Moritz Riesenbeck, »User (lean)«, 2025. Blasebälge (ca. 1800), 2 Positionen/ 3-Wege Magnetventile und Steuerung, doppeltwirkende pneumatische ­Zylinder und Zubehör, CNC — Gravur; Foto: Der Künstler

Normcore

Moritz Riesenbeck erhält das Friedrich-­Vordemberge-Stipendium 2025

Die Arbeiten von Moritz Riesenbeck (*1991) sind orts- und situationsbezogene Interventionen zu Tod, Demenz, Überlastung und Ausbeutung. »Themen, über die nicht gern gesprochen wird, für die sich aber die Kunst besonders eignet«, so der Künstler, der die Münster School of Architecture sowie die Kunstakademien in Münster und Düsseldorf besucht hat. Seine Projekte entstehen ­beispielsweise in der Wohnung einer Frau, die nach vier Jahrzehnten krankheitsbedingt ­ausziehen musste. Hier machte ­Riesenbeck die »Auflösung« von Erinnerung, Orientierung, Geist und Identität auf vielfältig erfahrbar: mit einer Augmented-Videoinstallation und einer 8-Kanal-Klangmontage, für die er die ­Sängerin Hanna Schörken gewinnen konnte, die einen Chor für demente Menschen geleitet hat.

Solche Kollaborationen sind für Riesenbeck entscheidend: Es gehe ihm darum, »die richtigen Leute zu finden, die verstehen, was ich meine«. Er steht unter ­anderem in engem Austausch mit Neurolog*innen, Musiker*innen und Ingenieur*innen. Eine, die schwedische Ingenieurin Astrid Lindner, hat den ersten »weiblichen« Crash-Test-Dummy ent­wickelt. Aus dieser Zusammenarbeit ist unter anderem die Publikation «Normcore” entstanden.

Zuletzt hat Riesenbeck sich ­pneumatischen Zylindern zu­gewandt. Diese gehören zum Werk »User (lean)«, das aus zwei 200 Jahre ­alten Blasebälgen besteht, an ­denen in der vorindustriellen ­Eisenherstellung auch Kinder ­arbeiten mussten. Auf einem der Bälge hat Riesenbeck eine ­ab­strahierte Zeichnung von Goya graviert, die die Kinderarbeit mit ­bitterem Spott anprangert. 

All das ist jedoch längst passé: Die Stahlproduktion wurde nach China verlagert, und das Heben und Senken der Blasebälge hat hier ein roboterbetriebener ­Kompressor übernommen: Es scheint, als würden sie atmen und durch die Verbindung der verschiedenen Zeitschichten die Frage nach der Fortsetzung ihrer Geschichte aufwerfen. 

Moritz Riesenbecks komplexen und mitunter verstörenden Werke und Werkzyklen sowie sein Engagement im Kunstforschungs-Verein »About Repition« und gleich mehrere Publikationen wurden gerade erst mit dem Friedrich-Vordemberge-Stipen­dium der Stadt Köln ausgezeichnet. Die dazugehörige Ausstellung in der Artothek beginnt Ende des Monats.

Ausstellung: Moritz Riesenbeck, ­Artothek Köln, Am Hof 50
Ab 30.10., Di–Fr 13–19 Uhr, Sa 13–16 Uhr
Artisttalk: »Nachtfoyer: Normcore«, Kunsthalle Düsseldorf, 21.10., 19 Uhr