht, Britney Spears Wut und einen Körper wie Ursula aus »Arielle, Die Meerjungfrau«, davon träume ich, während in mir drin Kinderchöre weinend singen: » I am just a girl, standing in front of a boy, asking him, to love her«.

Diese Kinderchöre, erzogen mit den Spice Girls, »Girl Power«, diesen Hosen, die jetzt wieder im Trend sind, die kurz über den Schamhaaren aufhören. Ich werde sie zum Schweigen bringen.

Draw me like one of your French girls, Martin. Und zwar »Fat, Ugly and Gay«. Mein 18jähriges Ich wäre schockiert, würden wir uns begegnen, ich brenne. Ich bin ein Atomkraftwerk. Ich bin die Königin der Hängetitten. Ich bin so wütend. 

Seid Ihr auch so wütend? Oder hört Ihr immer noch Liebeslieder? Schminkt Ihr Euch noch? Tragt Ihr noch Unterwäsche? Wascht Ihr Euch noch? Weint Ihr auch so viel? Esst Ihr auch manchmal ­kleine Bröckchen eurer eigenen Kotze, einfach so, aus Trotz?

Auch wieder im Gym Girls? Ach ja, was soll das mit diesen Abnehmspritzen eigentlich? Als ich jung war in den 1990ern, da waren alle wenigstens noch anständig magersüchtig oder hatten Bulimie, oder beides. Das kann doch nicht sein, dass man dicke Menschen die ganze Zeit fertig macht und dann spritzen sich ­diese faulen Fettsäulen einfach was, ohne Weight Watchers und Kokainabhängigkeit? Nobody puts fat girls in the corner.

Es sind irgendwie alle so ­wütend derzeit. Ich bin so ­wütend. Alles ist so ungerecht. ­Irgendwer hat einen Wikipediaeintrag geschrieben in dem steht: Sophia Süßmilch ist FEMINISTIN. Sascha Lobo, der ist Differenz­feminist. Kurz weilte es, dass ­Feministin kein Schimpfwort war. Aber noch ehe wir die ­ganzen Abtreibungs­fabriken fertig gebaut hatten — und kaum waren die ersten ­»Männer hassen leicht gemacht«-Ratgeber erschienen —, war der Undercut eine Frisur die auch ­heterosexuelle Frauen ­trugen. Quasi die straight flag der Nuller Jahre. Und jetzt haben wir da weltweit Faschist*innen an der Macht, und aus der Traum vom süßen Leben im Paradies, den wir uns in unserem metoo-­Gekrei­sche erträumt hatten, in dem die Femizid Rate gegen Null geht. Heißt es wieder »Kinder ­kriegen fürs Volk«.

Na ja, meine Gebärmutter taugt ohnehin nichts, ich habe sie »Alter Onkel Cordon Bleu« getauft und aufgrund schwerer Endometriose muss sie eh bald raus. Ich werde sie in Formaldehyd in mein Regal stellen und ihr dankbar sein. Und fat, ugly and gay wie ich jetzt bin, als kinderlose Hundebesitzerin, werde ich wütend sein. Und wenn ich mich im Spiegel ansehe und die Kinderchöre der 1990er Jahre in mir singen: »Du siehst scheiße aus, wie Jabba the Hutt, friss mal bisschen Slim Fast«, dann zucke ich nur mit den Schultern, weil 30 Jahre meinen Körper ­hassen ist genug. Wann hört ihr auf damit? Mit 60? Mit 80?

Und dann halte ich Frauen auf meinen Schultern und alte weiße Männer in meinen Armen, weil ich echte Bromance kann. Hold me like a mother would, like I ­always knew, somebody should. Ich werde euch alle halten. Weil diese Liebe zu den Menschen das Einzige ist, wovon dieser bittere Geschmack im Mund weg geht. ­Lasagne geht auch.

Sophia Süßmilch, »Draw Me Like One Of Your French Girls (Fat, Ugly and Gay)«, Martinetz, Moltkestraße 81
Eröffnung zur DC Open: 5.9., 18–21 Uhr, Performance: 19 Uhr, bis 18.10.; Mi–Fr 13–18 Uhr, Sa 12–16 Uhr