Held mit erzählerischen Lücken: Marcelo (Wagner Moura) Foto: Port au Prince Pictures

The Secret Agent

Kleber Mendonça Filhos fiebriger Thriller spielt zur Zeit der brasilianischen Militärdiktatur

Wir sind im Jahr 1977 in Brasilien, und doch mutet die Eröffnung von »The Secret Agent« wie eine Szene aus einem amerikanischen Western an: Marcelo (Wagner Moura) nähert sich mit seinem gelben VW-Käfer in der Gluthitze des Flachlands einer einsamen Tankstelle. Als der verschwitzte Tankwart auftaucht, entdeckt Marcelo in einiger Entfernung eine Leiche, die nur halbherzig mit Pappe bedeckt ist. Der Tote wurde vor ein paar Tagen bei dem Versuch, Benzin zu klauen, erschossen. So erzählt es der Tankwart. Die alarmierte Polizei hat es noch nicht hierher geschafft, weil gerade im ganzen Land ausgelassen und zum Teil auch gewalttätig  Karneval gefeiert wird. Als Marcelo nach dem Tanken losfahren will, hält ein Polizeiwagen. Aber nicht, um endlich die Leiche zu begutachten, sondern um Marcelo mit einer peniblen Kontrolle zu schikanieren. Da die Polizisten nichts beanstanden können, ­bitten sie Marcelo um eine kleine »Spende«. Um ein Päckchen Zigaretten ärmer, entkommt Marcelo dem Szenario.

Im Kern enthält die Szene alles, was auf den kommenden 158 Minuten folgen soll: eine nur schwer greifbare, latent bedrohliche Stimmung, die geprägt ist von Korruption und Gewalt. So vage und uneindeutig die Stimmung, so ahnungslos sitzt man zunächst auch in Bezug auf die Handlung im Kinosessel. ’Zunächst’ heißt: knapp 90 Minuten lang wissen wir weder, woher Marcelo kommt, noch, was er vorhat. Doch das ist erstmal egal. Denn Regisseur Kleber Mendonça Filho, der gerade beim Film Festival Cologne mit dem The Hollywood Reporter Award ausgezeichnet wurde, ist ein Meister der Inszenierung. Der Film zieht einen trotz des fehlenden Kontextes mit seinen Handlungsorten, dem illustren Figurenarsenal und der eleganten Inszenierung tief in eine fiebrige Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. 

Knapp 90 Minuten lang wissen wir weder, woher Marcelo kommt, noch, was er vorhat

Eine Ahnung, in was für eine Szenerie der Film da eintaucht, im Brasilien des Jahres 1977, hat man natürlich: Von 1964 bis 1985 war Brasilien beherrscht von einer Militärdiktatur. Auch 40 Jahre nach dem Ende dieser Diktatur ist das Land von Korruption und Gewalt gezeichnet. Die Regierung von Jair Bolsonaro, der gerade wegen des Putschversuches im Jahr 2022 kurz nach seiner Niederlage gegen Lula da Silva zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde, hat gezeigt, wie wenig die Diktatur aufgearbeitet ist. Und auch Lula da Silva versucht, einer Konfrontation mit dem mächtigen Militär aus dem Weg zu gehen. Um Provokationen und eine Konfrontation mit dem Militär zu vermeiden, hat der ehemalige Gegner der Militärdiktatur die Erinnerungspolitik zurückgestellt und im vergangenen Jahr nicht einmal an den 60. Jahrestag des Militärputsches von 1964 ­offiziell erinnert. Die Erinnerungsarbeit muss nun die Kultur übernehmen. Bereits im vergangenen Jahr blickte Walter Salles mit seinem ebenfalls in den 1970er Jahren angesiedelten Drama »Für immer hier« auf die Willkür der Militärdiktatur. Dafür hat er unter anderem den goldenen Löwen in Venedig und den Oscar für den besten internationalen Film erhalten. 

Als brasilianischer Kandidat geht 2026 nun auch »The Secret Agent« ins Rennen um den Oscar für den besten internationalen Film. Nach der Eröffnungsszene landet Marcelo mit seinem gelben VW-Käfer in der Küstenstadt Recife, Heimat des Regisseurs und bereits mehrfach Kulisse für dessen Filme. Hier wird er von einer alten Dame in einem Haus empfangen, in dem niemand einen echten Namen trägt. Alle Bewohner sind auf der Flucht. Auch Marcelo, nur dass er in Recife außerdem seinen Sohn besucht, der bei Marcelos Schwiegereltern lebt, seit seine Frau unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist. Noch so ein Rätsel, das zu lösen ist, vielleicht aber auch nie ganz gelöst werden kann. Weil die Zeit der Diktatur bis heute nie ganz aufgearbeitet wurde. Zwischen quirliger Wohngemeinschaft, nostalgischer Kinostimmung, korrupten Polizisten und einem jüdischen Shoah-Überlebenden (Udo Kier) breiten sich dann langsam die Arme (und in einer aberwitzigen B-Movie-Splatter-Szene auch ein Bein) seiner Verfolger um Marcelo aus, und Kleber Mendonça Filho eröffnet wie bereits Walter Salles in »Für immer hier« eine neue Zeitebene in der Gegenwart. Hier können vielleicht die erzählerischen Lücken geschlossen werden, die der Film so lange ­offen lassen muss.

(O Agente Secreto) BR, D, F, NL, 2025, R: Kleber Mendonça Filho, D: Wagner Moura, Maria Fernanda Cândido, Udo Kier