Welten des Sinnlichen, der Farben und Formen; Foto: Farbfilm

Rote Sterne überm Feld

Laura Laabs gräbt in ihrem Debüt lustvoll nach Wiedergängern

Auf dem Bahnhof von Bad ­Kleinen kam es 1993 zu einem Schusswechsel zwischen GSG-9 und RAF, dessen Ausgang mit zwei Toten zwar unbestritten ist, dessen Hergang jedoch immer noch Fragen aufwirft. Im nahegelegenen Wismar landete Dekaden zuvor in Friedrich Wilhelm Murnaus »Nosferatu« (1922) das Schiff mit dem Vampir Graf Orlok, der wie die beiden Toten von 1993 sein Ende im Nordwestmecklenburgischen fand. Die Moorleiche, um deren Identität sich Laura Laabs’ »Rote Sterne überm Feld« (2025) dreht, passt perfekt in diese Landschaft aus Ver­derben, Vergehen, Verfall — ein ­weiteres Rätsel, eine weitere ­Geschichte, die nicht begraben bleiben will, ein Wiedergänger aus der Tiefe der Jahre. Für Tine kommt deren Auftauchen allerdings zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt: Die Anarchokünstlerin-Aktivistin hatte sich aus der ­Kapitale verdrückt, weil ihre letzte Politperformance dort irgendwie aggressiver wahrgenommen worden war als gedacht, um nun in der Heimat Schatten zur Ruh’ zu kommen. Doch jetzt geht die Polizei im Elternhaus ein und aus, da die Leiche auf dem Grundstück der Familie gefunden wurde. Und je länger die ­Spekulationen dauern, je mehr Erinnerungen lebendig werden, die zurückreichen über die DDR bis in den Zweiten Weltkrieg, ­desto klarer wird Tine, wie viel dieser Kadaver mit ihr zu tun haben könnte...

Laura Laabs wuchs in Bad Kleinen auf und weiß sehr genau, was Geschichte ist und wie die Dinge oft geschichtet beziehungsweise ineinander verhakt sind. Unter ihren Vorfahren finden sich ein verurteilter Naziverbrecher, ein Journalist und KGB-, dann Stasi-Spion, die Gründerin der ersten DDR-Frauenzeitschrift sowie mehrere Schriftsteller. Was auch heißt: Geschichte ist ­lebendig — widersprüchlich, unbehauen und oft genug purer ­Mythos. Entsprechend sieht ihr Kinolangspielfilmdebüt aus: Der Film wechselt die Stile von Punk zu DEFA, dabei immer auf den Punkt, hat Raum für ein Auftauchen des Goethe’schen Erlkönigs und findet auch noch ein Plätzchen für ortsbekannte Laien als Lokalwürze. Das macht ihn zugleich lustvoll wie verfremdend. Man wird reingezogen in immer wieder neue Welten des Sinnlichen, der Farben und Formen, ­dabei daran erinnert, dass nichts selbstverständlich ist, sondern ­alles Bau, damit Verantwortung wie Veränderbarkeit — nicht ­Fatum, sondern Widerstand. »Rote Sterne überm Feld« ist der vielleicht wichtigste, sicherlich aufregendste Film des deutschen Kinojahrs 2025.  

D 2025, R: Laura Laabs, D: Hannah ­Ehrlichmann, Jule Böwe, Hermann Beyer, 110 Min, Start: 6.11.