Der neue Elfer-Rat
Keine Parteienverdrossenheit in Köln: Die Beteiligung an der Wahl zum Stadtrat und für das OB-Amt lag mit jeweils mehr als 57 Prozent deutlich höher als gewohnt, und das, obwohl zeitgleich keine Bundestagswahl stattfand.
Erstmals sind nun elf Parteien im Rat vertreten: neben dem Bündnis Sarah Wagenknecht (BSW) mit zwei Sitzen nun auch mit einem Sitz die als konservativ eingeordnete neue Kölner Stadtgesellschaft (KSG) mit ihrem Parteichef, dem Gastronomen und Hotelier Roberto Campione.
Zu den Verlieren unter den kleinen Parteien in Köln zählt überraschend Gut/Klimafreunde, obwohl die Partei am deutlichsten zentrale großstädtische Themen besetzt, vor allem Klimaschutz und Klimawandelanpassung, Verkehrswende und die Steigerung von Lebensqualität in den Veedeln. Doch die Partei verlor fast drei Viertel ihrer Stimmen gegenüber 2020 und ist bloß noch mit einem Sitz im Rat vertreten. Auch ihre OB-Kandidatin Inga Feuser erzielte nur magere 0,7 Prozent der Stimmen.
Zu den Gewinnern der Wahl zählt hingegen erneut Volt, die Partei, die bislang als kleiner Partner im Bündnis mit Grünen und CDU die Kölner Politik geprägt hat — was Volt, trotz vieler Probleme in Köln, nicht geschadet hat. Mit nun fünf Sitzen, zuvor vier, könnte Volt erneut ein Bündnispartner werden.
Allerdings legt das Wahlergebnis eine Zusammenarbeit von Grünen (22 Sitze), SPD (18) und der Linken (10) nahe — mit einer soliden Mehrheit von fünf Stimmen. Wobei die Grünen mit 25 Prozent zwar erneut stärkste Kraft im Rat sind, aber gegenüber 2020 satte 3,5 Prozent einbüßten, was im NRW-weiten Vergleich (minus 6,5) sogar noch wenig ist. Die Linke hingegen erzielte ihr bislang bestes Ergebnis in Köln, was zugleich den Druck erhöht, nun erstmals in einem Mehrheitsbündnis für sämtliche Entscheidungen und nicht wie zuletzt nur für den nächsten Haushaltsplan voller Einsparungen mitverantwortlich zu sein.
Hingegen wäre eine Neuauflage des bisherigen Bündnisses aus Grünen, CDU und Volt immer auf die OB-Stimme angewiesen, was ohnehin nur bei einem Erfolg von Berîvan Aymaz in der Stichwahl am 28. September möglich wäre.
Zu den Verlieren zählt Gut/Klimafreunde, obwohl die Partei am deutlichsten zentrale großstädtische Themen besetzt
Ihre Chancen gegen Torsten Burmester, den Kandidaten der SPD, stehen in der Stichwahl am 28. September gut. Burmeister erreichte im ersten Wahlgang nur 21,3 Prozent der Stimmen, Aymaz hingegen mehr als 28 Prozent. Nun wird es darauf ankommen, ob Burmester auch einen entscheidenden Teil der Stimmen aus dem konservativen Lager, vor allem von bisherigen CDU-Wählern, bekommen kann. Deren Kandidat, der amtierende Baudezernent Markus Greitemann, landete nur auf dem dritten Platz, wozu sicher auch die Ungereimtheiten beim Ankauf der ehemaligen Kaufhof-Zentrale beitrugen (siehe Stadtrevue 9/2025). Aymaz spekuliert nun auf Stimmen von Linke-Wählern, wobei nicht klar ist, ob diese sich sozialpolitisch nicht eher zum SPD-Kandidaten Burmester hingezogen fühlen. Auch die Wähler der aussichtslosen, aber überraschend starken OB-Kandidaten könnten eine Rolle spielen: Der ehemalige Südstadt-Pfarrer Hans Mörtter erzielte beachtliche 3,45 Prozent, Mark Bennecke von der Satire-Partei Die Partei bekam sogar 3,53 Prozent der Stimmen.
Die gute Nachricht für alle demokratischen Kölner Parteien und Kandidaten ist allerdings, dass der auch in NRW rasant gestiegene Zuspruch für die AfD (14,5 Prozent) in Köln schwächer ausfällt (9,1 Prozent). Dass die Partei aber im Stadtteil Chorweiler nun deutlich vor den anderen Parteien liegt, muss den demokratischen Parteien zu denken geben.
Dazu ist es auch hilfreich, den Blick auf die neun Bezirksvertretungen (BV) zu lenken. Auch hier sind insgesamt die Grünen stärkste Kraft, allerdings dominieren sie erwartungsgemäß nur in der Innenstadt, in Ehrenfeld, Nippes und Lindenthal, also jenen Bezirken, die von einem Milieu geprägt sind, dessen sozialer Status hoch und deren finanzielle Lage im Vergleich gesichert erscheint. Eigentlich sollten in den Bezirksvertretungen die lokalen Probleme thematisiert und gelöst werden. Doch die Mandatsträger folgen hier oft der Linie ihrer Partei im Rat der Stadt — oder sie sehen die BV als Sprungbrett für eine Karriere dort. All das sorgt vor allem in den Außenbezirken für Verdruss. Hier mehr Kompetenzen abzugeben, könnte auch zum Programm eines künftigen Mehrheitsbündnisses im Rat gehören.