»Imagine there’s no heaven«: Kay Voges’ Premierenauftakt am Schauspiel Köln © Marcel Urlaub

Von jetzt bis zum Krieg

Kay Voges startet seine Intendanz am Schauspiel Köln im Imperativ: »Imagine«

Ja, sie tun es wirklich. »Imagine« wird live gesungen, in der gleichnamigen ersten Premiere des neuen Teams am Schauspiel Köln. Ohne mehr zu spoilern: Das tut weh und gut zugleich. Die Weltverbesserungshymne von John Lennon und Yoko Ono löst umgehend Kitsch-Alarm aus, klar. Und sie führt damit prächtig vor, wie sehr wir gelernt haben, schon die Idee einer Welt ohne Grenzen, ­Besitz, Religion und Krieg als naiv zu belächeln.

Vielleicht ist es da kein Zufall, dass die Kameras auf Schienen, die das Bühnengeschehen im Depot 1 als stark emotionalisierten Live-Stummfilm auf Großleinwände streamen, auf Ellenbogenhöhe ihre Runden ziehen — also eine Kinderperspektive zeigen? Schräg von unten betrachtet wirkt Frank Genser mit wirrem Haar und blutigem Messer in der Hand noch unheimlicher, die Arbeitsroutine von Lavinia Nowak im örtlichen Büro noch rätselhafter, und das rot erleuchtete Gewächshaus im Hinterhof wird zum verschlossenen Garten Eden.

Regisseur Kay Voges und Dramaturg Alexander Kerlin, seit der Dortmunder Intendanz 2010 bis 2020 ein eingespieltes Team, zeigen mit 19 Schauspieler*innen ein Panorama aus parallel laufenden Standardszenen im (Welt-)Dorf. Arbeit, Sex, Ausgrenzung, Freundschaft, Krankheit, Geschäftemachen, Einsamkeit, Party, ­Projekte, Geburt, Tod. Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert hat dafür ein verwinkeltes, US-amerikanisch anmutendes Filmset aus Kirche, Hotelzimmer, Wohnung, Büro, Hinterhof und engen ­Gassen entworfen. Drei Akte ­zeigen drei Variationen eines ­Tagesablaufs: Zuerst dominiert die ­Alltagsmonotonie, dann die gut ­gelaunte Flucht in Exzess, Drogen und Religion. Schließlich der Krieg.

Friedlich ist die Szenerie von Anfang an nicht. Die strukturelle Gewalt und die Kälte laufen unter der Oberfläche selbstverständlich mit. Zwar ist die Bildsprache weniger brutal, weniger klar, als in der ähnlich gelagerten »Boderline Prozession«, mit der Voges 2017 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Dadurch ist das Geschehen aber auch näher an uns, an Leuten, die ihren Kram erledigen, über Trump schimpfen, sich Sorgen machen. Und die dabei, wenn es schlecht läuft, irgendwann den Zeitpunkt verpasst haben werden, als sie etwas hätten tun können, gegen die politische Verhärtung, den Rechtsschwenk, die immer offenere Menschenfeindlichkeit. Ein starker, assoziativer Auftakt, der Lust macht, auf mehr.   

Schauspiel Köln, Depot 1, 2.11., 18 Uhr