Kommunalwahl 2025
Wohnungsmangel, Klimakrise, Verkehrskollaps, Armut — in Köln gibt es einen großen Wunsch nach Veränderung, aber bislang kein allzu großes Interesse an Kommunalwahlen. Oder ändert sich das jetzt?
Am 14. September wird ein neuer Kölner Stadtrat gewählt, in dem zurzeit noch ein Bündnis aus Grünen, CDU und Volt die Mehrheit hat. Im September wird außerdem entschieden, wer in Köln die Nachfolge von Henriette Reker antritt. Seit zwei Wahlperioden ist sie Kölner Oberbürgermeisterin, kandidiert aber nach einigem Zögern nun nicht mehr. Der parteilosen Politikerin fehlt auch die Unterstützung, denn Grüne, CDU und FDP, die sich noch 2015 mit einigen kleineren Parteien und Wählergruppen hinter Reker versammelten, schicken eigene Kandidatinnen und Kandidaten in den Wahlkampf. Zu den drei aussichtsreichsten zählen Berivan Aymaz (Grüne), Torsten Burmester (SPD) und Markus Greitemann (CDU), der amtierende Baudezernent der Stadt. Bei allen drei Parteien gestaltete sich die Suche nach jemanden, der sich auf das Amt bewerben würde, schwierig. Es hat den Anschein, dass das OB-Amt in der viertgrößten Stadt Deutschlands nicht sonderlich attraktiv ist.
Unter den zehn weiteren Kandidatinnen und Kandidaten finden sich unter anderem Volker Görzel von der FDP sowie Heiner Kockerbeck von der Linken, der Partei, die sich derzeit im Aufschwung bei den Wählerinnen und Wählern wähnt. Ebenso hoffen unter anderem Lars Wolfram von Volt sowie die Klima-Aktivistin Inga Feuser, die für die Wählergruppe Gut in den Wahlkampf zieht, auf einen Achtungserfolg. Den erzielte zuletzt der durch die Medien bekannte Kriminalbiologe Mark Benecke, der erneut für Die Partei antritt. Und der stadtweit bekannte ehemalige Pfarrer Hans Mörtter aus der Südstadt hofft, auch ohne eine Partei im Rücken eine Sensation zu erzielen — doch dient der Wahlkampf der meisten dieser Kandidatinnen und Kandidaten vor allem dazu, die mit ihnen oder ihren Parteien verknüpften Themen und politischen Ideen im Wahlkampf bekannter zu machen.
Wahlberechtigt sind alle Menschen, die in Köln ihren Hauptwohnsitz haben, mindestens 16 Jahre alt sind und eine deutsche Staatsangehörigkeit oder die eines anderen EU-Staates besitzen. Doch nur die Hälfte aller Wahlberechtigten macht davon Gebrauch. Kommunale Politik beschäftigt die Menschen weniger als Bundespolitik, obwohl sie von vielen Entscheidungen direkt betroffen sind — etwa, ob ein neuer U-Bahn-Tunnel gebaut wird.
Noch weniger Interesse besteht an der zugleich stattfindenden Wahl zu den neun Kölner Bezirksvertretungen, den Gremien der Stadtbezirke, die allerdings auch nur geringe Entscheidungsbefugnis besitzen. Für vieles, was im Stadtbezirk zu entscheiden wäre, ist nämlich dann doch der Stadtrat zuständig. Seit Jahren wollen die Bezirke durch eine Neufassung der sogenannten Zuständigkeitsordnung mehr Entscheidungsgewalt erhalten, bislang ohne großen Erfolg. Ebenfalls werden zwei Drittel der Mitglieder des Kölner Integrationsrats gewählt, allerdings nur von Wahlberechtigten »mit internationaler Familiengeschichte«; das andere Drittel bestimmt dann der neue Kölner Stadtrat.
Der 14. September hat noch eine besondere Bedeutung, weil die Ära von Henriette Reker endet, der ersten Frau im OB-Amt, was 2015 für viele Bürgerinnen und Bürger sicherlich ausschlaggebend war, die vormalige Sozialdezernentin der Stadt zu wählen. Einen anderen Führungsstil, eine neue politische Kultur, hat Reker aber in ihren beiden Amtzeiten nach Meinung der meisten Wählerinnen und Wähler und auch Ratsmitgliedern nicht verkörpert. Vielmehr litt ihr Ansehen mit den Jahren: Die Probleme sind in Köln jedenfalls nicht kleiner geworden; was nicht nur, aber auch an Rekers Amtsführung gelegen haben dürfte. Ihr vielleicht größtes Projekt ist, wenn nicht gescheitert, so doch ohne nennenswerte Wirkung geblieben: Jedenfalls merkt man in Köln kaum, dass Henriette Rekers mit viel Geld und personellem Aufwand durchgeführte Verwaltungsreform die Abläufe in der städtischen Bürokratie effizienter und den Kontakte zu den Kölnerinnen und Kölnern deutlich verbessert hätte.
Andere Themenfelder wurden zwar ebenso bestellt, doch all die Masterpläne und Leitbilder, Taskforces und Zukunftsworkshops trugen bislang nur wenige Früchte. Nach wie vor ist die Verkehrssituation in der wachsenden Metropole ein Desaster: der ÖPNV ist unattraktiv, sowohl was Quantität wie Qualität betrifft; die äußeren Stadtteile sind nicht gut ans Netz angeschlossen. Derweil steigt die Zahl neu zugelassener Kraftfahrzeuge weiter, ebenso wie die täglichen Pendlerströme — die viel beschworene Verkehrswende blieb buchstäblich im Stau stecken. Radstreifen auf den Autostraßen anzulegen und Parkplätze gastronomisch zu nutzen, werden jedenfalls nicht reichen. Es gibt auch immer weniger bezahlbare Wohnungen, was sich nur teils mit erhöhten Anforderungen an Energieeffizienz, Brandschutz und Barrierefreiheit begründen lässt. Die Wohnungsnot zeichnet sich neben Verkehr und Klimawandelanpassung als das Thema ab, das die meisten Wählerinnen und Wähler umtreibt. Aber damit noch nicht genug: Die Schulen sind schlecht ausgestattet und es fehlen Plätze für Schülerinnen und Schüler. Auch der häufig verwahrloste Zustand des öffentlichen Raums und — oft damit verbunden — die Not der Obdachlosen und Drogenabhängigen wird im Alltag immer augenfälliger.
Diese Probleme sind nicht neu, doch in der zurückliegenden Legislatur wurden kaum Lösungen erarbeitet. Das liegt sicher auch an dem geringen Einfluss, den Kommunen auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen haben: die letzte Ratsperiode war geprägt von den Folgen der Corona-Pandemie sowie den weltweiten Fluchtbewegungen und den Herausforderungen durch den Angriff auf die Ukraine: gesellschaftliche Krisen, die sich direkt auf die kommunalen Finanzen auswirkten. Die angespannte Haushaltslage der Stadt wird auch der oder dem neuen OB wenig Spielraum lassen. Das gilt ebenso für eine neues Bündnis im Stadtrat.
Und doch erhoffen sich viele Menschen einen Wandel. Denn die Probleme vor Ort sind einfach zu massiv, um sie weiter hinzunehmen. Wir haben daher keine Politikerinnen und Politriker gesprochen, zumal im Wahlkampf zu viele Floskeln zu hören sind; auch Parteiprogramme haben wenig Bedeutung, da sich die Absichten einer Ratsmehrheit erst in einem Bündnisvertrag zeigen. Wir sind also zu Kölnerinnen und Kölnern gegangen und haben gefragt, was ihnen wichtig ist, was sie in ihrem Alltag umtreibt, wie sie auf ihre Stadt blicken. Das sind mindestens so interessante Einblicke, wie die, die man in diesen Tagen auf Veranstaltungen mit den Kandidatinnen und Kandidaten erhalten kann.
Bernd Wilberg
Eine Bücherei wäre cool
Ich kann natürlich noch nicht wählen, aber wenn ich schon dürfte, dann würde ich das auf jeden Fall mal ausprobieren. Ich bin auch schon öfter mitgegangen, wenn meine Eltern gewählt haben. Allerdings kenne ich die Politiker nicht und habe auch noch keine hier in Blumenberg gesehen. Wenn mal einer kommen würde, dann würde ich ihm als erstes unsere Kirche zeigen. Das ist die einzige Attraktion, die wir hier in Blumenberg haben, und ich gehe da auch gerne hin und bete.
Sonst fallen mir eigentlich nur Sachen ein, die in Blumenberg fehlen. Zum Beispiel eine Rutsche. Wir hatten bis vor zwei Jahren eine super Rutsche im Park, aber dann wurde die abgebaut, keine Ahnung warum. Das hat keiner erklärt, und es kam auch kein Ersatz. Außerdem hätte ich hier gerne ein Café, wo auch Kinder hingehen und Eis essen können, und eine Spielhalle, in der wir zocken können. Ich spiele gerne, vor allem alte Videospiele. Auch eine Bücherei wäre cool. Aber das gibt es hier alles nicht.
Neulich war auch das Chorweilerbad zu, also wirklich lange. Jetzt gibt es manche in meiner Klasse, die noch nicht mal das Seepferdchen geschafft haben. Was ich dem Politiker erklären würde: Wenn Kinder in die
5. Klasse kommen, dann werden die von den Schulen oft abgelehnt. Das war bei mir auch so. Ich bin jetzt in der 5. Klasse. Eigentlich wollte ich auf die Gesamtschule hier in Chorweiler-Nord. Da hätte ich es nicht weit gehabt, und meine Mutter wäre froh gewesen, weil ich nierenkrank bin und sie mich immer gern in der Nähe hat. Aber ich wurde abgelehnt. Das war kein schönes Gefühl. Jetzt gehe ich auf eine Schule, die viel weiter weg ist. Da muss ich immer ganz früh den Bus nehmen. Am Wochenende fährt in Blumenberg aber gar kein Bus, da kann man nur die S-Bahn nehmen. Und jetzt gibt es so neue Fahrkartenautomaten, da kann man nur noch mit Karte zahlen. Ich habe aber keine Karte, und meine Freunde auch nicht! Wer denkt sich denn so was aus?
Wenn ich in der Innenstadt bin, gehe ich immer als erstes in den Lego-Laden. Ich liebe Legospielen! Ich habe dem Direktor an meiner neuen Schule schon vorgeschlagen, dass er eine Lego-AG gründen soll. Da wäre ich sofort dabei! Ich will später mal Wissenschaftler werden und Zeitmaschinen erfinden. Aber jetzt freue ich mich erst mal auf den Urlaub, ich fahre mit meinen Eltern auf einem Kreuzfahrtschiff nach Norwegen.
Protokoll: Anne Meyer
Der neue OB sollte einen Mietendeckel einführen
Eigentlich wollte ich in Berlin studieren, aber nach einem Jahr bin ich nach Köln zurückgekommen. Das lag aber nur daran, dass meine Mutter ausgezogen ist und ich ihre Zweizimmer-Wohnung in Nippes übernehmen konnte. Die Miete ist günstig, diese Chance konnte ich mir nicht entgehen lassen. Jetzt studiere ich also in Köln, und meine Wohnung ist zum Treffpunkt für meine Freunde geworden. Die meisten haben nämlich weniger Glück: Sie wohnen entweder noch bei ihren Eltern, weil sie nichts Bezahlbares finden, oder irgendwo außerhalb, in Wesseling oder Niederkassel, wo die Anbindung mit Bus und Bahn grottig ist.
Wer auch immer der oder die nächste OB von Köln wird, sollte dringend etwas gegen die hohen Mieten unternehmen, zum Beispiel einen Mietendeckel einführen. Außerdem finde ich, es sollte verboten werden, dass große Firmen Wohnraum für Spekulationsgeschäfte nutzen. In Berlin ist das aber genauso schlimm wie in Köln. Dort sind dafür die Öffis besser: Die Bahnen fahren öfter, und die Außenbezirke sind besser angebunden. Die Politik in Köln müsste sich dringend besser um die KVB kümmern. Aber dass in der Innenstadt jetzt ein neuer U-Bahn-Tunnel gebaut werden soll, halte ich für keine gute Idee. Das folgt ja genau der Logik, dass oben weiter Platz für Autos bleibt. Davon sollte es aber eigentlich weniger geben.
Ich selber bin eigentlich nur mit dem Fahrrad unterwegs, in Köln kann man damit alles gut erreichen. Aber die engen Straßen sind oft so mit Autos vollgestopft, dass man kaum durchkommt. Ich finde, es sollte mehr Radwege und Fahrradstraßen geben. Genau das wollte ja auch der Kölner Fahrradentscheid, aber die Stadt hat ihn abgelehnt, obwohl genug Menschen unterschrieben hatten.
Ich mag die vielen Events in Köln, ich gehe immer zum CSD, zum Summerjam, und ich feiere natürlich Karneval. Mir gefallen auch die vielen Straßen- und Flohmärkte gut. Früher habe ich mich mit meinen Freunden oft am Brüsseler Platz getroffen, aber seit wir da ständig vom Ordnungsamt weggeschickt werden, machen wir das kaum noch. Irgendwie kann ich ja verstehen, dass die Anwohner Ruhe wollen, aber dass wegen ein paar Leuten so ein Aufstand gemacht wird? Wir treffen uns jetzt eher zu Hause oder gehen in eine Bar oder einen Club. Man kann in Köln gut ausgehen, vor allem in Ehrenfeld, aber es ist irre teuer. Auch Nippes, wo ich aufgewachsen bin, hat sich verändert. Hier sind viele junge Familien hingezogen, man kann sich kaum noch einen Kaffee leisten.
Ich bin sehr an Politik interessiert und kann mir auch vorstellen, mich aktiv bei einer Partei zu engagieren. Bisher hatte ich nur zu wenig Zeit neben Studium und Teilzeit-Job. Ich informiere mich vor allem über Instagram, da folge ich auch einigen Parteien und Politikern, zum Beispiel Ferhat Kocak von der Linken. Die Lokalpolitik in Köln interessiert mich aber nicht so, ich kenne auch die OB-Kandidaten gar nicht. Ich werde mich natürlich noch informieren, bevor ich wählen gehe. Wahrscheinlich wird es aber auf die Linke hinauslaufen, die habe ich bisher immer gewählt.
Protokoll: Anja Albert
Es gibt viele dunkle Ecken in Köln, da habe ich Angst
Ich werde auf jeden Fall wählen — per Briefwahl, das ist für mich einfacher. Ich weiß noch nicht, welche Partei ich wähle — aber nicht die AfD. Die will keine Teilhabe für Menschen wie mich. Ich habe Lernschwierigkeiten, aber das sieht man mir nicht an. Deshalb werden meine Probleme häufig übersehen.
Ich bin auf die KVB angewiesen, damit ich mich in der Stadt bewegen kann. Sie sollte für alle sein, aber die Orientierung ist oft schwierig. Es ist voll, unübersichtlich, und ich verstehe die Durchsagen manchmal nicht. Das macht mich unsicher und stresst mich. Die digitalen Anzeigen sind schwer lesbar. Farben für die KVB-Linien an den Haltestellen würden helfen — wie in anderen Städten. Wir brauchen Bilder für Menschen, die nicht lesen oder schreiben können. Deshalb wären Piktogramme an den Haltestellen gut. Das würde auch Urlaubern helfen. Ich wünsche mir auch mehr Sauberkeit. Die Aufzüge sind oft kaputt oder dreckig und riechen nach Urin. Das ist unangenehm und wenn man auf Barrierefreiheit angewiesen ist, ist das ein echtes Problem.
Ich lebe alleine. Abends gehe ich kaum raus — nicht mal in den Supermarkt, wenn es dunkel ist. Es gibt viele dunkle Ecken in Köln, da habe ich Angst. Ich wünsche mir mehr Sicherheit für Frauen und mehr Beleuchtung. SOS-Säulen mit Notrufknöpfen wären gut, das würde mir ein besseres Gefühl geben.
Ich liebe Tanzen und Musik. Aber oft ist es schwer, inklusive Angebote zu finden und noch schwieriger, da ohne Auto hinzukommen. Und dann muss es bezahlbar sein. Es wäre gut, wenn es eine zentrale Stelle gäbe, an der Freizeitangebote gesammelt werden, am besten in Einfacher Sprache. Menschen mit Behinderung haben leider wenig Teilhabe an solchen Aktivitäten.
Viele Briefe und Anträge von der Stadt Köln sind schwer verständlich. Ich kann die oft nicht alleine ausfüllen. Leichte Sprache und größere Schrift wären gut — auch auf Internetseiten, damit man zum Beispiel Eintrittskarten selbst buchen kann.
Ich war auf einer Förderschule, aber gemischte Schulen finde ich besser. Da lernt man viel mehr für das Leben. Mehr Inklusion in der Schule würde helfen, dass alle lernen, mit unterschiedlichen Menschen zurechtzukommen.
Ich arbeite zwei Tage pro Woche in der Politischen Selbstvertretung von Menschen mit Lernschwierigkeiten, einem Projekt der Lebenshilfe. Wir kämpfen dafür, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten im Alltag mehr Rechte und Teilhabe haben. An den anderen Tagen bin ich in der Werkstatt von der Caritas in der Montageabteilung. Die Mischung finde ich super. Sie bringt Abwechslung. Ich habe Glück mit meinen beiden Jobs. Aber ich wünsche mir mehr richtige Jobs außerhalb der Werkstätten auch für die anderen.
Es ist wichtig, dass sich mehr Leute trauen, ihre Meinung zu sagen. Gemeinsam sind wir stärker. Auch unsere Feste in der Politischen Selbstvertretung finde ich schön — Weihnachtsfeier mit Brunch, Sommerfest oder Karneval. Das gibt Gemeinschaft.
Protokoll: Anja Albert
Die Politik sollte den ÖPNV besser machen
Ich kenne zwei OB-Kandidaten persönlich: Herrn Burmester von der SPD und Herrn Wolfram von Volt. Die haben dem Instagram-Kanal »Koeln.trash«, der sich für ein schöneres Kölner Stadtbild einsetzt und über den man unsere Alternative Stadtführung zum Thema Drogensucht und Obdachlosigkeit buchen kann, ein Interview gegeben und anschleißend eine Führung mit mir gemacht.
Ich weiß noch nicht, wen ich wählen werde. Was mir gut gefallen hat: Volt arbeitet evidenzbasiert. Aber ich möchte abwarten, bis die anderen Kandidaten auch an der Führung teilnehmen und sie dann persönlich befragen. Ich wünsche mir, dass der nächste OB bürgernah ist. Dass er auch mal mit der Bahn nach Hause fährt — dann versteht er unsere Probleme.
Ich war zehn Jahre obdachlos — Berlin, Hamburg, Kassel, Köln, dann lange Frankfurt. Ich war auch drogenabhängig. In Köln habe ich es geschafft, da rauszukommen. Vor allem durch meine Frau, die ich hier kennengelernt habe. Heute habe ich einen festen Wohnsitz, eine Arbeit — zwar noch nicht so gut bezahlt, dass ich mich komplett versorgen kann, aber ich habe viele Ideen und Visionen. Mein großes Ziel ist, komplett aus dem ALG II rauszukommen.
Ich habe in Köln nur Positives und eine große Hilfsbereitschaft erfahren. Das kenne ich aus den anderen Städten, wo ich auf der Straße gelebt habe, so nicht. Es gibt sehr viele Hilfsorganisationen: Das Obdachlosenprojekt Oase und die Straßenzeitung Draußenseiter haben Menschen Beschäftigung gegeben und Sinn gestiftet, auch mir. Und es gibt hier viel mehr private Hilfe als in anderen Städten: Leute verteilen Essen, Tierfutter, Klamotten, reden einem gut zu. Was mich ärgert: Die »defensive Architektur« hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Bänke mit Armlehnen, damit sich niemand hinlegen kann — das ist diskrimierend und menschenfeindlich! Mich stören der Müll und Dreck in der Stadt, die Bahnen sind dreckig, stickig, nicht klimatisiert, riechen oft schlecht. Die Bahnhöfe sind nicht barrierefrei, es stinkt dort oft.
Ich bin körperlich beeinträchtigt und brauche ein Auto, um in die Stadt zu kommen. Der Spruch »Fahrt halt mit dem ÖPNV« ist frech. Besonders, wenn es morgens schon 30 Grad hat wie jetzt gerade. Ich finde es auch nicht gut, dass die Politik einfach Parkplätze wegnimmt, ohne Alternativen zu bieten. Sie sollte den ÖPNV endlich besser und angenehmer machen!
Das größte Problem der Stadt ist aber sicher die Situation am Neumarkt mit der offenen Drogenszene. Crack hat viele Menschen kaputt gemacht. Zum Neumarkt hat sich zuletzt ein Gremium gebildet, aber keiner von denen war mal obdachlos oder nur ansatzweise arm. Ich wünsche mir wirkliche Bürgerbeteiligung mit Menschen wie mir. Ich verstehe die Leute, ich weiß, welche Hilfe sie brauchen. Die Polizei macht alles nur schlimmer. Die Leute werden aufgescheucht und verdrängt und lassen sich jetzt in Ehrenfeld nieder, in einem Wohngebiet mit Kirchengemeinde und Kitas!
Ich habe die Hoffnung, dass das Zürcher Modell, also eine Mischung aus Prävention, Hilfe und Repression, eine Lösung auch für Köln sein könnte. Man könnte die ehemalige Kaufhof-Zentrale umbauen und dort Wohnraum und Hilfsangebote für 1000 Leute schaffen, mit Psychologen, Streetworkern, Ärzten und Leuten wie mir, die die Implikationen von Sucht kennen. Das ist teuer, aber die Kosten, die die Gesellschaft aktuell für Notarzteinsätze oder Justiz zahlen muss, sind viel höher. Eine neue Oper oder ein einzelner neuer U-Bahn-Tunnel helfen der gesamten Gesellschaft nur wenig, verursachen aber extrem hohe Kosten. Das Geld könnte in Köln sinnvoller eingesetzt werden: Menschlichkeit ist gefragt!
Protokoll: Anja Albert
Ich darf nicht wählen — obwohl ich hier geboren bin
Ich darf bei der Kommunalwahl nicht wählen, was ich sehr schade finde, denn ich interessiere mich sehr für Politik. Ich bin in Berlin geboren, habe aber nur die türkische Staatsbürgerschaft. Ich finde, dass auch Migrant*innen ein kommunales Wahlrecht haben sollten, weil die Entscheidungen vor Ort sie direkt betreffen.
Bei der jetzigen Kommunalwahl ärgere ich mich besonders, dass ich nicht mitentscheiden darf. Bei der letzten Bundestagswahl haben rechte Parteien so viele Stimmen bekommen. Ich glaube nicht, dass es in Köln so schlimm wird — hier haben rechte Parteien zum Glück weniger Zulauf, und die Stadtgesellschaft ist ziemlich wach. Trotzdem mache ich mir Sorgen und würde mit meiner Stimme gerne dazu beitragen, dass demokratische Kräfte gestärkt werden. Wenn ich wählen dürfte, wüsste ich aber gar nicht genau, wen. Von vielen Migrant*innen höre ich, dass sie die OB-Kandidatin Berivan Aymaz unterstützen. Die Partei Die Grünen zu wählen entspricht allerdings nicht meinem politischen Interesse.
Ich finde es großartig, wie viele kleine Kulturorte, alternative Zentren und Nachbarschaftsprojekte es in Köln gibt. Die Stadtgesellschaft ist sehr engagiert — und vieles entsteht aus der Initiative der Menschen heraus. Besonders auf der Schäl Sick, wo ich wohne, hat sich viel entwickelt. Der Kulturhof in Kalk zum Beispiel oder das Nachbarschaftsprojekt T.O.N.I., das Ende Juli in der Nähe der Kalker Post eröffnet hat. Dieses »Et hät noch immer jot jejange« ist hier wirklich in der DNA verankert. Wenn die Verwaltung kürzt, machen die Leute eben selbst etwas — das ist echte Teilhabe.
Beim Haushaltsstreit und den Kürzungen fand ich, dass Oberbürgermeisterin Henriette Reker keine gute Figur gemacht hat. Vieles war intransparent. Generell enttäuscht mich, dass Kultur oft gegen Soziales ausgespielt wird. Dabei sind gerade kulturpädagogische Programme an Schulen so wichtig. Wir kommen ja kaum mit den Entwicklungen in den sozialen Medien hinterher — und jetzt kommt auch noch die Künstliche Intelligenz dazu. Ich halte das für gefährlich, vor allem in Bezug auf Fake News. Viele Menschen, nicht nur junge, können KI-generierte Videos oder Interviews nicht mehr von echten unterscheiden. Wir müssen dagegensteuern, mit Kultur- und Medienprojekten an Schulen!
Vieles läuft bei uns auf der Schäl Sick noch langsamer als auf der linken Rheinseite. Die Behäbigkeit der Verwaltung ist wirklich frustrierend. Ein Beispiel ist das Mahnmal an der Keupstraße: Seit zehn Jahren setzen sich Anwohner:innen, Betroffene, Künstler:innen und Initiativen dafür ein — aber Politik und Verwaltung verzögern es immer weiter. Das bin empört und wütend. Ich habe das Gefühl, das Anliegen wird nicht ernst genommen. Auch Baudezernent Markus Greitemann von der CDU, der jetzt OB werden will, und Frau Reker haben dabei kein gutes Bild abgegeben. Vom nächsten oder der nächsten OB erwarte ich, dass das Mahnmal endlich kommt. Berivan Aymaz hat das in ihrem Programm ja angekündigt, hoffentlich hält sie Wort, wenn sie denn gewählt wird.
Protokoll: Anja Albert
Die Ungleichheit ist so groß!
Ich habe mich über die OB-Kandidat*innen informiert, bin aber noch nicht sicher, wen ich wählen werde. Die Vorgänge im Rat verfolge ich kaum, ich war auch noch nie bei einer Sitzung. Vor einigen Monaten war ich aber bei einer Demo vor dem Rathaus, als Gewaltschutzprogramme für Frauen gekürzt werden sollten. Da hat es mich enttäuscht, dass OB Henriette Reker nicht mal rauskam, um die Petition mit über 15.000 Unterschriften entgegenzunehmen. Mein Bild von ihr ist eher negativ, bei mir ist immer noch ihre Äußerung hängen geblieben, dass Frauen in Menschenmengen lieber »eine Armlänge Abstand halten« sollten, das fand ich ziemlich problematisch.
Antidemokratische Tendenzen beschäftigen mich sehr. Auch in Köln erhält die AfD Zulauf, auch hier steigt die Zahl antisemitischer Übergriffe. Hautnah zu spüren bekommen habe ich es bisher zwar nicht, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass ich nicht schwarz bin, keine ersichtliche Behinderung habe oder kein Kopftuch trage.
Das ist eine gefährliche Dynamik, die ich mir bis vor ein paar Jahren nicht hätte vorstellen können. Umso wichtiger ist es, dass die Kommunalpolitik für demokratische Werte einsteht. Jede Kürzung bei Kultur- oder Bildungsprojekten ist fatal, denn durch sie kann man Menschen erreichen und ihnen demokratische Werte vermitteln.
Was mir in Köln auffällt: Es gibt immer mehr Menschen mit Suchterkrankung, die auf der Straße konsumieren und leben müssen. Für mich ist das ein Zeichen, dass es zu wenig Unterstützung in Gestalt von Housing First oder Drogenkonsumräumen gibt. Ich finde es auch extrem hart, dass es nicht mal eine verlässliche Finanzierung für den Anonymen Krankenschein gibt, damit auch Menschen ohne Krankenversicherung wenigstens ärztlich versorgt werden können. Die Ungleichheit ist so groß! Es gibt immer mehr Außengastronomie in der Stadt, wo früher Parkplätze waren, stehen jetzt Tische. Das finde ich zwar schön, aber da lassen sich natürlich nur Personen nieder, die sich das leisten können. Aber wo sind die Räume für die, die weniger Geld haben?
Da ich ein Kind habe, fallen mir noch mehr Dinge auf, die in Köln schlecht laufen: Zum Beispiel ist es kaum möglich, für sein Kind einen Platz im Schwimmkurs zu bekommen. Und dann ist da der Personalmangel in den Kitas, die schlechte Ausstattung der Schulen. Manche haben nicht mal einen vernünftigen Internetanschluss! Enorm wichtig fände ich außerdem, dass unseren Kindern in der Schule Medienkompetenz vermittelt wird. Soziale Medien können als Propagandamittel eingesetzt werden und haben ein sehr hohes Suchtpotenzial. Die Vorstellung, dass wir eine ganze Generation damit allein lassen, finde ich gruselig.
Und was den Verkehr angeht: Dass man auf den Ringen jetzt gut Rad fahren kann, ist wunderbar. Ich bin lieber bei Hagel und Regen mit dem Rad unterwegs als mit der KVB.
Köln ist immer noch eine lebenswerte Stadt. Es gibt ja kaum ein Wochenende ohne irgendein Film- oder Musikfestival! Wenn am internationalen Frauentag demonstriert wird, kann man sich darauf verlassen, dass es großen Zulauf gibt. Es gibt hier viele, denen Demokratie, Klimaschutz und Geschlechtergerechtigkeit wichtig sind. Wenn ich mit Kolleg*innen der Gender Studies aus Hessen oder Bayern zu tun habe, wo das Gendern in Behörden und Schulen verboten ist, sagen die mir: Ihr in Köln könnt euch doch glücklich schätzen!
Protokoll: Anja Albert
Für eine interessante und lebendige Stadt
Ich war neulich in Paris, wo die Innenstadt autofrei ist — das wünsche ich mir auch für Köln. Oder auch Radschnellwege wie in Kopenhagen. Dass man in Köln gut und sicher Fahrrad fahren kann, ist für mich wichtig. Dabei finde ich vieles schon ganz gut, zum Beispiel, dass es breite Fahrradstreifen auf den Ringen gibt, oder auch die Fahrradstreifen von der Deutzer Brücke zum Deutzer Bahnhof, auf der Aachener Straße oder rund um den Neumarkt. Aber es gäbe noch einiges zu tun. Entlang des Gürtels sind die Fahrradwege sehr schlecht, mir ist deswegen dort neulich eine Felge kaputtgegangen. Und immer noch parken in Köln zu viele Autos auf Rad- und Gehwegen. Ich finde gut, dass Autoparkplätze zu Parkplätzen für Fahrräder werden, damit niemand sein Rad auf den Gehweg quetschen muss. Auch dass Parkplätze von der Gastronomie genutzt werden, finde ich schön. Das macht die Stadt lebendig.
Aber es ist gibt nur wenige Plätze, wo man sich gern aufhält. Bänke, Grün, Springbrunnen, ein Café — all das findet man auf Plätzen in anderen Städten. Die Kölner Plätze sind meistens wahnsinnig hässlich und unattraktiv. Mehr spielerische, mobile Elemente im öffentlichen Raum wären auch gut, so etwas macht die Stadt interessanter, in Stockholm zum Beispiel gibt es künstlerische oder auch spielerische Elemente für Kinder und Erwachsene — warum nicht in Köln? Immer noch sind die Plätze stark versiegelt — wohl, weil man sie für Veranstaltungen dann besser nutzen kann. Aber das verträgt sich nicht mit der Anpassung an den Klimawandel. Auch mehr Wasserspender und Trinkwasserbrunnen wären gut. In Freiburg hab ich das gesehen. Überhaupt brauchen wir mehr Begrünung und klimaresiliente Bäume, vor allem in der Innenstadt.
Die Situation am Neumarkt ist schlimm, gerade für einen so zentralen Platz mitten in der Stadt. Meine 17-jährige Tochter vermeidet es, dort umzusteigen. Gleichzeitig finde ich die Situation für die Obdachlosen und Drogenabhängigen würdelos. Wo bleiben die wirksamen Lösungen von der Stadt Köln? Auch im Bereich der Obdachlosigkeit müsste Köln schnelle und kreative Lösungen finden, mir scheint, dass diese Probleme stark zunehmen.
Ich werde wählen gehen. Um die drei Hauptkandidat*innen etwas besser kennenzulernen, werde ich vorher zu einer Diskussionsveranstaltung gehen. Außerdem werde ich mich im Internet, bei den Parteien und lokalen Zeitungen über deren Ideen und Vorhaben informieren.
Protokoll: Bernd Wilberg
Unsere Oberbürgermeisterin hat das gut gemacht
Ich werde auf jeden Fall wählen, per Briefwahl — das ist am bequemsten. Die Kandidaten kenne ich noch nicht so gut, aber meistens bleibe ich auch bei meiner bevorzugten Partei. Aber unabhängig davon gucke ich mir auch die Person gut an. Klar ist nur, die AfD gibt es bei mir nicht!
Ich finde, unsere Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat das gut gemacht. Dass sie zum Beispiel gesagt hat: Das mit den neuen Spielplatzschildern, dass Spielplätze nicht mehr Spielplätze heißen dürfen, ist Blödsinn. Als wenn wir in der Stadt nichts anderes zu tun hätten! Ich habe sie auch mal persönlich kennengelernt bei einem Straßenfest in Nippes. Das war eine schöne Begegnung! Von ihrem Nachfolger würde ich mir wünschen, dass er sich mal um die Bürgersteige in der Stadt kümmert. Hier auf der Kempener Straße kommt man kaum mit dem Rollstuhl voran, weil die Wurzeln der Straßenbäume den Asphalt aufbrechen.
Neulich ist eine alte Dame aus unserer Einrichtung deswegen gestürzt! Und alle paar Meter steht auch etwas im Weg, mal parkt ein Auto auf dem Gehweg, oder es liegt ein E-Scooter am Boden. Diese Dinger finde ich sowieso überflüssig: Da sollen die Menschen sich lieber ein Rad kaufen und in die Pedale treten! Schön wäre es auch, wenn die Bahn mal pünktlich käme. Die armen Mitarbeiter hier in unserer Einrichtung müssen sich oft abhetzen, weil sie wegen der Bahn spät dran sind. Aber Köln hat auch viele gute Seiten. Wir sind ja eine Multikulti-Stadt, und das Miteinander klappt doch ganz gut, bis auf ein paar wenige Ausnahmen. Und die CSD-Paraden laufen bei uns ohne Zwischenfälle, Gott sei Dank.
Ich bin sehr interessiert an Politik, ich schaue Nachrichten und lese Zeitung, die bekommen wir hier jeden Tag in die Einrichtung geliefert. Aber mit den anderen Bewohnern rede ich nicht über Politik, das gibt nur Streit — aber das war schon immer so. Da redet man lieber über schöne Themen.
Ich bin sehr gespannt, wer der nächste Oberbürgermeister wird, und ich würde mich freuen, wenn es wieder eine Frau wäre, denn eine Frau sieht die Dinge auch mal aus einer anderen Perspektive.
Protokoll: Anne Meyer