»Ein Metasommernachtstraum«
Ein dunkler Raum, die Figuren Lysander und Hermia stehen leidenschaftsvoll voreinander, fabulieren Liebesbekundungen in hochtrabender Sprache, im Hintergrund tanzt der Rest des zwölfköpfigen Ensembles mit ruhigen, träumerischen Bewegungen. Über der Szene wiegen sich ein gigantischer Mistelzweig und eine Discokugel. »Schau mal, da kommt Helena!« ruft Lysander. Nichts passiert. »Schau mal, da kommt Helena!«, wiederholt sie. Aber Helena kommt nicht. »Stop!«, schreit plötzlich jemand aus dem Off und eine Frau stürmt auf die Bühne. Die Szene löst sich auf, grelles Licht geht an, helle Aufregung erhebt sich. Helena hat den Aufgang verpasst, die Sicherheitseinweisung ist noch nicht erfolgt, der Regisseur wurde gefeuert.
Die Erwartung an ein Shakespeare-Stück in Hochkultur-Manier wird zu Anfang geweckt und dann mit aller Kraft enttäuscht. »Wir haben in drei Tagen Premiere!«, mahnt die Frau von eben, offenbar die neu ernannte Regisseurin. Wir befinden uns in der Endprobenzeit für das Stück »Ein Mittsommernachtstraum«, dem Abschlussstück der Studierenden der Schauspielschule Theater der Keller. Die haben hohe Ansprüche an ihr Stück, und nicht nur das: Sie wollen das Theater neu und modern gestalten, es anders machen als die alten, weißen Männer.
Es ist die inszenierte Selbstironie des realen Ensembles, dass die Figuren im Stück unbeholfen an ihren Ambitionen scheitern. Sie machen sich nicht nur über sich selbst lustig, sondern persiflieren das Theater generell, mit allen Klischees. Alles ist ein bisschen drüber, unnötige Tanzeinlagen, ein überambitionierter Chor, Neid, Missgunst und Streit innerhalb der Gruppe. Die Sequenzen aus dem »Mittsommernachtstraum« und den Unterbrechungen durch die Regisseurin (»Ich will da mehr Hund sehen! Mehr Labrador!«) wechseln sich ab. Mit der Zeit häufen sich die Probleme bis zur Eskalation. »Shakespeare haben wir uns nicht ausgesucht, müssen wir aber machen«, heißt es. Und im Laufe der Zeit merkt man, wie das Ensemble mit dem Stück warm wird. Das Publikum sieht dem Stück und den Spieler*innen beim Wachsen zu, beim Verwachsen sogar. Denn die Grenzen zwischen Stück und Probe verschwimmen immer mehr, bis sie sich am Schluss zu einem Ganzen fügen, zu einem gelungenen Abschlussprojekt: Dem Ensemble ist gemeinsam mit Regisseur Ronny Miersch ein kluges und gewitztes Stück geglückt.
Theater der Keller, 9. & 10.12., 20 Uhr