Köln nach der Wahl

Im Rat der Stadt muss sich nach den Wahlen ein neues Bündnis bilden. Die Verhandlungen ­laufen, doch es ist kompliziert

Wer hat jetzt eigentlich die Kommunalwahl gewonnen? Im Rat der Stadt sind die Grünen trotz Verlusten weiterhin die stärkste Kraft. Doch ihre OB-Kandidatin Berivan Aymaz verlor die Stichwahl gegen den SPD-Kandidaten Torsten Burmester überraschend deutlich. Und wenn man derzeit mit SPD-Mitgliedern spricht, wirken viele geradezu euphorisiert — nach zehn Jahren kommt aus ihren Reihen endlich wieder der Kölner Oberbürgermeister! Zweimal konnte die parteilose Henriette Reker die SPD im OB-Wahlkampf demütigen. So jedenfalls empfanden es viele Genossen, nicht zuletzt, weil hinter Reker ein Bündnis stand, das sich gegen die SPD richtete. 

Nun aber hat Torsten Burmester — bislang in Köln unbekannt, einst Wahlkampf-Organisator für Gerhard Schröder und später umstrittener Sportfunktionär — den Traum einer ­ersten grünen Oberbürgermeisterin, zumal mit migrantischem Hintergrund, zunichtegemacht. Prompt wurde Burmester von der ­Grünen Jugend als »alter weißer Mann« beschimpft. Die Grünen in Partei und Fraktion aber sehen es betont gelassen. »Es gibt Schlimmeres als einen SPD-Oberbürgermeister«, sagt ein hochrangiges Grünen-Mitglied. Dass die Entscheidung der Wähler für Burmester zu ­einem großen Teil eine Entscheidung gegen Aymaz war, das bleibt bei SPD und Grünen ­geflissentlich unerwähnt. Selbst die beiden bisherigen politischen Partner der Grünen konnten sich nicht für Aymaz als Polit-Export aus dem Düssseldorfer Landtag begeistern: Volt mochte sich zu keiner Wahlempfehlung für Aymaz durchringen, und die CDU sprach sich nach dem Flop ihres Kandidaten im ersten Wahlgang, dem Baudezernenten Markus Greitemann, in der Stichwahl für Burmester aus. Das lag an der Sorge vor grünen Prestigeprojekten wie der Verhinderung eines U-Bahn-Tunnels in der City, einer Netto-Null-Versiegelung in der Stadtplanung oder höheren Parkplatzgebühren. Aber die CDU erhoffte sich wohl auch, sich damit bei der SPD für eine ­Zusammenarbeit zu empfehlen. In vielem sind sich SPD und CDU thematisch einig — vor allem darin, was man nicht will. Verkürzt könnte man sagen: Bloß nicht zu viel Verkehrswende und Klimapolitik! Burmester und die SPD wollen den Wohnungsbau forcieren und Köln als Industriestandort stärken, um ­Arbeitsplätze zu schaffen. Die CDU setzt vor allem auf Sicherheit und Sauberkeit im öffentlichen Raum, auch Burmester will das »konsequent« durchsetzen.

Aber die CDU kommt seit Jahren nicht ­richtig voran auf dem eingeschlagenen Weg zur »Großstadtpartei«. Bis zuletzt prägten wie eh und je interne Querelen die Arbeit in der Partei. Der pragmatische Flügel um den Fraktionschef Bernd Petelkau hat sich aber durchgesetzt. ­Seine Gegner, allen voran der unterlegene ehemalige Parteichef Karl Alexander Mandl, der mit Unterstützung des Ex-OB Fritz Schramma »CDU pur« forderte, haben sich zurückgezogen. Trotz Verlusten bei der Ratswahl und einem Desaster bei der OB-Wahl präsentiert sich die CDU jetzt stolz als »zweitstärkste Kraft« — ­dabei lag sie bei der Wahl des Stadtrats gerade mal 43 Wählerstimmen vor der SPD.

Nun hört man Stimmen bei Grünen und SPD, die ein gemeinsames Bündnis mit der CDU trotz der Differenzen für eine realistische Variante halten. Zunächst ist ein Bündnis aus Grünen (22 Sitze) und SPD (18 Sitze) naheliegend, doch es fehlen sechs Sitze zur Mehrheit. Mit der CDU (18 Sitze) ergäbe sich ein rechnerisch stabiles Dreier-Bündnis, aber in der zurückliegden Ratsperiode hat es zwischen ­Grünen und CDU immer wieder geknirscht. Mit der Linken (10 Sitze) gäbe es für Grün-Rot aber auch noch eine komfortable Mehrheit. Und man kann das Wahlergebnis ja tatsächlich als Auftrag für Grün-Rot-Rot deuten. Allerdings steht die Linke vor einem Generationenwechsel in der Fraktion, altgediente, pragmatisch orientierte Kräfte hören auf, und niemand kenne bislang die Neuen, heißt es bei Grünen und SPD. Verlässlichkeit aber — das hört man in ­allen Hintergrundgesprächen zurzeit — sei unabdingbar für eine Kooperation. Hinzukommt, dass aus der Linken zu vernehmen war, man wolle keinen »Kürzungshaushalt« beschließen. Der aber steht angesichts der desolaten städtischen Finanzen bevor. Bleibt für Grün-Rot zuletzt noch ein Bündnis mit Volt (5 Sitze), doch für eine Mehrheit bräuchte es zusätzlich die Stimme von OB Burmester — ziemlich viel Macht für die nur drittplatzierte SPD im Rat, hört man bei Teilen der Grünen. Außerdem ist auch das Verhältnis von Grünen und Volt nach der vergangenen Legislatur angespannt, und auch manch einer in der SPD ist gegenüber Volt skeptisch und empfindet deren Auftreten als allzu selbstbewusst. Was ginge denn noch? Denkbar wäre sogar ein Bündnis ohne die Grünen: Doch SPD und CDU bräuchten dafür dann mehr als einen Partner — und welche sollten das sein? Es gilt als unrealistisch.

Aber auch wechselnde Mehrheiten im Stadtrat wären jetzt möglich. Denn anders als im Land und im Bund ist auf der kommunalen Ebene gar keine Trennung in Regierung und Opposition vorgesehen. In Köln aber war es fast immer so. Womöglich ist das aber eine Lösung: ein »Kernbündnis« aus Grünen und SPD, das sich jeweils eine Mehrheit sucht — oder bei bestimmten Themen unterschiedlich abstimmt. Denn oft dürfte es schwierig werden, eine gemeinsame Position zu formulieren: Die SPD will Wohnungen bauen, die Grünen halten an ihrem Konzept der Netto-Null-Versiegelung von Flächen fest, wie soll das gehen? Die SPD will einen U-Bahn-Tunnel in der City, die Grünen sind strikt dagegen. Manches ließe sich mit Deals regeln: Wir geben bei diesem Thema nach, dafür bekommen wir einen einflussreichen Posten in der Stadtverwaltung oder in den Aufsichts- oder Verwaltungsräten der städtischen Unternehmen. Die Grünen beanspruchen das Amt der Stadtdirektorin, das sie damals der CDU überlassen hatten, um die Spitze des Verkehrsdezernats nach ihrem ­Gusto zu besetzen.

Auch wechselnde Mehrheiten im Stadtrat wären jetzt möglich. Denn anders als im Land oder im Bund ist auf kommunaler Ebene gar keine Trennung in Regierung und Opposition vorgesehen

Es ist kompliziert. Aber was alle demokratischen Parteien eint, ist die Bestürzung über die Wahlerfolge der AfD. Wie geht man damit um? Alle ­wirken überfordert. So lange schon sucht man nach Strategien. Wenn es zu Köln hin und wieder auch mal positive Schlagzeilen gab, dann, weil so viele Menschen gegen Rechtsextremismus auf die Straße gingen. Aber hat das etwas bewirkt? Oder haben sich Linke und Linksliberale dabei nur selbst für ihre Weltoffenheit gefeiert? »Ganz Köln hasst die AfD!« schallte es bei den Demos. Aber das stimmt nicht: 9,1 Prozent ­wählten AfD. Wie holt man diese Wähler zurück? Dass man das mit Haustür-Wahlkampf in von Armut geprägten Stadtvierteln schaffen könne, glaubten viele. Doch die Resultate sind teilweise ­ernüchternd. »Da ist man vor Ort, hilft bei ­Problemen etwa mit großen Vermietern — und dann wählen sie am Wahltag doch die Rechten«, sagt ein führender Linken-Politiker. Ihre Wahlerfolge hat die Linkspartei vor ­allem im linksliberalen Milieu erzielt. Und ­während die Themen der Grünen jenseits der ­Innenstadt auf weniger Interesse stoßen, konnte sich die SPD dort in Stadtteilen mit ­sozialen Problemen profilieren. Etwa im linksrheinsichen Norden oder auch in Porz war sie erfolgreich. Das gibt vielen Genossen gerade wieder Hoffnung: Die SPD als Partei der Kümmerer, die ein offenes Ohr für die ­Sorgen und Nöte der Menschen hat, denen selbst die Möglichkeit fehlt, schlagkräftige ­Initiativen zu gründen und mit kommuni­kativem Knowhow für ihre Interessen einzutreten. Tatsächlich sind es oft SPD-­Politiker, die hier eine gewisse Prominenz erlangt haben. »Ich bin noch nie so oft von Jugendlichen um ein ­Selfie mit ­ihnen gebeten worden«, sagt ein ­bekannter SPD-Politiker. »Die kennen mich von TikTok.« Es wirkt stolz, aber auch etwas ratlos.

Gerade auf den Social-Media-Kanälen feiert die AfD ihre Triumphe. Viele der demokratischen Parteien erklären sich so auch den Wahlerfolg der AfD ­gerade in migrantischen Milieus — auch bei der Wahl zum Integrationsrat, der die »politische Teilhabe von Menschen mit internationaler Familiengeschichte« sichern soll und Empfehlungen an Politik und Verwaltung ausspricht. An der Wahl können alle Kölner ab 16 Jahren mit einem ausländischen Pass teilnehmen, zudem auch jene, die schon eingebürgert sind. Mehr als zehn Prozent von ihnen gaben nun der AfD ihre Stimme; in anderen NRW-Städten gab es ähnlich hohe Ergebnisse. In Köln sitzen dort nun künftig zwei AfD-Leute: ein Sohn türkischer Gastarbeiter und eine gebürtige Bulgarin, die vor mehr als vierzig Jahren nach Deutschland kam. Für viele, die sich für eine liberale Migrationspolitik einsetzen, ist das ein Schock. Hier jedenfalls haben alle die Wahl verloren. 

 

 

Politik an den Rändern

Kreislaufwirtschaft, Unisex-Toiletten oder Parkplätze für Lastenräder: Im äußersten Kölner Norden scheinen die typischen Innenstadt-Themen Lichtjahre entfernt zu sein. Stattdessen sorgen sich die Menschen, weil sie in verschimmelten Hochhäusern leben, in denen der Aufzug nicht funktioniert, weil die S-Bahn nicht kommt — oder auch, weil eine Tankstelle schließen könnte. In Chorweiler hat kaum jemand grün gewählt, stattdessen bekommt die AfD die meisten Stimmen — und in Worringen feiert die SPD ihre größten Erfolge. Ein Besuch im Kölner Norden

Inan Gökpinar lässt seinen Kaffee stehen, er will keine Zeit verlieren und zeigen, was in Chorweiler schiefläuft. Dabei könnte er den Kaffee gut gebrauchen, denn Gökpinar ist seit halb fünf wach, wie jeden Tag, wenn er zur Arbeit muss. Nach seiner Schicht bei der AWB »kommt das Ehrenamt«, sagt er. Gökpinar ist SPD-Politiker und stellvertretender Bezirksbürgermeister, aber man findet ihn selten in der Amtsstube, sondern meist draußen auf der Straße, bei den Menschen. Er redet viel und leidenschaftlich, aber seit den letzten Wahlen fällt es Gökpinar manchmal schwer, über seinen Stadtteil zu reden, so tief sitzen der Frust und die Enttäuschung. 
Chorweiler ist der einzige Stadtteil in Köln, in dem die AfD die meisten Stimmen bekommen hat: 27,4 Prozent haben bei der Ratswahl für die Partei gestimmt; bei der Wahl der ­Bezirksvertretung sogar 28,1 Prozent. Die SPD kam auf 25,5 — und die Grünen gerade mal auf 6,2 Prozent. Allerdings ist in Chorweiler nicht einmal jeder vierte überhaupt zur Wahl ge­gangen. Was also ist los in Chorweiler? Was ­bewegt die Menschen, von denen mehr als 80 Prozent einen Migrationshintergrund haben, dazu, ihr Kreuzchen bei einer rechtsextremen Partei zu machen — oder gar nicht erst zur Wahl zu gehen?

Inan Gökpinar läuft zum Pariser Platz, dem Zentrum Chorweilers. Auch sechs Wochen nach der Wahl hängen hier noch die AfD-­Plakate, auf Augenhöhe und völlig unversehrt. Niemand käme hier offenbar auf die Idee, die Plakate herunterzureißen oder auch nur den Kandidaten mit Filzstift eine Brille zu ­verpassen. Vor einigen Jahren ist das Zentrum von Chorweiler umgestaltet worden, nach den Wünschen der Bürger. »Lebenswertes Chorweiler« hieß das Projekt, das rund 13 Mio. Euro gekostet hat. Nun gibt es am Pariser Platz eine Kletterwand, Holzbänke zum Sitzen und einen langen »Tisch der Nationen«, den Chorweiler Schüler mit bunten Fliesen verschönert haben. Ist nicht vieles besser geworden in Chorweiler? »Schauen Sie doch mal, wer da sitzt: Das sind Männer mit Bierflaschen, schon am Vormittag. Glauben Sie, da setzt sich eine Familie mit ­Kindern dazu?«, fragt Gökpinar. Er schüttelt den Kopf und zeigt auf das Wasserspiel am Platz. »Hier spielen keine Kinder, wenn daneben Alkoholiker sitzen«, sagt er. 

Viele Menschen hier, sagt Gökpinar, bekämen rein gar nichts davon mit, was die Politik in Bund und Land so alles tue und entscheide. Nicht einmal, was in der Kölner Innenstadt ­geschieht, etwa am Neumarkt, spiele hier eine Rolle. » Die Bürgerinnen und Bürger schauen auf ihre eigenen Probleme. Dann bekommen sie das Gefühl, dass sich die Politik nicht um sie kümmert. Manche Schüler aus Chorweiler waren noch nie am Dom«, sagt er. »Die entscheidende Frage ist deshalb: Was geschieht hier vor Ort?«

Dann zeigt Gökpinar auf ein Hochhaus, gut in Schuss und mit gepflegten Außenanlagen. »Das ist das Denkmal von Jochen Ott«, sagt er. Im Jahr 2016 hatte die stadteigene Wohnungsgesellschaft GAG für 47 Mio. Euro 1200 Hochhauswohnungen gekauft, die zuvor im Besitz von »Immobilienheuschrecken« und völlig ­heruntergekommen waren. Für den Kauf hatte sich allen voran Jochen Ott eingesetzt, da­maliger GAG-Aufsichtsratsvorsitzender und OB-Kandidat der SPD. Die Wahl verlor Ott ­damals — doch die GAG kaufte und sanierte die Gebäude. Für Chorweiler ein Meilenstein. 

Im »Jochen-Ott-Denkmal« wohnt seit dreißig Jahren auch Serafima Selezneva. Sie kam als jüdischer Kontingentflüchtling aus Sankt Petersburg und engagierte sich viele Jahre ­ehrenamtlich, unter anderem bei der katholischen Gemeinde, wirkte bei der Initiative ­»Talente im Stadtteil« mit, die Sportkurse und Sprachbildung anbietet. »Meine Wohnung ist seit der Sanierung picobello«, sagt sie. Aber der viele Dreck und Müll, der überall herumliege, störe sie. Viele Menschen hätten den Glauben verloren, dass sich etwas ändert, sagt Selezneva. »Den Menschen geht es schlechter, sie ­haben Angst. Ich glaube, dass sich viele einen starken Staat wünschen.« Als sie Anfang der 90er Jahre aus Russland nach Deutschland ­gekommen sei, habe alles »1 A funktioniert, ­alles war sauber«. Das sei jetzt nicht mehr so.

»Ich kann schon ein bisschen verstehen, warum die Leute AfD wählen«, sagt Selezneva leise. »Wenn man sich alleingelassen fühlt, glaubt man eher den einfachen Versprechen.« Selezneva selbst darf nicht wählen. Sie hat ihren russischen Pass behalten, die Frist für die doppelte Staatsbürgerschaft verpasst. Bei der Frage, wen sie wählen würde, wenn sie dürfte, zuckt sie nur die Schultern. Sie glaube nicht, dass es stimme, dass so viele Aussiedler oder Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen ­Sowjetunion AfD wählen. »Vielleicht sind es die türkischstämmigen Leute, die Erdogan ­unterstützen?« Selezneva wünscht sich mehr Orte der Begegnung: »ein großes Bürgerzentrum, wo Menschen zusammenkommen, über Kulturen und Religionen hinweg, und es kostenlose Kulturangebote gibt.« Früher habe es mehr kostenfreie Angebote gegeben, organisiert von Kirchengemeinden oder Initiativen. »Heute kostet fast alles Eintritt.« 

Nicht alle Häuser in Chorweiler sind so schön saniert wie das, in dem Serafima Selezneva wohnt. Andere sind völlig verwahrlost, und zwar direkt am Pariser Platz. Dort sind  Wohnungen von Schimmel befallen, Dach und Wasserleitungen kaputt, Aufzüge zeitweise defekt. Der frühere Eigentümer, die Zentral Boden Immobilien Gruppe (ZBI), hat die Häuser im Februar an die I Wohnen UG verkauft. Seit dem Frühjahr sind die Häuser eingerüstet und mit Netzen abgehängt, im Erdgeschoss eine Filiale von Mangal-Döner. »Jetzt sind die Häuser eingerüstet, aber es wird kaum gearbeitet. Bitte schaut euch das mal an!«, sagt Inan Gökpinar, dem der Anblick selbst geradezu körperliche Schmerzen zu verursachen scheint. Er läuft um die Häuser herum zu den Eingängen an der Osloer Straße 2–6, vorbei an einem Einkaufswagen, in dem jemand seinen Müll abgestellt hat. »Bitte keinen Sperrmüll abstellen«, steht an der Tür zu einem Raum im Eingangsbereich, darin liegen wie zum Trotz alte Matratzen, Heizkörper und anderer Schrott.

Die Briefkästen sind teils kaputt oder fehlen ganz, es riecht nach Urin. Gökpinar drückt den Aufzugknopf, die Anzeige leuchtet auf, doch der Fahrstuhl kommt nicht. »Der Aufzug ist immer wieder kaputt«, sagt er. Die SPD-Landtagsabgeordnete Lena Teschlade engagiere sich sehr dafür, dass sich die Zustände in den Häusern bessern, dass Wohnungsgesellschaft, Stadt und Vereine zusammenarbeiten. Neulich habe er, sagt Gökpinar, mit Lena Teschlade eine alte Frau in den 14. Stock hinaufgetragen. »Mein Rücken ist kaputt, aber was soll ich machen?«, sagt er. »Wenn die Dame ruft, komme ich.« 

Was die Menschen in diesem Haus wählen? Viele wählen gar nicht, sagt Gökpinar. »Oder sie bedanken sich freundlich für meine Hilfe — und wählen AfD.« Seine Partei kümmere sich wirklich, doch für viele dauere das ­alles zu lange. Häufig höre er Sätze wie: »Die anderen Parteien schieben den ukrainischen Flüchtlingen alles in den Hintern, die wohnen in den guten Häusern, und wir kriegen nichts.« Wenn die Menschen in verschimmelten Wohnungen lebten und keine Hilfe bekämen, ­fühlten sie sich eben allein gelassen, »auch wenn das eigentlich nicht stimmt«.

Menschen aus 99 Nationen leben in Chorweiler, und eigentlich lebe man gut zusammen, sagt Gökpinar. Man helfe sich. Im Café Lezzet an der Oxforder Passage, das sein Bruder betreibt, habe neulich ein Gast berichtet, dass eine Frau aus Afrika mit vier Kindern nach Chorweiler gekommen sei, die »nichts« habe. »Nichts«, habe Gökpinar gefragt, »was heißt das, sie hat nichts?« Daraufhin sei man zu­sammen in ihre Wohnung gegangen, und die sei leer gewesen. Keine Küche, keine Möbel, nichts. »Dann haben wir Spenden organisiert und die Wohnung eingerichtet.« Für solche Fälle gebe es im Stadtteil mehrere What’s­-App-Gruppen, sagt Gökpinar. Darin seien auch ­viele Menschen, von denen er wisse, dass sie AfD wählen. »Die haben auch gespendet.« AfD wählen und einer geflüchteten Frau ­helfen — in Chorweiler ist das kein ­Widerspruch. 

Vor dem City Center am Pariser Platz steht ­Seraj Jamal Ibrahim und tippt auf seinem Handy herum. Ibrahim stammt ursprünglich aus Äthiopien, vor zwölf Jahren, sagt er, sei er nach Köln gekommen. Er lebt in einem der Häuser an der Osloer Straße und schildert die Zustände dort. »Niemand kümmert sich, ich weiß auch nicht mehr, wen ich noch ansprechen soll.« Ibrahim zeigt auf das Büro der Hausverwaltung am Pariser Platz. Der Eingang wirkt ungepflegt, ein Zettel mit einer Notfallnummer und einer Festnetznummer mit Duisburger Vorwahl hängt an der Scheibe. Aber es sei niemand zu erreichen, so Ibrahim. Wenn man ihn fragt, ob er wisse, warum auch viele Migranten AfD gewählt haben, lacht er. Es wirkt verlegen, aber vor allem ratlos. »Ja, junge Menschen wählen AfD — wegen TikTok«, glaubt ­Ibrahim. Er mache sich viele Gedanken über die Situation und die Politik, sagt er. »Merkel, Scholz, Merz — drei Bundeskanzler. Aber hier hat sich für die Menschen nichts verbessert.« Ibrahim sagt, er würde niemals AfD wählen, aber es gebe Probleme, die die AfD benenne und die anderen Parteien nicht. Welche Probleme sind das? Ibrahim sagt, dass er nicht verstehe, dass man arbeite und das Geld kaum reiche, er habe zum Beispiel bei Ford in Niehl gearbeitet, harte Arbeit, sei das gewesen. Aber andere würden nicht arbeiten und fast genauso viel Geld bekommen. Wen hat Ibrahim denn gewählt, darf man fragen? Wieder lacht er und sagt dann, er sei nicht wählen gegangen. »Vielleicht beim nächsten Mal.« Und wenn er sagt, dass die Menschen hier wenig Hoffnung hätten, dass die Politik etwas ändere, dann macht es den Anschein, als spreche Ibrahim auch von sich selbst. 

Es gibt in Köln auch den  Integrationsrat, der die Interessen von Migranten vertritt. Aber von den Wahlberechtigten mit »internationaler Herkunftsgeschichte« nahmen stadtweit nur knapp 17 Prozent teil — und 10,5 Prozent von ihnen wählten die AfD.

»Wenn die Menschen hier AfD wählen, ist das eine Bauchentscheidung. Sie lesen ja nicht die Wahlprogramme«, sagt Irina Berger. Sie ­arbeitet bei einem Hilfsverein für Familien im Stadtteil und ist Spätaussiedlerin, wie viele Bewohner in Chorweiler. Weil ihre Arbeit nur gelingt, wenn die Familien ihr vertrauen, und weil das Thema AfD ein sehr heikles ist, heißt Berger in diesem Text anders, und auch der Name des Vereins bleibt ungenannt. 

»Die meisten Spätaussiedler kommen aus Zentralasien, aber hier wurden sie als Russen abgestempelt«, sagt Berger. Sie seien aber nach Deutschland gekommen, um Deutsche zu sein. »Vielleicht wählen deshalb viele die Partei, die sie für die allerdeutscheste halten. Die sagt: Wir sehen euch, ihr gehört zu uns.« Was die AfD zu Genderfragen sage oder zur Homosexualität, spreche viele Migranten an — nicht nur Spätaussiedler. »Sie wollen einen starken Mann oder eine starke Frau, die auf den Tisch haut.« Viele sorgten sich auch wegen des ­Sexualkundeunterrichts in der Grundschule, und da »finden sie es natürlich gut, dass die AfD das verbieten will«.

Berger betreut oft kinderreiche Familien, die auf kleinem Raum leben, mit wenig Rückzugsmöglichkeiten. Bei vielen sei »ganz stark das Gefühl da: Es ist nicht genug für alle da. Und wenn noch mehr Migranten kommen, ist noch weniger da«, so beschreibt es Berger. Die AfD schaffe etwas, was anderen nicht gelinge: »Sie findet die richtige Ansprache und erspürt die Stimmung in den Stadtteilen, wo es den Menschen nicht besonders gut geht.« Sie habe sich die Social-Media-Videos der AfD auch angesehen, sagt Berger. »Wenn ich mir vorstelle, ich hätte keine politische Vorbildung, dann würde ich vielleicht auch denken: Das klingt doch ganz vernünftig.« Die demokratischen Parteien müssten auf Social Media viel aktiver sein, findet Berger. 

Berger sagt, es sei ihr schon einige Male ­gelungen, Menschen von der AfD wieder ab­zubringen. »Man sollte sie nicht verteufeln, sondern mit Ruhe und Verständnis nachfragen: Was glaubst du, wird passieren, wenn die AfD an die Macht kommt? Wird sie ihre Versprechen wirklich durchsetzen können? Und was wird mit dir passieren, als Migrant?« Einmal, erzählt Berger, habe sie am Wahlkampf-Stand der SPD geholfen, da sei eine Mutter vorbeigekommen, die sie im Verein betreut. »Was machst du hier? Ist die Partei gut?«, habe die Frau sie gefragt. Irina Berger sei dann mit ihr ins Gespräch gekommen, es stellte sich ­heraus, dass die Mutter sich vor allem um ihre Rente sorge. »Schließlich sagte sie, sie habe ­eigentlich AfD wählen wollen, aber nun werde sie die SPD ankreuzen.« Auch Berger lobt das Miteinander in Chorweiler. »Wenn wir hier Stadtteilfest feiern im Juni, ist die ganze Welt auf einem Fleck.« Man solle mehr auf Stadtteile wie Chorweiler schauen, um zu sehen, »wie Frieden funktioniert«. 

Sechs Kilometer weiter nördlich, in Worringen, steht Mattis Dieterich an der Alten Neusser Landstraße an der Tankstelle. Drumherum Lärm, die Straße wird saniert, schon seit Mai. Dieterich ist erst 25 Jahre alt, aber schon seit sechs Jahren Stadtbezirksvorsitzender der SPD in Chorweiler. »Man kann sich das in der Innenstadt vielleicht nicht vorstellen, aber die Tankstelle ist eine Institution hier im Stadtteil«, sagt Dieterich. Die wäre aber insolvent gegangen, wäre die Stadt bei ihren ursprünglichen Sanierungsplänen geblieben, so Dieterich. Er habe durchgesetzt, dass die ­Arbeiten im Bereich der Tankstelle in zwei Bauabschnitte aufgeteilt werden, so dass die Autos sie weiterhin anfahren können. 

Dieterich hält einen Zettel in den Händen, den ein Mitarbeiter der Stadt gerade zufällig verteilt hat. Da kommen zwei Männer aus der Tankstelle, einer bei 11 Grad im T-Shirt, der andere mit getönter Sonnenbrille und langem Zopf, und fragen aufgebracht: »Haben Sie gerade die Zettel verteilt? Können Sie mir mal sagen, warum die bei den Anwohnern nicht angekommen sind?« Dieterich sagt ein paar beschwichtigende Worte, dann steigen die Männer wieder in ihr Auto.

Worringen liegt am äußersten nördlichen Rand von Köln, es hat teils noch eine dörfliche Atmosphäre und eine völlig andere Sozialstruktur als Chorweiler; auch andere Probleme. Aber auch in Worringen spielen die typischen Innenstadt-Themen kaum eine Rolle. »Auf den U-Bahn-Tunnel oder den Ausbau des Geißbocksheims werde ich hier nie angesprochen«, sagt Dieterich. Bei der Ratswahl kreuzten in Worringen gerade mal 5,3 Prozent der Wähler die Grünen an, auch die Linke konnte hier nicht punkten. Und noch etwas Bemerkenswertes ist hier im Kölner Norden passiert: Während die Ergebnisse für die AfD bei den letzten Wahlen kontinuierlich gestiegen sind, sind sie in Dieterichs Wahlbezirk — Worringen, Merkenich, Blumenberg und Roggendorf-Thenhoven — im Vergleich zur Bundestagswahl deutlich gesunken. Dieterich, der seit einigen Jahren als Shootingstar der Genossen in Köln gilt, wird nun auch als derjenige gefeiert, der die Rechtsextremen zurückdrängt. Nun wollen natürlich alle sein Rezept hören.

»Köln endet nicht am Militärring«, stand auf Dieterichs Wahlplakaten. »Das kam sehr gut an«, sagt er. Die stadtweit geringste Kita-Versorgungsquote im Bezirk Chorweiler, die vielen S-Bahn-Ausfälle an der »Chorweiler Schleife«, die die Bahn häufig umfährt, um Verspätungen aufzuholen, die Tatsache, dass es lange keine Leihräder außerhalb des Militärrings gab — all das führe dazu, dass die ­Menschen im Norden sich abgehängt fühlten. 

Dieterich schiebt sein Fahrrad von der Neusser Landstraße in einen kleinen Fußweg und kommt vor einer Containerschule zu ­stehen, davor eine Wiese mit Spielplatz und Fußballtoren. Die Schule ist seit Sommer 2024 fertig, doch die Schüler konnten trotzdem ­lange nicht hinein. Es fehlte das Internet. Als Dieterich nachfragte, sagten ihm sowohl die Verantwortlichen bei der Stadtverwaltung als auch bei Netcologne, man habe den jeweils ­anderen nicht erreichen können. Nachdem Dieterich sie miteinander in Kontakt gebracht hatte, konnten die Schüler im März endlich einziehen. 

»Uns fehlen aber immer noch eine ganze Schule in Worringen und eine in Roggendorf-Thenhoven«, sagt Dieterich. Während er redet, steigt eine ältere Frau vor ihm vom Fahrrad ab. »Ich hab Ihnen geschrieben, wegen der Parkplätze an der Neusser Landstraße, das sind zu wenige«, sagt sie. Ja, es gebe dafür keinen Platz mehr, weil ein Radstreifen gebaut und der Gehweg verbreitert werde, antwortet Dieterich. »Das gibt ein Problem«, sagt die Frau, »ich meine, für mich ist es egal, ich nehme sowieso das Fahrrad«. Dieterich verspricht, sich darum zu kümmern, die Frau steigt wieder auf ihr Fahrrad und fährt davon.

Dieterich kümmert sich: Wenn wegen der Baustelle auf der Neusser Landstraße der Verkehr durch enge Straßen im Ort rollt, kümmert er sich darum, dass eine Einbahnstraße eingerichtet und der Verkehr wieder beruhigt wird. Er kümmert sich darum, dass vor der alten Grundschule ein Zebrastreifen gebaut wird — vier Jahre, nachdem er in der Bezirksvertretung beschlossen worden war. Das habe so lange gedauert, weil dann auch Beleuchtung installiert und der Bordstein abgesenkt werden müsse, habe es in der Verwaltung geheißen. »Man kann schon den Eindruck bekommen, dass als erstes nach möglichen Einwänden gesucht wird, statt nach Lösungen«, sagt Dieterich. 

Dieterich bekam in seinem Wahlbezirk 48,2 Prozent, er zieht nun auch in den Stadtrat ein, weil er dort mehr erreichen will für die Menschen im Norden. Sein Parteifreund Inan Gökpinar will Bezirksbürgermeister von Chorweiler werden; er will sich weiter vor Ort kümmern, auch wenn die Menschen es ihm nicht danken und trotzdem AfD wählen. Wenn er durch Chorweiler läuft, trifft Gökpinar alle paar Meter jemanden, grüßt oder plaudert kurz. Am Parkplatz winkt er einer jungen Frau mit modischer Sonnenbrille zu, die gerade ihr Handy am Ohr hat, sie winkt freudig lächelnd zurück. »Sie kommt aus einer sehr netten Familie«, sagt Inan Gökpinar, und schiebt dann leise hinterher: »Die haben alle AfD gewählt.«