Klassisch sozialdemokratisch: Francis Seeck

Vom Aufsteigen und Durchwursteln

Die Reihe »Eine andere Klasse« fragt nach den Grundlagen sozialer Ungleichheit

Wie materielle Ungleichheit in ­die Welt kommt, wissen wir: ­Kapital, Arbeit, Profit und so. Aber wie sich diese Ungleichheit jenseits paternalistischer Klischees im Alltag auswirkt, erforscht die Soziologin Francis Seeck. Den ­Begriff, den sie dafür verwendet, lautet »Klassismus«, eine Form der Diskriminierung, die Seeck analog zu Sexismus und Rassismus begreifen möchte, was ja auch erstmal Sinn ergibt. ­Schließlich ist materielle Ungleichheit eben so wenig naturgegeben, wie Geschlechterrollen oder Ethnizität. 

In mehreren Büchern hat Seeck, die an der Nürnberger TH Soziale Arbeit unterrichtet, herausgearbeitet, wie diese Diskriminierung etwa den Wohnungsmarkt oder das Bildungssystem durchzieht. Ihre Verbesserungsvorschläge sind klassisch sozialdemokratisch — und niedrigschwellig: mehr Umverteilung, Steuergerechtigkeit, materielle Anerkennung von Pflege oder Kindererziehung. In den Fokus nimmt sie dabei Menschen wie sich selbst: Menschen, die den Weg in eine besser verdienende Schicht gemacht haben, sollten dies nicht als individuelle Aufstiegsgeschichte erzählen, sondern ihre Erfahrungen in neue Bündnisse zur Überwindung von Ungleichheit einfließen ­lassen. Kleine Schritte statt ­großer Phrasen.

Auch Mareice Kaiser ist keine Freundin der Ratschläge von oben herab. Gerade hat die Berliner Journalistin mit »Ich weiß es doch auch nicht« ein Anti-Ratgeberbuch veröffentlicht. Anstelle universeller Wahrheiten zur besseren Lebensführung beschwört sie darin die Ratlosigkeit als »gemeinsame Sache«. Mit viel Humor schildert Kaiser das eigene Durchwurschteln im Alltag und erklärt warum es die soziale Ungleichheit verschärft, wenn Eltern ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen können. Dass sie auch dafür ein großes Bewusstsein besitzt, hat sie in vielen anderen journalistischen Arbeiten bewiesen — von der Interviewreihe von Menschen, deren Arbeit man durchaus als »Maloche« bezeichnen kann, bis hin zu einem Sachbuch, das der ungleichen Verteilung von Geld nachgeht.

Zu Gast sind beide in der ­Lesereihe »Eine andere Klasse«, in der seit 2024 Menschen, die keinen Background im Bildungsbürgertum haben, ihre Sicht auf die Ausschlussmechanismen des Kulturbetriebs schildern. Dass diese Reihe mit der aktuellen Ausgabe vorerst ein Ende ­finden muss, passt da nur zu gut ins Bild.

Mo 1.9., Kunsthafen im Rhenania, 19 Uhr