Bauch, Beine, Po und wieder von vorn
Verena Keßlers neuer Roman »Gym« beginnt mit einer Lüge — in einem Bewerbungsgespräch. Ferhat macht die namenlose Erzählerin darauf aufmerksam, dass sie nicht ganz in das Team passe, das den Ort »gewissermaßen, nun ja, verkörpern« müsse. Und die Mitt-Dreißigerin entgegnet ihm, gerade erst entbunden zu haben. Dies verschafft ihr den Eintritt in die Arbeitswelt des Mega Gym: »ein Palast aus glänzenden Oberflächen«, in dem der größte Teil der Handlung spielt. Nicht Teile, sondern drei Sätze (der dritte ist natürlich der kürzeste) strukturieren diese, wobei immer wieder zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart gesprungen wird. Die Lüge sorgt dabei zu Beginn nicht nur für ein gewisses Eskalationspotenzial, sondern sie setzt das feministisch perspektivierte Thema: die Brutalität körperlicher Veränderung.
Die Protagonistin wird sich in eine Konkurrenzsituation mit einer anderen Frau begeben — sie wird sich körperlich stark anpassen, so gesehen der Oberfläche des Studios unterwerfen und das Mega Gym im wahrsten Sinn des Wortes verkörpern. Die Sprache ist dabei Ich-erzählend und retrospektiv, was mit den unterschiedlichen Zeitebenen zusammenhängt.
Gerade die Vergangenheit der Protagonistin, in der sie ebenfalls im Rahmen einer kongruenzbehafteten Beziehung zu einer anderen Frau in einem Corporate-Umfeld arbeitete und diesen Job schließlich verlor, wird immer wieder unterbrechend in die Beschreibungen des Alltags im Mega Gym eingeschoben. Es existiert keine klare Trennung der Räume dieser Welten. Prinzipien von Kongruenz und Abrichtung, Dynamiken der Wiederholung stupider Abläufe und die damit eingehende Leere scheinen sich nur zu verschieben. Der Unterschied ist aber, dass die Protagonistin anfängt, einen klaren Erfolg zu sehen: wachsende Muskeln. »Von da an kannte ich keine Scham mehr. Jahrelang hatte ich hochgeschlossene Blusen zur Arbeit getragen, knapp unter dem Schlüsselbein zugeknöpft, war verschwunden in der Neutralität meiner angemessenen Kleidung. Jetzt wurde ausgepackt«, heißt es im Roman.
Die Arbeit im Gym erscheint der Protagonistin als Flucht, die Abrichtung ihres Körpers als Form der Ermächtigung und Emanzipation, während jedoch als Leser:in besonders ab der zweiten Hälfte klar wird, dass wir es mit keiner Geschichte erfolgreicher Überwindung, sondern einer Wiederholung zu tun haben.
Die Arbeit im Gym erscheint der Protagonistin als Flucht, die Abrichtung ihres Körpers als Form der Ermächtigung und Emanzipation
Diese Einheit umfasst drei Sätze, die sich schließlich in einer brutalen Eskalation entladen. Das Körperliche wird dabei in einer sich weiter steigernden Sprache ausgebreitet: »Die Leggings gab mir das Gefühl, dass jede nur denkbare Bewegung möglich war. Und ich war noch nie unter meinen Möglichkeiten geblieben.« Gerade diese Stellen, in welchen mit der sich steigernden Abrichtung der Protagonistin gearbeitet wird, und zwar in ihrer vollen Tragik und gleichzeitigen Absurdität, sind mit Abstand die stärksten. Die dabei mit sehr kurzen und harten Sätzen hervorgerufenen Bilder orientieren sich am Körperhorror, der die Protagonistin genretypisch damit gemeinsam mit dem fehlenden Namen, als Charakteroberfläche mit gesellschaftlicher Tragweite zeichnet.
Es ist gerade im Angesicht einer Reihe von ähnlichen Filmen, Büchern und Musik der letzten Jahre jedoch schwierig, bei diesen Stellen von besonderer Originalität zu sprechen. Und doch hat gerade der letzte »Satz«, zu dem hier nichts verraten werden soll, als Epilog sehr spannende Tendenzen. Eindeutige Schwächen wiederum zeigen sich besonders im Anfang, bei welchem vor allem über Alltagsbeobachtungen in die Welt eingeführt werden soll. Diese finden keinen besonders guten Weg, zwischen überzeichnender Skurrilität und kalter Oberflächlichkeit zu rangieren. Ein Fitnessstudio und dessen stupiden Arbeitsalltag ästhetisch zu verarbeiten, ist sicherlich eine Herausforderung, die das erste Drittel von »Gym« nicht besonders gut meistert.
Trotzdem machen viele interessante Impulse und Stellen die sehr erdrückende Geschichte der Protagonistin lesenswert. Der Roman kaut Themen wie Selbstoptimierung als Unterwerfung, weibliche Körperlichkeit und spätkapitalistische Arbeitswelt in einer Art und Weise durch, die weder mit besonderer sprachlicher Originalität beeindruckt noch tiefgreifend enttäuscht.
Mi 19.11., Vitasana, 19.30 Uhr
Verena Keßler: »Gym«, Hanser, 192 S., 23 Euro