Hochkant bedrängt

Materialien zur Meinungsbildung

Wenn man mit Tobse Bongartz in die Kneipe geht, dann kommt immer noch jemand mit, der nach drei, vier Bierchen um Aufmerksamkeit buhlt und auf dem Tisch liegt: Tobse Bongartz’ Handy. Ein Handy ist ja naturgemäß vollgeramscht mit Blödsinn. In diesem Fall aber kommt noch ein völlig überdimensionierter Fundus selbst angefertigter Filmchen hinzu, die Tobse Bongartz ungebeten zur Aufführung bringt (»Alter, guck dir das an ... Doch! Bitte! Ist voll zum Ablachen ... Moment, wo hab ich das ...«).

Es handelt sich hierbei im Grunde um die To-go-Variante der in den 70er und 80er Jahren epidemischen Dia- und Super-8-Abende. Eine Freizeitzerstörung, die durch Tobse Bongartz ein ungeahntes Revival erfährt. Wie damals wird ein übertölpeltes Publikum aus dem sozialen Nahbereich mit einem verstörenden information overload privater Überflüssigkeiten bedrängt. Gibt es einen Begriff für Übergriffigkeit durch Langeweile? Nicht? Dann aber mal ran, liebe hochsensible »Internet­community«!

Aber ich möchte hier gar nicht vorrangig kritisieren, dass Tobse Bongartz sich als Filmemacher an den immergleichen Themen dokumentarisch abarbeitet (Tobse auf einer Party, Tobse auf einem Konzert, unbestimmbarer verwackelter Quatsch mit Tobse-Gekrei­sche aus dem Off, Tobse beim ­Essenkochen, Tobse einfach mal so). Ich prangere vielmehr an, dass dieses kaum noch zu überblickende Œuvre eine erschreckende formale Verrohung zeigt: das Hochkantformat im Amateurfilm.

Ach, wie wurde doch noch vor Jahren Oma Porz, der man ein Mobiltelefon mit Fotofunktion zum Geschenk gemacht hatte, mit mildem Spott bedacht, weil sie Kaffeekränzchen, Sonntagsbraten oder Ausflugsziele ausschließlich hochkant knipste — unfähig, das Gerät um 45 Grad zu neigen, wohl einfach, weil es hochkant besser in der Hand liegt.

Heutzutage aber ist — geboren aus manipulativem Design der Tech-Elite und der erschütternden Bequemlichkeit ihrer Kundschaft — Hochkant zum Standard geworden. Wie ich höre, wird es bald Hochkant-Monitore aus Fernost zu kaufen geben; man sollte zum Schutz der Bevölkerung mit sehr hohen Zöllen reagieren — ich weiß um die Brisanz, bin hier jedoch für eine tabufreie wirtschafts­politische Debatte.

Der einzige begründbare Vorteil des Hochformat-Fernsehers wäre ja, dass Nachrichtenredaktionen die von Augenzeugen bereitgestellten Handyvideos der Naturkatastrophen, Amokläufe und Revolten im originalen Hochkantformat ausstrahlen könnten — ohne dass diese Videos wie bisher links und rechts mit unscharfen Duplikaten flankiert werden müssen, damit beim TV-Publikum die gigantisch großen Flachbildschirme auch komplett ausgefüllt sind. Aber kann das ein Argument sein? Sollte man nicht Menschen lieber darauf vorbereiten, auch in Extremsituationen, etwa wenn der Hund im Überschwang auf dem Saugroboter spazieren fährt, das Querformat zu wählen?  

Ein Buch mit Text hat Hochkantformat. Denn so kann man Text am besten lesen. Ein Bildband hat häufig ein Querformat. Wegen der überwiegend quer­formatigen Bilder. Ein Film aber sollte niemals hochkant gedreht werden, es widerspricht unserem natürlichen Blick auf die Welt. Aber der Triumph des Hochkantformats ist womöglich Ausdruck unseres Zeitalters. Es ist ein narzisstisches Bildformat: Es eignet sich ja vor allem für das Porträt, was heute immer bedeutet: Selbst­­porträt, Selfie, Schnute oder Lachgrimasse und sinnlose Gesten.

All das wollte ich Tobse er­klären, aber er hört gar nicht richtig zu, macht nur Hm, hm, hm und tippt auf seinem Handy rum, sucht unter all den Ablagerungen von Blödsinn irgendeinen ganz bestimmten Blödsinn. Wenn ich Wirt wäre, würde ich Störsender installieren oder Gäste wie Tobse Bongartz rauswerfen, und zwar hochkant.