Der Tod ist immer da
In den Geschichten von Tanja Maljartschuk tritt »immer nur der Tod als Hauptfigur auf«. So schildert sie es selbst in ihrem Text »Nur Tod, nur lachen« aus dem Jahr 2015. Er ist Teil der Essaysammlung »Gleich geht die Geschichte weiter, wir atmen nur aus«, in dem die ukrainische Autorin Texte versammelt, die bis 2014, dem Jahr des Euromaidan, zurückreichen.
Die Essays sind ein Ringen mit ihrer Position im Wiener Exil, wohin sie 2011 emigrierte, und mit einem Land, das darauf wartet, erzählt zu werden. Sie sind aber auch ein Ringen mit den schriftstellerischen Möglichkeiten unter den Umständen, dass die Literatur der eigenen Sprache wiederholt ins Vergessen gedrängt und Autor:innen ermordet wurden. Angesichts eines nicht endenden Krieges stellt sie 2022 die Frage: »Wie man über die Unmöglichkeit des Schreibens schreiben kann.« Von dieser Reflexion kann man viel über die Rolle der Literatur im Krieg lernen. Über sensorische, erinnernde, persönliche Zugänge greift sie viele Motive und Gedanken von Ukrainer:innen auf, die über 2022 hinaus zur Flucht gezwungen waren und sind.
Dieses Jahr hat Tanja Maljartschuk die TransLit-Dozentur an der Universität zu Köln inne. Zwei Vorlesungen über »Literatur als politisches Medium« hat sie schon gehalten, in Dezember liest sie im Literaturhaus aus aktuellen und bislang unveröffentlichten Texten. Maljartschuks Schaffen ist vielseitig: Sie verfasste belletristische Texte wie den 2016 auf Ukrainisch erschienenen Roman »Blauwal der Erinnerung«, aber auch direkt auf Deutsch geschriebene Werke wie »Frösche im Meer« (2018), für das sie den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt.
Wichtig ist auch ihre Arbeit als Herausgeberin der »Ukrainischen Bibliothek«, einer Reihe im Wallstein Verlag, die noch nicht ins Deutsche übersetzte ukrainische Klassiker zugänglich macht. Hier erschien etwa die Erzählsammlung »Am Meer« von Lesja Ukrajinka, die zu einer Zeit schrieb, in der die ukrainische Sprache verboten war.
Ihr Werk stellt damit einen wichtigen Zugang für deutschsprachige Literaturinteressierte dar, sich mit Werken auseinanderzusetzen, die sehr lange unbeachtet blieben — vergessen gemacht wurden.
Lesung
Mi 3.12., Literaturhaus, 19.30 Uhr