Musik wie ein Archiv
Man muss zunächt über das Cover von »Tranquilizer« reden. Es nimmt einen sofort in Beschlag. Gemalt hat es der in Indiana lebende Künstler Abner Hershberger, dessen zwischen abstraktem Formalismus und Cartoon-artigen Collagen mäanderndes Werk die Ebenen von North Dakota aufsucht — jenen Ort, an dem er im Umfeld einer christlichen Gemeinschaft aufgewachsen ist. Diese Arbeit mit in Vergessenheit geratenen Materialien und Techniken passt inhaltlich sehr gut zu »Tranquilizer«, einem Album über die von uns kultivierte (oder eben nicht kultivierte) Erinnerungskultur im digitalen Zeitalter.
Der Ursprungsmythos des Albums besagt, dass Oneothrix Point Never, also Daniel Lopatin, die Grundidee zu »Tranquilizer« beim Zahnarzt kam — und zwar, als er auf den blauen Himmel mit Palmen über dem Behandlungsstuhl blickte, der ihm seine seit Kindheitstagen präsente Angst nehmen sollte. Was nicht funktionierte. Stattdessen landete er, wie so oft in seiner Arbeit, auf magische Weise wieder in jenem ersten Zahnarztstuhl, in dem ihm als Kind zu Softrock-Musik die Weisheitszähne gezogen wurden und ihm unfreiwillig Prägendes mit auf den Weg gegeben wurde.
Ein Trauma mit musikalischen Folgen: Für »Tranquilizer« führte es ihn direkt in die Tiefen einer verloren geglaubten Sample-Bank, die über das Internet Archive urplötzlich wieder für Lopatin greifbar wurde. Nicht, dass die dort gefundenen Sounds von besonderer Raffinesse wären — aber darum geht es dem in Los Angeles lebenden Musiker auch nicht. Für ihn sind Sounds Dialogpartner, die ihn stimulieren.
Passenderweise erzählte er in einem Interview zum Album, dass er als junger »Philosophie-Freak« Derridas »Dem Archiv verschrieben« gelesen habe, ein Buch, in dem der französische Philosoph darüber spricht, dass das Archiv immer auch das ist, was nicht enthalten, nicht in ihm aufbewahrt ist. Für Lopatin ein Anstoß darüber nachzudenken, was das für die Musik bedeutet, die er aus den verschwundenen und wiederaufgetauchten Samples erschaffen hat.
Für ihn selbst sind dies ebenso rätselhafte Klangwesen wie für uns — und so ist die Antwort gar nicht so leicht zu geben. Zumal wie so oft im Werk von Oneohtrix Point Never auch die fünfzehn Tracks auf »Tranquilizer« von überwältigender Varianz sind: mal nervös stichelnd, mal sensibel streichelnd, mal konzeptionell streng, mal pompös verspielt. Futuristische Klangcollagen, die einen Ozean an Welten in sich tragen — geeint durch das Versprechen, dass am Ende alles zusammengehört.
Tonträger:
Oneohtrix Point Never, »Tranquilizer«
erschienen auf Warp Records