Heiliger oder Teufel
Herr Lapid, Ihr neuer Film »Yes« handelt von einem Künstlerpaar, das jeden Auftrag von der Elite Tel Avivs annimmt, um über die Runden zu kommen. Zugleich handelt »Yes« auch von der israelischen Gesellschaft nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober. Ihr Film sorgt seit der Premiere im Mai in Cannes für starke Reaktionen von allen Seiten.
Die Leute scheinen sich aber darüber einig zu sein, dass dieser Film etwas Besonderes ist. Einerseits sieht es so aus, als würde er sich auf die täglichen Nachrichten beziehen, andererseits wirkt er wie eine Fabel oder ein Musical. Er geht auf formaler Ebene sehr weit und verlangt vom Publikum, Stellung zu beziehen, nicht nur zu Israel und Gaza, sondern in gewisser Weise auch zum Kino. Dabei hatte ich mit dem Drehbuch schon viel früher begonnen. Ursprünglich sollte »Yes« eine Tragikomödie über einen Künstler werden, der nie »Nein« sagen kann und dessen Kunst von Geld und Macht korrumpiert wird. Dann kam der 7. Oktober und ein Abgrund öffnete sich, der mit jedem Tag größer wurde. Anders als andere Künstler, die schnell bereit waren, aufbauende Kurzfilme zu drehen oder für Soldaten zu singen, wurde mir klar, dass ich da nicht mitmachen kann und meinen eigenen Weg finden muss, auf den Schrecken zu reagieren.
Sie haben mit Ihren Filmen immer wieder die Machtstrukturen in Israel hinterfragt. Was hat das Massaker vor zwei Jahren verändert?
Natürlich ist »Yes« ein sehr persönlicher Film und wohl mein verzweifeltster bisher, aber es hat auch noch nie so viel Liebe gegeben. Ich lebe seit etlichen Jahren hauptsächlich in Paris. Dann passiert so etwas wie der 7. Oktober und ich empfinde plötzlich eine seltsame Zärtlichkeit gegenüber meinem Land und den Menschen, die ich kenne, Gefühle, die ich lange Zeit nicht empfunden habe. Und doch weiß ich, dass es zum Schlimmsten kommen wird. Wie kann ich mit diesen beiden Gefühlen umgehen? Der Film versucht nicht, das zu rationalisieren, sondern es ist in gewisser Weise alles gleichzeitig. Weil ich denke, wenn man Tel Aviv nicht versteht, kann man Gaza nicht verstehen und umgekehrt.
Wann haben Sie gedreht?
Wir haben am 7. Oktober 2024 mit den Dreharbeiten begonnen. Auf den Tag ein Jahr danach. Aber es war nicht einfach, kaum jemand wollte mitwirken oder Geld geben. Ich habe noch nie so viele Absagen erhalten.
Am Ende ist nichts mehr rein, nichts mehr intim
»Yes« ist eine der ersten filmischen Reaktionen auf die Angriffe und wie sie sich auf Einzelpersonen, aber auch auf die Gesellschaft auswirken. Ist es eine Art Exorzismus oder das Symptom eines Traumas?
Ich will zeigen, wie viel Schönheit es gibt: das Meer, Gesten der Liebe, Tanz und Musik. Aber am Ende ist nichts mehr rein, nichts mehr intim. Das ist der Moment, in dem ein Ort in gewisser Weise unbewohnbar wird. Wie kann man in einem Land, das Krieg führt, einen normalen Alltag leben? Israel ist ein Ort, an den Menschen flohen, um dem Faschismus zu entkommen, und der selbst immer faschistischer wird. Die Lyrikerin Dalia Ravikovitch schrieb 1987 ironisch in einem Gedicht: »Es hat keinen Sinn mehr, es zu verbergen: Wir sind ein missglücktes Experiment, ein fehlgeschlagener Versuch, ein Test, den man nicht bestanden hat.«
Fühlt es sich einsam an, als Israeli die Handlungen der eigenen Heimat zu kritisieren?
Es gibt viele, die das tun, aber die Realität scheint sich kaum zu ändern. Ich würde mich nie als politischen Exilanten bezeichnen. Ich werde nicht ins Gefängnis gesteckt, wenn ich zurückkehre. Nach dem 7. Oktober brauchte ich einige Tage, um mich von dem Schock zu erholen, dann wurde mir klar, dass ich nach Israel gehen musste. Ich spüre es als Verpflichtung, zu verstehen, was in Israel passiert, auch wenn ich weit weg lebe.
Der Film wird auch von Leuten kritisiert, die ihn pro-israelisch finden.
Manche werfen mir vor, zu weit weg zu sein, aber kritisieren fehlende Distanz. Als würde man jemanden, der sich mitten in einem Tsunami befindet, bitten, Abstand zu wahren. Wenn man von allen Seiten angegriffen wird, ist man entweder Heiliger oder Teufel. Vielleicht sogar beides. Es ist aber nicht der Punkt, für diese und gegen die andere Seite zu sein. Es geht um die Frage, wie man sich als Künstler einspannen lässt, um moralische Korruption. Am Ende ist vielleicht Weggehen die einzige Möglichkeit. Auch wenn man nicht weiß, wohin.