Zerfallsvorgänge in klaren Bildern: »In der Fremde« von Sohrāb Shahǐd-Sāles

Kino, so schwer wie das Leben

Eine Filmreihe mit Meisterwerken von Sohrāb Shahǐd-Sāles … und andere Geheimtipps.

Fangen wir mal mit Einzelfunden an und arbeiten uns so vor zum großen Ganzen der Dinge: Im Japanischen Kulturinstitut gibt’s zum Beispiel ein liebes Allerlei aus mehr oder weniger aktuellen Filmen, darunter auch ein kleines Meisterwerk, »No Longer Heroine« (2015). Es ist Hanabusa Tsutomus lebenskluge Adaption von Kōda Momokos gleichnamigen, im shōjo-manga-Urgestein Bessatsu Margaret erstveröffentlichten modernen Klassiker. Sehr frohgemut, sehr subtil, sehr schlau.

Ebenfalls eine lokale Einzelerscheinung ist Bruno Bozzettos »Allegro non troppo« (1976), eine so respektvolle wie -lose Verarschung-als-Metafilm des Disney-Axiom »Fantasy« (1940) - läuft im Filmforum NRW im Rahmen der Neverending Leo Schönecker-Tour. Alles andere Relevante zeigt der Filmclub 813. Dort gibt es ein Italo Western-Double-Feature mit dem Rache-Giallo »El Rocho — Der Töter« (1966) des Genre-übergreifend stets mit interessanten Ideen und Bildern aufwartenden Leopoldo Savona, außerdem »Zwei Halleluja für den Teufel« (1971) des dauerverlässlichen katalanischen Regie-Profis Joan Bosch i Palau — reines Kino, nicht mehr und nicht weniger. Mehr Film als Kino doch mit dem Kino und seinen Vor- bis Urbildern schwer beschäftigt ist der feministische Meilenstein »Rapunzel Let Down Your Hair« (1978) des Kollektivs Susan Shapiro & Esther Ronay & Francine Winham. Ähnlich Robina Rose, deren zwischen Punk, Surrealismus und Kitchen Sink hin- und herflippender »Nightshift« (1981) ebenfalls zu sehen ist. Hatten sie alle keine konventionellen Karrieren im Großmedienbetrieb — sie hinterließen Spuren, denen man immer noch folgen kann, wenn man sie mal entdeckt, doch für jenes Narrativ namens Geschichte reichte es nicht. Dafür braucht es eine Kontinuität, wie sie Muriel Box hatte, deren Dramolette »Rattle of a Simple Man« (1964) kluge Unterhaltung ist. 

Das wichtigste zum Schluss: Meisterwerke von Sohrāb Shahǐd-Sāles. Kino so schwer wie das Leben, und so heftig, dass man sich nach jedem Film in den Rhein schmeißen will, so erschlagen von der Wahrheit des Gesehenen taumelt man da heraus. Ob nun das Monument »Utopia« (1983) oder die Skizzen »In der Fremde« (1975), »Tagebuch eines Liebenden« (1977) und »Ordnung« (1980), sie beschreiben alle Gewaltverhältnisse und Zerfallsvorgänge in klaren Bildern und Gesten. Sohrāb Shahǐd-Sāles — der Čechov des 20. Jahrhunderts!

Infos: filmforumnrw.de; filmclub-813.de; co.jpf.go.jp