Andrea Bleikamp und Manuel Moser vom »Verein Darstellende Künste«: Neuerfindung der Theaternacht Köln; © Gabriele Maria Fischer VdK

Wir sind wie Löwenzahn

Die Kölner Theaternacht erfindet sich neu als Festival der Darstellenden Künste

Andrea Bleikamp, Manuel Moser, Sie sind im Vorstand des »Vereins Darstellende Künste« (VDK) und organisieren die Theaternacht. Was ist dieses Mal anders?

Manuel Moser: Wir spielen nicht an vielen Orten, sondern nur an zwei — die aber besonders schön sind. Wir sind im Heizkraftwerk und in den Osthof Hallen Kalk im CCCC, da liegt gerade der wohl spannendste Kulturort von Köln. An zwei Tagen finden drei Mini-Festivals statt. Besonders freut uns das Kinderfestival, weil da die Kölner Szene besonders groß und vielfältig ist. Am 3.10. von 12 bis 17 Uhr werden Stücke von 13 Kinder- und Jugendtheatern auf dem ­Gelände gezeigt, vom K.K.T. in ­Ehrenfeld oder Casamax in ­Lindenthal bis zu Gruppen wie Pulk Fiktion. Kinder können am Osthof spielen, toben, basteln — ein ­richtiger Familientag.

Andrea Bleikamp: Mich freut ­besonders, dass wir wieder im Heizkraftwerk der Rheinenergie AG spielen. Dass sie uns das ­Gelände jedes Jahr aufs Neue zur Verfügung stellt, bedeutet uns viel — sie unterstützen uns seit 
24 ­Jahren. Die Lichter, die besondere Atmosphäre der Hallen, das ­Gelände pulsiert, es gibt Bühnen innen und außen, das passt unglaublich gut zur Kunstform der Freien Szene. Es gibt Musik, aber auch Risotto, Reibekuchen und Getränkestände. Im halbstündigen Rhythmus werden zwanzigminütige Ausschnitte aus Per­formances gezeigt. Zwischendurch kann man die Atmosphäre genießen, die Szenerie auf sich wirken lassen. 

Die Freie Szene in Köln hat es schwer, sie ist zwar sehr viel­fältig, aber auch bedroht. Was bedeutet die Theaternacht in ­diesem Kontext?

Moser: Es ist eine große Werbeplattform für uns. Wir können am Anfang der Spielzeit der Stadt ­zeigen, was wir alles drauf haben. Insgesamt 30 Gruppen und Häuser kommen zusammen. Es ist ein Markt der Möglichkeiten, bei dem auch Kooperationen entstehen. 
In kulturpolitisch schwierigen Zeiten ist das ein Signal: Wir sind da, wir machen weiter. Jetzt erst recht. Wir haben immer ­prekär ­gearbeitet. Wir sind der Meinung, das muss sich ändern. Aber man wird uns auch nicht weg kriegen. Der Idealismus, Kunst zu machen, wird nicht ­verschwinden, weil es gerade so schwierig ist und Land oder Stadt Kürzungen überlegen.

Was hat das Publikum vom ­Ereignis »Theaternachtfestival«?

Bleikamp: Wer die Szene noch nicht kannte, wird sie da kennenlernen — wer will, kann zehn ­Ausschnitte an einem Abend ­besuchen, Artistik, Clownerie, Performance, Sprechtheater und Tanz — wirklich alles. Wir zeigen rund 150 Vorstellungen auf 25 Bühnen und sind an diesen Tagen ein Ort für Interaktion, Dialog und Begegnung. Der Festivalcharakter, die Konzentration auf zwei ­Spielorte, die Tatsache, dass die Zuschauer nicht den ganzen Abend durch die Stadt hetzen müssen, wird sie begeistern. 
Das Ticket kostet sogar weniger als im letzten Jahr.

Könnt ihr Höhepunkte nennen?

Bleikamp: Zum Beispiel das ­Studio Trafique, das in Nippes ­einen eigenen kleinen Theaterort gegründet hat und digital ex­perimentiert. Gezeigt wird auch der preisgekrönte Media-Walk ­»Liquid« von wehr51 oder ­spek­takuläre Acts vom Aerial Angels-­Ensemble. Häuser wie das ­Bauturm-Theater kommen mit ­»Laios«, einer großen Pro­duktion — aber es gibt auch ­Kleines, wie etwa der »Club 68«, die ein ­intimes Solo vor dem ­Mikro ­performen.

Die Museumsnacht in Köln fällt bekanntlich aus. Kann die neu konzipierte Theaternacht das kompensieren? 

Bleikamp: Der Wegfall der ­Museumsnacht ist eine Katas­trophe, genauso wie der Wegfall der Tanzmesse. Auch die ­Literaturnacht gibt es nicht mehr. Es gibt noch andere fatale An­zeichen für einen generellen Schwund der Kultur, das können wir nicht ­kompensieren. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen. Doch es kostet unglaublich viel Kraft. Aber wir wollen natürlich zeigen, dass die Szene wie ein ­Löwenzahn ist: Wir kommen durch den Beton.

Moser: Wir wollen nach der Wahl neu mit der Politik ins Gespräch kommen. Warum sagt die Stadt nicht: wir verbinden die Kölner Kulturnächte, fördern sie besser und vermarkten sie überregional? Kulturinteressierte Menschen aus Hamburg, Berlin oder Kassel ­würden nach Köln kommen und könnten die Freie Szene aus allen Sparten erleben. Wir würden da gerne zeitnah in Gespräche gehen: Wie kann aus ­kleinen Dingen ­etwas großes ­Gemeinsames ­werden, mit dem man neues ­Publikum erreicht?

Im letzten Jahr wurden ange­kündigte Kürzungen für die Freie ­Szene noch zurückgenommen. Wie seht ihr die Lage der Kölner Theaterszene zu Beginn der neuen Spielzeit?

Moser: Die Lage wird ­tendenziell schlechter. Wir merken zur Zeit, dass viele Leute die Szene ver­lassen oder weniger Produktionen auf die Beine stellen.

Bleikamp: Zwar ist die Projekt­förderung nicht direkt betroffen — aber die Strukturen sind nun nicht mehr finanziert und brechen zusammen. Ich mache jetzt mit ­meinen Kolleginnen zusammen wieder alle Sachen selbst, jeden Antrag, jede Abrechnung. Das noch größere Problem ist aber: 
In Zukunft wird Kunst nur noch von Menschen gemacht werden, die sich das finanziell leisten ­können. Das hat große Auswirkungen auf die Geschichten, die auf der Bühne erzählt werden. Ständig überlegen wir, wie wir neue Publikumsgruppen akquirieren und mehr Partizipation ­ermöglichen können. Aber wie sollen wir dies Menschen erzählen, die mit dieser Lebensrealität nichts zu tun haben? Wir waren da schon einmal auf einem anderen Weg, das hatte sich gut angefühlt.   

Was erhofft ihr euch vom ­Intendanzstart von Kay Voges?

Moser: Es funktioniert nur zu­sammen. Es braucht eine starke Institution, damit die freie Szene blühen kann. Wir freuen uns auf die Premieren und hoffen, dass er das tut, was er auch angekündigt hat, nämlich mit der ­freien Szene zu kooperieren. Da liegt ein ­riesiger Schatz, der noch nicht ­gehoben wurde. Wir ­wünschen uns ­einen Austausch auf Augenhöhe — und dass nicht nur ein­zelne Player zur Kooperation ­herausgesucht werden.

Bleikamp: Ich komme aus dem Stadttheater und weiß, wie wichtig ein starkes Stadttheater für die freie Szene ist — beides darf nicht gegeneinander ausgespielt ­werden. Genauso wenig wie ­Kultur gegen Sport oder Soziales. Diese Dreifaltigkeit gemeinsam in der Entwicklung der Stadtgesellschaft mitzudenken, wäre ein ­großes Ziel, gerne zusammen mit Kai Voges.

Infos unter fddk.de