Schichten im Eis
Es beginnt mit einem Lied zum Nationalfeiertag: »/Hæ hó, jibbí jei og jibbí jei/, rauf und runter«. Zuckerstangen, Nationalfarben: die isländische Fahne auf Wangen, Muffins und Girlanden in Meeresblau, Eisweiß, Lavarot. Berit Glanz, Journalistin und Autorin, wirft in »Unter weitem Himmel« Leser:innen durch atmosphärisches Erzählen mitten hinein in die Handlung und die Landschaft dieses Buchs — und ins Jetzt: Der Prolog ist auf den 17. Juni 2025 datiert.
Maris und Adam fahren mit dem Motorboot auf den Fjord, blicken in die im Juni noch schmutzigen Schneereste an Berghängen und freuen sich auf die bevorstehende Mitternachtssonne. Am heutigen Tag möchte Adam Kabeljau fangen, »einen Schellfisch mit schwarzer Seitenlinie oder einen gestreiften Seewolf, der noch lange, nachdem er aus dem Meer gezogen wurde, mit seinen scharfen Zähnen heftige Bisswunden zufügen kann«. Die Verankerung des Menschen in der Natur wird hier durch die satte Sprache von Anfang an offensichtlich und die schönsten Tiernamen, von Vampirtintenfisch bis Rippenqualle, lassen sich im Buch finden — sogar die Perspektive eines hunderte Jahre alten Eishais wird eingenommen.
Kapitel für Kapitel werden Schichten freigelegt: im Prolog das Heute, von dort ausgehend unterschiedlich weit entfernte Vergangenheiten. Zu Olier in den Kabeljaufang vor Island im Jahr 1906, zu Sólrun im selben Jahr, die im französischen Krankenhaus an den Ostfjorden arbeitet und Oliers Cousin im Fieber pflegt. Dann wieder zu Maris, die im Jahr 2024 als Genetikerin den Gensatz isländischer Schaf-Chimären erforscht und überlegt, ob sie versuchen soll, ihren biologischen Vater zu finden.
Die Beschreibungen der Étoile du Marin, die im März 1906 von Dünkirchen in Richtung Nordmeer ablegt, sind besonders eindrücklich. Nicht nur die Beschreibung des Geruchs und Zustands an Bord, auch das hohe Risiko, das die Kabeljaufischer Jahr für Jahr eingehen, um Fisch ans europäische Festland zurückzubringen, werden hier greifbar.
Es gelingt dem Roman enorm gut, den Alltag der Protagonist:innen in seiner Prägung durch die sie umgebende Geographie sichtbar zu machen. Dabei spricht die Liebe für diese Insel, auf der die langsame Verschiebung der Kontinentalplatten in den »Fließspuren der Lava« und Rissen nach Erdbeben sichtbar sind, aus den detailgenauen Beschreibungen jeder Erzählebene.
Berit Glanz: »Unter weitem Himmel«, Berlin Verlag, 256 Seiten, 24 Euro