Über das Unaussprechliche Sprechen
Es braucht Mut und enorm viel Kraft, um über sexualisierte Gewalt in der Kindheit, die Folgen und den Prozess des Aufarbeitens zu sprechen. Eine vielleicht noch größere Herausforderung: Das auf einer Bühne, vor einem Publikum zu tun. Wie kann das bei einem so sensiblen Thema überhaupt funktionieren?
Regisseurin Nicole Nagel und Performerin Taly Journo wagen den Versuch — und schaffen einen ruhigen, durchdachten Theaterabend, der vieles ist, aber eines ganz dezidiert nicht: anklagend. Stattdessen lässt Taly Journo das Publikum eintauchen in die Wahrnehmungswelt eines Kindes. Zu Beginn der einstündigen Performance fährt sie auf einem Dreirad in den Saal, dreht sich unablässig im Kreis — ein eindrückliches Bild für die Wiederholung, das Ausgeliefertsein, das Gefangensein in der eigenen Geschichte. Später schlüpft sie in verschiedene Rollen: die eines übergriffigen Elternteils, das dem Kind »nicht so anstellen« zuruft, oder einer Therapeutin, die nicht zuhört, sondern selbst zur Klägerin wird.
Das Publikum sitzt im Kreis um die Spielfläche. Die sanierte, barrierefreie Spielstätte im Orangerie Theater bietet dabei beste Sicht auf die Performerin und auch auf die großflächigen Videoprojektionen von Ann-Kathrin Pauli: In weißen Strichzeichnungen bewegen sich Kinderkörper, Kinderköpfe, Kinderleben über die Leinwände — teilweise begleitet von live eingesprochenen Audios, die Momente kurz vor einem Übergriff schildern. Alles andere bleibt dunkel, auch die Bühnenbeleuchtung ist nur spärlich.
Was den Abend besonders macht, ist jedoch nicht nur der behutsame Umgang mit einem tabuisierten Thema, sondern auch der reflektierte Umgang mit dem Publikum. Alle Aufführungen sind als Relaxed Performances angelegt. Es gibt Sitzkissen am Boden, das Publikum darf den Saal jederzeit verlassen und später zurückkehren. Zudem ist ein Awareness-Team anwesend, erfahrene Ansprechpersonen, die Unterstützung bieten, wenn sich jemand aufgrund der Thematik überfordert fühlt oder einfach jemanden zum Reden braucht.
»Aufruhr der Stille« gelingt es, ein Thema, das oft in Täter-Opfer-Zuschreibungen gefasst wird, differenziert und vielschichtig zu erzählen — ohne jemanden vorzuführen. Vielmehr macht der Abend auf stille, eindrucksvolle Weise deutlich, wie wichtig es ist, Betroffenen eine öffentliche Stimme zu geben. Damit die Scham endlich die Seite wechseln kann.