Eddington
PRO
Ist es zu früh oder kommt eine Satire über die Absurditäten der Covid-Zeit genau zum richtigen Zeitpunkt? Im Mai 2020 beginnt Ari Asters »Eddington«, in einer fiktiven Kleinstadt im südlichen amerikanischen Bundesstaat New Mexico. Von der Pandemie hat man hier schon gehört, angekommen ist sie allerdings noch nicht, was den Sheriff Joe Cross zum Gegner einer Maskenpflicht macht. Doch bevor sich Querdenker und Corona-Leugner freuen: Nein, so leicht macht es sich Aster nicht. Im Laufe der zweieinhalb Stunden seines Films, bekommt jede Seite ihr Fett ab, geht es vor allem um eine Darstellung des Wahnsinns, in den die amerikanische Gesellschaft seit Jahren immer stärker abdriftet.
Wie schon in Asters letztem Film »Beau Is Afraid« spielt Joaquin Phoenix die Hauptrolle, einmal mehr eine in sich gekehrte Figur, die lange Zeit passiv bleibt, bis sie explodiert. »Das gibt es bei uns nicht«, behauptet Sheriff Cross immer wieder, erst in Bezug auf die Covid-Pandemie, später auch im Hinblick auf Polizeigewalt und Rassismus. Ende Mai 2020 wurde in Minneapolis der Schwarze George Floyd von einem Polizisten getötet, die Initialzündung der Black-Lifes-Matters-Bewegung, die auch in Eddington Folgen hat: Vor allem Weiße solidarisieren sich hier und demonstrieren, betonen aber zugleich, dass sie sich eigentlich zu diesem Thema gar nicht äußern dürften — um es dann natürlich dennoch und besonders lautstark zu tun.
Doch auch das ist nur ein Teil des Wahnsinns, den Joe Cross erlebt: Seine Frau Louise verehrt einen selbsternannten Guru namens Vernon, der bizarre Verschwörungstheorien verbreitet und Zusammenhänge herbeifantasiert, und dann ist da noch der liberale Bürgermeister der Stadt, der dem Sheriff ein Dorn im Auge ist.
Subtil ist es zwar nicht immer, wie Ari Aster in seinem vierten Film nach allen Seiten austeilt, aber es bereitet großes Vergnügen, Joaquin Phoenix dabei zuzusehen, wie er seine Figur zunehmend die Kontrolle verlieren lässt. In der Folge wird aus einer heimeligen Kleinstadt ein Feld der Verwüstung, nicht zuletzt durch die schier unbegrenzte Verfügbarkeit schwerer Waffen. Wenn diese zum Einsatz kommen, wenn in der letzten Stunde des Films scharf geschossen wird, steht die extreme Gewalt nicht hinter der in Asters Horrorfilmen »Hereditary« und »Midsommar« zurück. Es sind passend nihilistische Bilder im Angesicht einer zunehmend absurderen Welt.
Michael Meyns
CONTRA
Ende Mai 2020 ist die Welt im Lockdown, auch die fiktive Kleinstadt Eddington in New Mexico. Die meisten folgen den Covid-Schutzmaßnahmen, bleiben auf Abstand und tragen Gesichtsmasken, um sich und andere zu schützen. Noch ist der Virus hier nicht angekommen, und das soll auch möglichst so bleiben. Ausgerechnet Sheriff Joe Cross, weigert sich, eine Maske zu tragen, die er für eine unnötige Einschränkung seiner persönlichen Freiheit hält. Er steht ohnehin über dem Gesetz.
Besonders zuwider ist ihm der liberale Bürgermeister des Orts, Ted Garcia, nicht nur politisch, sondern auch weil der früher mal mit seiner Ehefrau Louise liiert war. Die ist schon seit Langem psychisch labil, konsumiert wie besessen im Internet Verschwörungstheorien, vor allem die suggestiven Videos des selbsternannten Gurus Vernon Jefferson Peak haben es ihr angetan. Währenddessen finden nach dem Tod George Floyds auch in Eddington Proteste gegen rassistische Polizeigewalt statt, die nicht lange friedlich bleiben, es kommt zu Plünderungen. Das Leben der Kleinstadt gerät zunehmend aus den Fugen — und dann brennt auch noch Louise mit dem charismatischen Youtube-Prediger durch.
Der 38-jährige US-Regisseur Ari Aster wagt sich mit dem satirischen Neo-Western »Eddington« an eine Bestandsaufnahme seiner Heimat und der polarisierten Gesellschaft im Kulturkampf. Dabei vermengt er Covid-Leugner, Black Lives Matter, Fake-News und amerikanische Paranoia, ohne sich mit den Themen ernsthaft auseinanderzusetzen und verliert sich auf langatmigen 145 Minuten in all dem Kuddelmuddel. Vor allem findet er zu keiner erkennbaren Haltung in seinem zynischen Rundumschlag, bei dem er sich über alles und alle lustig macht: über das krude Weltbild radikalisierter Wutbürger und Trump-Anhänger ebenso wie über die Selbstgerechtigkeit junger weißer Aktivisten oder die Vorsicht mancher zu Beginn einer schwer einzuschätzenden Pandemie.
Vieles bleibt dabei bloße Provokation, wenig durchdacht und politisch fragwürdig. Die Figuren sind nicht mehr als eindimensionale Funktionsträger, für die sich der Film nur oberflächlich interessiert. In der zweiten Hälfte lässt Aster dann das Chaos endgültig eskalieren und inszeniert einen aberwitzig-blutigen Gewaltexzess, der mit viel gutem Willen als Kritik am Waffenwahn verstanden werden kann, sich aber vor allem im eigenen Nihilismus suhlt.
Thomas Abeltshauser
USA 2025, R: Ari Aster, D: Joaquin Phoenix, Emma Stone, Pedro Pascal, 148 Min., Start: 20.11.