Ganz schön muskulös: Jugend fotografiert

Motiv: Mädchen?

Theo Heiermann, »Jugend fotografiert«, Wallrafplatz

An der Fassade des Geschäfts­hauses von »Foto Lambertin« am Wallrafplatz hängt ein bronzenes Figurenpaar. Die beiden Hausheiligen sind zwei nur mit kurzen Hosen bekleidete Jungen. Der eine sitzt auf den Schultern des anderen, hat die Arme nach oben gestreckt und blickt zu einem kleinen Kasten in seinen Händen. Es handelt sich um eine 1959 entstandene Plastik des für Sakralkunst bekannten Kölner Bildhauers Theo Heiermann (1925–1996).

Wie viel weltliche Historie in den beiden steckt, erfährt man im Gespräch mit Frank Lambertin, der das ursprünglich 1949 in einem Brückenbogen am Hauptbahnhof gegründete Fachgeschäft mit seinem Bruder in ­dritter Generation betreibt. Der kleine Kasten ist eigentlich eine zweiäugige Rolleiflex. Der Clou daran ist, dass man von oben auf die Einstellscheibe sehen und das Motiv dezent auf Bauchhöhe scharfstellen kann, weshalb diese Kamera in den 1950er Jahren bei Reporten sehr beliebt war. Der junge Fotograf hält sie allerdings nicht nur über sich, sondern auch noch falsch herum. Damit waren für das hinter einem Hindernis anvisierte Motiv, Mädchen, wie man im Laden vermutet, ein paar weitere Höhenzentimeter gewonnen, exakter Bildausschnitt egal — 1959 hätte man die heimlichen Knipser wohl Lausbuben genannt. Heute gilt das Recht am ­eigenen Bild.

Wie sich herausstellt, heißt die Plastik »Jugend fotografiert«, womit die Kölner Geschichte in den Fokus rückt. 1951 eröffnete die erste »photokina. Internationale Photo- und Kino-Ausstellung Köln«, die über Jahrzehnte weltweit größte Fotomesse. In der Ausstellung »Jugend photographiert« zeigte man ab 1954 die ­Ergebnisse eines bundesweiten ­Jugendfotowettbewerbs. 

Die Bronzeplastik entstand übrigens nach einer Holzskulptur, die in Frank Lambertins Kindheit im heimischen Hausflur stand. Er ­erinnert sich, dass sie zum ­Ärger der Mutter von Söhnen und Ehemann gerne als Kleiderständer genutzt wurde. Letzterer, Heinz Erich Lambertin, eröffnete 1964 das Geschäft am Wallrafplatz und war nebenher als Fotograf für die Kölnische Rundschau tätig. Er hatte für den Jungen mit der ­Kamera Modell gestanden. Der Stehende ist sein Cousin Theo Lambertin. Der wurde indes Künstler und ließ sich vom ­kölnischen Alltag, seinem künstlerischen Umfeld oder dem ­Weltgeschehen zu provokant-hinter­sinnigen, oft ­collageartigen Werken ­inspirieren.