Dealen mit Beats, Versen, Basslines: Der Retrogott (links) und Perfektomat

Verbindet euch!

Perfektomat und Der Retrogott haben ihr neues Album wie ein Mixtape komponiert: Viel Austausch, viele Kooperationen, viele Stile, viele Wendungen

Die Kölner Jazz- und HipHop-­Legenden Joscha Oetz (Perfektomat) und Kurt Tallert (Der Retrogott) haben es wieder getan: Ihr zweites gemeinsames Album ist im November erschienen — mit dem schönen Namen »Notausgang des Abendlandes« (ENTBS/ Grooveattack) . Neben DJ Hulk Hodn, MC Fatih Çevikkollu und Percussionistin Laura Robles ­tragen Vokalist*innen aus NYC, Santiago de Chile, Odessa, La Habana und Düsseldorf ihren Teil dazu bei, diesem Album seinen offenen Mixtape-Charakter zu geben.

Wir haben uns in Kurts Studio getroffen und uns darüber unterhalten, was das neue Album vom ersten unterscheidet (Spoiler: ­weniger Adorno-Zitate, mehr Überraschung und Verbindung), dass eine Platte produzieren mehr Freude als Spaß bedeutet und was das Abendland und dessen Notausgang damit zu tun haben. 

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Vor zwei Jahren habt ihr euer erstes Album veröffentlicht. Im Interview mit der Stadtrevue habt ihre eure Platte »Zeit hat uns« als »semantischen Jazz« beschrieben. Passt diese Beschreibung noch zu eurem zweiten Projekt?

Kurt: Stimmt, das habe ich ins Spiel gebracht, um meine Texte zu charakterisieren. Es war der Versuch zu erklären, wie meine Texte funktionieren und bezieht sich generell darauf, dass Rap-­Texte viel mit der Variierbarkeit von Bedeutung spielen.

Joscha: Ich habe immer einen kleinen Widerstand, wenn »Jazz« gesagt wird. Ich habe den Eindruck, das HipHop-Lager sagt »Das ist Jazz« und Leute aus der Jazz-Szene sagen, »Das ist HipHop«! Und ich sage: »Who cares?« Bei bestimmten Wörtern hat man direkt ein Bild vor Ohren, sozusagen. Gerade das Wort Jazz ruft bei vielen Leuten Assoziationen zu Free Jazz hervor, was ­viele mit Kopfschmerzen verbinden. Oder sie denken an Dixie am Sonntagmorgen zum Brunch. Das ist beides nicht, was wir machen. 
Kurt: Ich glaube, wir haben ein Verständnis von dem Begriff Jazz, das weder auf das eine noch auf das andere festgenagelt ist. Ich bin erst durch den HipHop auf Jazz aufmerksam geworden und damit haben sich mir Welten eröffnet.

Wie sah der Entstehungsprozess eures Albums aus? 

Joscha: Aus einem Jam-Stück haben wir einen Loop gebastelt, aus dem Kurt und Mathiah Chinaski aus Chile einen Song gemacht haben. Mathiah hat einem Kollegen aus seiner Crew dazugeholt: Terrible. Aus New York kam dann noch Godfather Don dazu, Yadira Ferrer aus Kuba, Toni-L. aus Heidelberg. Die sind alle über unsere Connections dazugestoßen und hatten Lust auf die Musik.

Was inspiriert euch und wo fängt ein Song für euch an?

Kurt: Viel Inspirationen kommt einfach über den Beat, über die Musik und was sie in mir auslöst. Oder es kommt von der inhaltlichen Seite, zum Beispiel durch ein Buch, das ich lese, durch Filme, Alltagssituationen ...
Joscha: Bei mir ist es oft so, dass meine Ideen, die dann zu einem größeren Ganzen werden, von kleinen Riffs kommen, also von der Basslinie im Prinzip. Die ­anderen Stimmen, die zu den ­ersten Riffs dazukommen, sind ganz in derselben Logik gedacht, sodass sich alles miteinander ­polyrhythmisch verschachtelt.

Kurt: Ich glaube die neue Platte ist insgesamt mehr vom HipHop-Vibe inspiriert und vom gemeinsamen auf der Bühne stehen.

Dieses Moment der Überraschung, wenn man nicht alleine an einem Song arbeitet, finde ich total schönKurt Tallert

Das macht Lust auf eure anstehenden Konzerte. Was hat euch auf dem Weg bis zur Veröffentlichung der Platte besonders Spaß gemacht?

Joscha: Den Begriff »Freude« finde ich hier angemessener als »Spaß«. Es macht, finde ich, auch nicht unbedingt »Spaß« Vater zu werden, aber es bereitet sehr viel Freude ... 

Kurt: Mich überraschen zu lassen von diesen neuen Konstellationen, war auf jeden Fall Spaßfaktor der Platte für mich. Das ist alles sehr organisch zustande gekommen. Dieses Moment der Überraschung, wenn man nicht alleine an einem Song arbeitet, finde ich total schön. Zum Beispiel beim Titeltrack »Notausgang des Abendlandes« kam Joscha mit einer Spur zu mir: Bassline und Keys. Ich habe dazu Drums programmiert und meinen Text geschrieben. Dann hat Joscha die ukrainische Sängerin Tamara Lukasheva ins Boot geholt und so ist dieser Song einfach immer weitergewachsen. Das fand ich total schön und es passt zur Message der Platte: dass man versucht zusammenzukommen, oder besser: es nicht versucht, sondern einfach macht.

Joscha: In den Momenten, in denen wir live gejammt haben, habe ich diese Verbindung gespürt. Für mich ist das ein roter Farben, der sich durch die letzten Jahre gezogen hat: Verbindungen finden. Aber »finden« nicht im Sinne von »wiederfinden, weil sie verloren waren, sondern »finden« in dem Sinn, sich bewusst zu werden, dass sie da sind. Dieser rote Faden zieht sich durch das Album, von Songs wie »(Du bist nie) Allein« bis »Falsch verbunden«. 

Das Wort »Abendland«, das in eurem Titeltrack steckt, ist politisch stark aufgeladen. Könnt ihr mir dazu etwas sagen?

Kurt: Mir ist der Titel zugeflogen, als ich auf einer schrecklichen Veranstaltung war. Die habe ich als sehr spießig und selbstgewiss empfunden, insgesamt wirkte alles sehr abendländisch auf mich. Und weil ich gehen wollte, habe ich sozusagen den Notausgang des Abendlandes gesucht. Der Bezug zum »Untergang des Abendlandes« von Oswald Spengler, der ja auch als geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus verstanden wird, ist in dem Titel natürlich enthalten. Dieses Schlagwort »Abendland« ist von Rechtsradikalen, Ressentiment-schürenden Menschen komplett vereinnahmt, deswegen fand ich es spannend, das aufzugreifen. Ich mag die architektonische Metapher des Notausgangs. Als fester Bestandteil von Häusern, die der Öffentlichkeit zugänglich sind, ist er einfach da. In unserem gesellschaftlichen Zusammensein gibt es also immer die Möglichkeit, bei Konflikten mal einen Schritt zurückzugehen und später wieder das Gebäude zu betreten. Das ist für mich stellvertretend für die ganzen Debatten, dieses ganze Gerede von Abschiebung und Remigration, das ist denkfaul und ignoriert, dass wir alle Teil einer Gesellschaft sind und miteinander in Verbindung treten müssen.

Joscha: Da sind wir wieder bei der Verbindung, um die es uns geht. Ohne das irgendwem vorschreiben zu wollen: Verbindet euch! Das ist eher ein Machen. So wie Hoffnung. Deswegen ist der allererste Satz auf dem Album: »Hope is not something you can find, you can lose, it’s something you are making. But, like love, you can’t do it by yourself. You do it with others.«

stadtrevue präsentiert

Konzert

Di 2.12., Stadtgarten, 20 Uhr