Materialien zur Meinungsbildung

Was man alles so erlebt

Vor noch nicht allzu langer Zeit, da war all das, wo Menschen zusammenkommen sollten, ein Event, ein Ereignis. Von der Großveranstaltung mit Gedröhne, Dixie-Klos und Hüpfburg bis hin zu den exquisit-schludrig inszenierten Treffen für die Metropolen-Jugend mit irgendwas, das sie als Kultur bestaunen konnte. Nun aber ist es mittlerweile so, dass das Wort Event und damit der Begriff des Ereignisses überhaupt keinen guten Klang mehr besitzen. Vielleicht auch, weil sich in letzter Zeit schein­­bar so viel Schlechtes und Unnötiges ereignet, dem man sich ausgeliefert fühlt. Und so wird statt des Events nun allenthalben ein »Erlebnis« beworben. 

Selbstverständlich erlebt man auch bei einem »Ereignis« etwas — aber eben als einer unter vielen. Ein Ereignis kann uns überkommen (Vulkanausbruch, kostenlos) oder wir setzen uns ihm gegen ­Bezahlung bewusst aus (Helene-Fischer-Show, 164,40 Euro). In diesem Fall wird man dann zuverlässig in die vom Eventmanagement geplante Erregung versetzt: kreisch, jubel, süffel, laber, lach. Im Gegensatz dazu verspricht uns ein »Erlebnis« die individuelle Ausdeutung dessen, dem wir uns aussetzen. Das fühlt sich anscheinend besser an. Und nur das kann der Grund für meine vielen verstörenden »Erlebnisse« sein, die auch ein Stubenhocker wie ich geboten bekommt. 

Nur das kann der Grund sein, warum mir seit neuestem das, was ich kaufe, ein »erfrischendes Dusch-Erlebnis«, »ein inspirierendes Genuss-Erlebnis« oder gar ein »befriedigendes Download-Erlebnis« versprechen. Die Betonung des individuellen Erlebens bei gleichzeitig pauschal garantierter Qualität dessen — das scheint es zu sein, was die Kundschaft sich wünscht.

Überhaupt erzählen die Menschen ja so oft wie nie zuvor, wie sie etwas erlebt oder wahrgenommen haben. Es ist nicht so wichtug, was passiert, sondern wie es erlebt wird. Immer häufiger sind etwa Beiträge im Rundfunk in der ersten Person Singular verfasst. Es heißt dann: »Hallo, mein Name ist Lukas Spaltschauer-Damme und ich wollte für euch herausfinden, warum es eigentlich kein Katzenfutter mit der Geschmacksrichtung Maus gibt, ist doch strange, und da hab ich erst mal beim führenden Tierfutter-Hersteller angerufen und bin in der Warteschleife gelandet ...« Es ist eine Mischung aus Transparenz-Pathos, etwas Narzissmus und dem, was man heute »Kommunkation auf Augen­höhe« nennt. Herr Spaltschauer-Damme könnte natürlich das sprachliche Sperrgut in der Rumpelkammer lassen und einfach mitteilen, dass Katzenfutter aus dem Abfall besteht, der bei der massenhaften Fleischproduktion entsteht, und dass Menschen halt kein Mäuse-Pastrami-Sandwich essen wollen, solange das kein ­Influencer den Followern befiehlt. Aber dann hätte man den Hörer des Beitrags halt nicht »abgeholt« und »mitgenommen«. Heute wollen alle immer abgeholt werden.

Wenn ich vorschlage, doch mal wieder eine Pommes bei »Stukkis’ Gyros-Tempel« zu essen und mit ein, zwei Bierchen runterzuspülen, dann rollt Gesine Stabroth mit den Augen und zischelt »Nicht dein Ernst jetzt, oder?«, während Gesine Stabroths »beste Freundin Tine«, die »was erleben will«,  um Fassung ringt und ihr Sprüchlein für solche Situationen aufsagt: »Erst mal Danke für deinen Input, aber ich fühle mich davon irgendwie nicht abgeholt, um ganz ­ehrlich zu sein.« Und bald darauf sitzen wir dann in einem dieser Läden, in dem es demnächst wahrscheinlich Mäuse-Pastrami-Sandwiches aus Erbsenprotein ­geben wird, aber bis dahin halt erst mal diese teuren Salate, von denen man nicht satt wird und die man mit Stäbchen essen soll, obwohl das ja völlig unmöglich ist. Das schmälerte mein Genuss-Erlebnis beträchtlich, um ganz ehrlich zu sein.