Spiele-Verderber aus München
Ende Oktober haben sich die Münchener in einem Bürgerentscheid mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit dafür ausgesprochen, dass sich ihre Stadt um die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewirbt. München ist — neben Hamburg, Berlin und der Region Rhein-Ruhr — einer von vier deutschen Bewerbern, aus denen der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) im Herbst einen auswählt und gegen die internationale Konkurrenz antreten lässt. Dann entscheidet das Internationale Olympische Komitee (IOC). Wann, ist unklar.
Rhein-Ruhr hat die erste von drei Stufen im Bewerbungs-Prozess genommen, der DOSB sah die »operativen Mindestanforderungen« gegeben. Die Wettkampfstätten in NRW sollen sich auf 16 Städte verteilen. Im Mittelpunkt des Konzepts steht Köln, wo die meisten Wettkämpfe stattfinden sollen. Doch auf die Landesregierung von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) wächst durch das Votum aus München der Druck. Es beginnt die heiße Phase im Vergabe-Verfahren. Der DOSB schreibt ein Referendum zwar nicht vor, doch eine Bewerbung ohne den Rückhalt der Bevölkerung gilt als chancenlos. Deshalb soll auch in NRW abgestimmt werden. Geplant ist ein Ratsbürgerentscheid. Er soll in Köln vom Stadtrat im Dezember beschlossen werden und am 19. April 2026 stattfinden. Unklar ist, ob nur in den betroffenen Kommunen oder in ganz NRW abgestimmt wird. Eindeutiger scheint: Sollte Köln gegen Olympia stimmen, wäre es das Ende der NRW-Bewerbung.
Schon länger gibt es im Hintergrund Überlegungen, die Bewerbung
stärker auf Köln zuzuschneiden
»Olympische Spiele könnten eine Aufbruchsstimmung erzeugen«, sagt Jochen Ott. Der ehemalige Vorsitzende der Kölner SPD ist Oppositionsführer im Landtag und befürwortet die Bewerbung. »Sich gemeinsam ein unverrückbares Ziel zu geben, führt dazu, dass sich Städte, Kommunen und Behörden alle Mühe geben, dieses Ziel zu erreichen.« Ott nennt etwa die Ertüchtigung des Nahverkehrs oder den Bau eines Olympiastadions als Chancen für die Region. Gleichzeitig sieht er NRW in Verzug: »Rhein-Ruhr liegt gegen München 1:2 zurück. Der Ministerpräsident hat die Aufgabe, die Mannschaft so zusammenzustellen, dass sie schnell das 2:2 und danach das 3:2 erzielt.« Es sei schon viel Zeit verstrichen, kritisiert Ott. Wüst müsse die Kommunen für eine gemeinsame erfolgreiche Kandidatur möglichst schnell an einen Tisch holen. »Wir brauchen eine Kandidatur, die nicht nur gut ist, sondern auch emotional zieht.« Ott hält es für möglich, alle politischen Lager in NRW hinter den Olympischen Spielen zu versammeln. »Aber es ist die Aufgabe des Ministerpräsidenten, diese Einheit zu schmieden.«
Michael Vesper wollte schon einmal Olympische Spiele nach NRW holen. Der Grünen-Politiker und ehemalige stellvertretende Ministerpräsident war Sportminister, als 2003 »Düsseldorf Rhein/Ruhr« im innerdeutschen Wettbewerb Leipzig unterlag. Später stand Vesper mehr als zehn Jahre an der Spitze des DOSB. Der Kölner spürt eine Olympia-freundlichere Stimmung im Land: »Man will dieses Ereignis, das zu mehr Zuversicht beiträgt, wieder in Deutschland haben.« Weil Rhein-Ruhr international nicht ausreichend bekannt sei, spricht sich Vesper für ein schärferes Profil der NRW-Bewerbung aus, »ein international bekanntes Gesicht«. Schon länger gibt es im Hintergrund Überlegungen, die Bewerbung stärker auf Köln zuzuschneiden — das Olympische Dorf in Kreuzfeld, das kölsche Lebensgefühl als Marke, die Domtürme im Logo. Nun ist mit Torsten Burmester (SPD) auch noch ein Sportfunktionär neuer OB. Doch Olympia-Befürworter Vesper sagt auch: »Es wäre ein Fehler, zu sehr auf innerdeutsche Kriterien zu schauen.«
Aus diesem Grund ist Jörg Detjen dafür, dass Rhein-Ruhr seine Bewerbung verwirft. NRW könne den Kriterien des IOC nicht gerecht werden, argumentiert der ehemalige Ratspolitiker von der Linken. Er sieht vor allem den Verkehr als Problem. »Wenn das Olympische Dorf nach Kreuzfeld kommt, sind die Entfernungen zu Sportstätten etwa im Ruhrgebiet zu weit«, sagt Detjen. Das IOC fordere Fahrzeiten von maximal einer Stunde. Detjen sieht in München bessere Voraussetzungen, auch weil dort die Menschen — anders als in Köln — ihrer Verwaltung zutrauten, Großprojekte zu managen. »Den geringen Chancen stehen enorme Kosten gegenüber«, sagt Detjen. Von 20 bis 30 Mio. Euro ist die Rede. Der Linken-Politiker lehnt Olympische Spiele nicht per se ab. Dass sie aber 100 Jahre nach den »Nazi-Spielen« 1936 nach Deutschland zurückkehren könnten — »das geht gar nicht.«
Offizielle Homepage der Bewerbung: olympiabewerbung-rheinruhr.de
Kritik daran auf: nolympia-colonia.de