Geben sich Trost: Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas. © Kasper Tuxen Andersen

»Sentimental Value« von Joachim Trier

Ein zarter Film, der minutiös familiäre Verstrickungen entschlüsselt

Die Kamera kreist über Oslo. Zu dem wunderbar sanften Gesang von Terry Callier  fokussiert sie schließlich ein altes Holzhaus mit roten Fensterrahmen, dem sie sich langsam nähert. Die Kamera umschleicht das Haus, bevor sie ins Innere blickt. Dort ist von Magengrummeln die Rede, wenn die Schwestern die Treppe herunter poltern. Sind die Wände des Hauses kitzelig? Hat es Schmerzen, wenn etwas auf seinen Boden fällt? Was emp­findet es, wenn die Eltern »Lärm machen«? Und der Riss in der Wand — ein Zeichen dafür, dass das Haus zusammenbricht, aber in extremer Zeitlupe?

Die Eröffnungsszene des neuen Films des norwegischen Filmemachers Joachim Trier (»Der schlimmste Mensch der Welt«) lässt vermuten, dass ein Haus der Protagonist des Films ist. Stattdessen ist es die Familie, die darin einst lebte. Nora (Renate Reinsve), die den Aufsatz über das Haus in der sechsten Klasse geschrieben hat, ist die ältere von zwei Schwes­tern. Die alleinstehende Frau arbeitet erfolgreich als Schauspie­lerin am Theater, kommt im Alltag aber nicht so gut klar. Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) lebt ein bürgerliches Leben mit Mann und Kind. Als ihre Mutter stirbt, sehen sie nach langer Zeit ihren Vater Gustav (Stellan Skarsgård) wieder, der nach der Trennung der Eltern fortgezogen ist. Gustav Borg ist ein gefeierter Regisseur, der gerade an seinem sehr persönlichem Alterswerk arbeitet. Das Skript ist geschrieben, nun bittet er Nora, die Hauptrolle zu übernehmen. Nora lehnt ab, weil sie mit ihrem Vater, dem sie nie verzeihen konnte, sie verlassen zu haben, nicht arbeiten kann. In dem amerikanischen Star Rachel Kemp findet ihr Vater einen Ersatz für die Besetzung der Haupt­rolle. Gedreht werden soll in dem seit dem Tod der Mutter leerstehenden Haus. Thema ist der rätsel­hafte Selbst­mord einer Mutter, nachdem sie morgens noch ihren Sohn zur Schule verab­schiedet hat. Eine auto­bio­grafisch anmutende Szene, doch Gustav streitet vehement ab, dass es sich bei der Mutter im Film um seine eigene Mutter handelt.

Joachim Trier dient ein Haus als Verortung für einen Zeit­strahl in eine Vergangenheit von Traumata

Auch wenn Joachim Triers Film immer wieder narrative Schlenker einbaut, das Haus mit all dem dort Erlebten und Gefühlten bleibt das Zentrum des Films. In der Gegenwart und in der Vergangenheit. Hier lebten mehrere Generationen der Familie, die das Haus vor über 100 Jahren erbaut hat. Das Haus geleitet den Film in die Vergangenheit, zu den Streitereien von Noras und Agnes’ Eltern, zu ihren Großeltern und deren Eltern. Zur Zeit führen uns im Kino auffallend häufig alte Gemäuer durch die Zeit, und das nicht nur als klassischer Topos im Horrorfilm. »In die Sonne schauen« trug dieses Motiv durch die Jahrzehnte, bei »Silent Friend«, der im Januar in den Kinos startet, ist es ähnlich. Auch Trier dient ein Haus als Verortung für einen Zeitstrahl in eine Vergangenheit von Traumata und spürt diesen in der Gegenwart nach. Einer der vielen Schlenker, die Trier in seine Geschichte einbaut, führt uns in die Tiefen eines Archivs. Wir sehen genauestens, wie Mitarbeitende einer Bibliothek eine Akte zum Fall von Gustavs Mutter heranschaf­fen. Erinnerungs­arbeit, wörtlich genommen und ganz anschaulich gezeigt.

Die Zeitwechsel baut Joachim Trier so elegant wie subtil ein und erzählt in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart fragmentarisch, elliptisch, auch mal in Wieder­holungen oder Spiegelungen — Ingmar Bergman lässt grüßen. Die Wechsel der Ebenen von der Filmhandlung zu Theater­auf­führungen von Nora oder zu Dreharbeiten von Gustav — Film im Film: noch so ein Topos, der gerade ­auffällig häufig im Kino seinen Platz findet (»Hysteria«; »Herz aus Eis«) — sind ebenso gleitend inszeniert wie die Zeitwechsel. Da kann man sich zwischen Wirklichkeit und Kunst leicht verheddern. Aber genau darum scheint es Trier zu gehen. Die Möglichkeit, die Sprachlosigkeit angesichts von Traumata in der Kunst zu sublimieren, zu zeigen, wie sich Kunst aus Leben speist. Mit »Sentimental Value« liefert der Regisseur ein berührendes Beispiel einer solchen Kunst. Ein Film, der Dank der wirklich allesamt großartigen Schauspieler*in­nen und ihrer sehr genauen Körpersprache voller Zartheit ist und der diese Zartheit in einer zentralen Szene der beiden Schwestern zu einem der ­berührendsten Momente des ­letzten Kinojahrs macht.

N/S/DK/D/F 2025, R: Joachim Trier 
D: Renate Reinsve, Inga Ibsdotter ­Lilleaas, Stellan Skarsgård 
135 Min., Start: 4.12.