Durchkreuzende Fluchtlinien
»Die Geschichtenerzähler machen weiter« schreibt Rolf Dieter Brinkmann 1975. Fünfzig Jahre später ist dieses Zitat aus seinem Gedichtband »Westwärts 1&2« Stichwortgeber für die Reihe »Mind the Gaps«, bei der im King Georg bis in den Dezember hinein das Verhältnis von Pop und Literatur beleuchtet wird. Denn auch wenn die Gegenwart das Weitermachen nicht unbedingt einfacher gemacht hat — geschrieben wird immer noch. »Ich lebte für das Notieren (…). Ich schrieb gegen die Gegenwart an, heimlich, gegen die Realität vielleicht«, schreibt T., der Ich-Erzähler aus Marius Goldhorns zweitem Roman »Die Prozesse«, den er im Oktober dort vorstellt.
T. und sein Liebhaber, der wortkarge Upper-Class-Aussteiger Ezra, durchstreifen ein Europa, dessen Zentrum nichts mehr zusammenhalten kann. In Brüssel, ihrer ersten Station, wird die anti-koloniale »Saison au Congo« gefeiert, während Riots ausbrechen, bei denen sich die Polizisten weigern, gegen die Demonstrierenden vorzugehen. Währenddessen wird das Museum der Europäischen Kommission von Kommunard:innen besetzt und bis zum Ende des Romans nicht geräumt.
Das Erschaffen einer anderen Realität ist allgegenwärtig in »Die Prozesse«. Ezra hat eine Online-Persona namens »Deborn« angenommen, für die »das Nachdenken über das Aussterben zum Zentrum unserer Kultur werden« muss. Deborns Blogeinträge und Posts machen Ezra so bekannt, dass er dafür körperlich attackiert wird. T. baut unterdessen 3D-Modelle für die Onlinewelt Egregore, eine selbst-regulierende »Lebenssimulation«, in der die Nicht-Spieler-Charaktere eigene Rituale entwickelt haben, deren Sinn selbst ihren Programmierer:innen verschlossen bleibt. »Die Welt ist sehr geheimnisvoll« sagt T. im Roman, »jede Welt«.
Für diese Rückverzauberung hat Goldhorn eine passende Sprache gefunden. Empfindsam schildert er die Blicke, mit denen T. den Körper von Ezra mustert, der sich im Zuge einer Krankheit zu verändern beginnt und die Zweifel daran, ob ihre Beziehung die Krankheit überdauern kann: »Es war ungerecht, dass ich gesund war. Ich wünschte mir, ich wäre krank. Nicht, um ihn zu erlösen, sondern mich.« Während er dies schreibt, ist T. mit Ezra in Ligurien. Dort sind die vermeintlichen Werte des alten Europas längst an ihren Widersprüchen zugrunde gegangen. Der Wohlstand der Region wird von versklavten Erntehelfer:innen erwirtschaftet, weiße Italiener:innen werden vom Staat dafür subventioniert, für die Touristen Italien-Klischees zu verkörpern. Eine rechtsextreme Riquonquista terrorisiert die Townships der migrantischen Erntehelfer:innen und all diejenigen, die sich der Versteppung der Region entgegenstellen wollen.
Auch wenn die Gegenwart das Weitermachen nicht unbedingt einfacher gemacht hat — geschrieben wird immer noch
Inmitten all dessen hält auch T. an einem längst obsoleten Ideal fest: »Ich hatte diesen Verschmelzungstraum von uns, einem Künstlerpaar, in einem schönen Garten in Italien.« Beide arbeiten dort an ihren Büchern, Ezras wird bis zu seinem Tod Fragment bleiben — wie so vieles in »Die Prozesse«. Goldhorns Worldbuilding ist unabgeschlossen, er zeichnet eher Fluchtlinien als Fluchtorte. Das gilt auch für die Brüsseler Kommune selbst, in der T. schließlich Zuflucht findet. Ihr zentraler Ritus sind inszenierte Prozesse gegen Diktatoren oder Kriegsverbrecher, die dort dazu verurteilt werden, im Archiv mit einem X versehen und gelöscht zu werden. »Die gesamte Kommune war eine riesige, hoch komplexe Maschine des Vergessens und Neuschreibens«, sagt T., und in gewisserweise gilt das auch für »Die Prozesse« selbst: ein Text als offenes Kunstwerk, das beim Lesen weitergeschrieben wird.
Das Schreiben spielt auch in Fatima Khans »Madonna in den Trümmern« eine zentrale Rolle. »Ich frage mich, ob das Schreiben der verzweifelte Versuch ist, dir näher zu kommen«, schreibt die Ich-Erzählerin des Textes, mit dem Khan dieses Jahr beim Bachmann-Wettlesen teilnahm, an ihren Vater, einen Intellektuellen, der in der BRD nie Anerkennung erfuhr. Wie sie ihre Abscheu vor der »Vatersprache« mit Erinnerungen an Kirchen, Trümmer und Beton in Köln zusammenbringt, erzählt auch Fatima Khan diesen Monat bei »Mind the Gaps«. Die Geschichtenerzähler:innen machen weiter.
Marius Goldhorn: »Die Prozesse«, KiWi, 288 Seiten, 23 Euro