Gefühle und ihre Konstruktion: Cate Le Bon; Foto: H. Hawkline

Architektur des Fremden

Cate Le Bon kommt ins Gebäude 9

Die Sängerin, Produzentin, Konzeptualistin Cate Le Bon gehört zu jener seltenen Spezies Popkünstler:innen, deren Werk sich weigert, in biografische Eindeutigkeit überführt zu werden. Ihre Musik — kühl, fragmentarisch, von artifizieller Klarheit — ist kein Ausdruck, sondern ein Entwurf. Sie ist kontrollierte Intimität: ­keine Distanz, aber auch keine Behaglichkeit; Offenheit, aber ­keine Überwältigung. 

Le Bon operiert seit gut anderthalb Jahrzehnten im Spannungsfeld von Songform und Konzeptkunst. Ihre Alben sind Versuche, das »Lied« als kleinste — nota bene: soziale Einheit des Pop neu zu konfigurieren. Schon früh — auf »Mug Museum« (2013) und »Reward« (2019) — ­experimentierte die Waliserin mit der Auflösung von Melodien und linearen Rhythmen, um sich gegen vordergründige Eingängigkeit zu sperren. Dass sie inzwischen auch als Produzentin (für John Grant, Deerhunter, Devendra Banhart) arbeitet, verleiht ­ihrem Werk die Aura eines Studios, das aber weniger Aufnahme- als Reflexionsraum ist: hier wird Pop durchdacht.

Im Rückblick erscheint Le Bon als Gegenfigur zur emotional aufgeladenen Frontfrau des Indie der 2010er Jahre. Wo andere auf Authentizität setzten, beharrt sie auf Entfremdung. Diese Haltung hat eine Geschichte: Man hört in ihrer Musik die Erbschaft der Post-Punk-Architektinnen — Siouxsie Sioux, Lizzy Mercier Descloux, die ­frühen Talking Heads —, aber auch den Einfluss »walisischer« Distanziertheit, jener kühlen Provinzhaltung, die sich nie ganz in die Londoner Szenen einfügen wollte.

Ihr aktuelles Material klingt, als würde Brian Eno mit der Hellhörigkeit Robert Wyatts und zeitgenössischer Gitarrensprödigkeit verkeilt: fragile Strukturen, dennoch stringent inszeniert. Le Bon denkt Sound als Topographie. ­Jeder Ton markiert eine Grenze, jede Pause eine Leerstelle, die von der Hörerin gefüllt werden will. Es ist Pop als Kartografie des Unverfügbaren.

Dass ihr Kölner Konzert im ­Gebäude 9 stattfindet, ist fast programmatisch. Hier haben sich über die Jahre jene Künstler:innen versammelt, die Pop nicht als Format, sondern als Forschung begreifen: von Juana Molina bis Jenny Hval. In diesem Kontext erscheint Le Bon als Fortsetzerin einer feinen Linie post-experimenteller Pop-Autonomie, in der ein intellektuelles Konzept sich in nahbaren ­Kompositionen realisiert — und das gelingt bekanntlich selten.

Zugespitzt gesagt: Le Bon spielt nicht Songs, sie zeigt Strukturen. Sie vetont keine »Gefühle«, sondern deren Konstruktion. (Auf der Bühne fehlt freilich jede Steifheit!) Sie erinnert uns daran, dass Pop ­immer eine Frage der Form bleibt — und dass in ihr die Politik offener Gemeinschaft steckt.

stadtrevue präsentiert
Fr 14.11., Gebäude 9, 20 Uhr