Klarheit im psychedelischen Nebel: Daniel Avery; Foto: Kalpesh Lathigra

Das Element der Freiheit

Der britische DJ und Produzent Daniel Avery erklärt im Gespräch mit Thomas Venker, warum die einzig wahre Regel darin besteht, sich selbst treu zu bleiben

Oktober. Es ist 10 Uhr morgens in London — keine Uhrzeit, zu der man einen DJ besonders gesprächsbereit erwartet. Doch Daniel Avery reagiert auf mein Erstaunen mit ­einem sanften Lächeln: »Ich liebe den Morgen«, sagt er. »Ich betrachte das Studio als meinen Tagesjob, deshalb bin ich immer früh da.« Ein kleines Detail, das viel über Avery und seine Musik verrät — über die Disziplin hinter dem Driften, die Klarheit im psychedelischen Nebel seiner Tracks.

Ich bin Avery im Laufe der Jahre einige Male begegnet: Gleich zweimal in Lyon, beim ­Nuits Sonores Festival, wo sich seine Sets wie flüssiges Licht durch das industrielle Setting brannten und bei mir einschrieben; später in Barcelona, bei einer Sonar-Off-Party mit dem viel zu früh verstorbenen Andrew Weatherall, wo die beiden Techno-Zauberer im gleichen Geiste in ihren Sets Geschichten über Transzendenz und Verzerrung austauschten; und zuletzt beim Making Time Festival in Philadelphia, wo Avery ein furioses B2B mit dem Detroiter DJ Stingray spielte. Jede Begegnung offenbarte eine andere Nuance seiner Klangidentität, verbunden durch die immer ­spürbare Leidenschaft von Avery und seine nicht zu bremsende Neugierde, die Möglichkeitsräume seines Sounds immer weiter ­auszuloten.

Seit mehr als einem Jahrzehnt bewegt sich Daniel Avery durch die Grenzgebiete von Techno, ­Ambient und Noise. Vom Debüt ­»Drone Logic« über »Song for Alpha« bis «Love + Light« und »Ultra Truth« verfolgte seine Musik stets etwas, das über den Clubhorizont hinausweist. Mit dem jüngst erschienenen »Tremor« erreicht er nun eine neue Schwelle: Das Album vereint Shoegaze-, Industrial- und Ambient-Texturen zu einem schimmernden Klangkontinuum.

»Tremor« fühlt sich an, als ob für dich ein lang gehegter Traum in Erfüllung geht. Du erkundest eine Seite deiner musikalischen Sozialisation, die man zwar erahnen konnte, aber noch nie so deutlich gehört hat. Daniel

Avery: Ja und nein. Ich würde sagen, dass jedes Album, das ich bisher gemacht habe, zu dem Zeitpunkt genau das Album war, das ich machen wollte. Es ist also nicht so, dass ich sage: »Oh, das wollte ich schon immer machen«, denn ich glaube, das hätte nur genau jetzt passieren können. Ich bin mir nicht ganz sicher, was die Gründe dafür sind. Aber hier fließt wirklich alles zusammen, was mich mein ganzes Leben lang musikalisch beeinflusst hat. Meine ersten Lieben waren Gitarrenmusik, Shoegaze, Rock … und dann gibt es Elemente von Ambient und Techno. So viele Dinge sind einfach zu mir zurückgekommen. Eine Erklärung, die ich habe, ist, dass dies das erste Album ist, das ich außerhalb des Lockdowns gemacht habe. Nichts davon entstand während COVID. Was, glaube ich, passiert ist, war, dass ich davor ununterbrochen auf Tour war. Ich habe mich wahrscheinlich langsam aber sicher als tourender Künstler definiert. Und dann mussten alle aufhören. Ich erkannte, dass ich kein tourender Künstler mehr bin, aber ich kann immer noch ein Künstler sein und tun, was immer ich will. Es gibt ein Element der Freiheit auf dieser Platte, das ich hören kann, und ich habe es definitiv gefühlt, als ich sie gemacht habe.

Diese Freiheit zeigt sich darin, dass sich auf dem Album Gitarrenmusik und elektronische Musik sehr natürlich begegnen.

In meiner Jugend ging ich einerseits zu Metal- und Indie-Shows, dann auch zu Techno-Raves — und ich liebte einfach alles. Ich finde es schade, welche Trennlinien heutzutage zwischen den Genres gezogen werden. Ich sehe darin keinen Sinn. Deshalb finde ich es interessant und ein wenig traurig, dass es in der Techno-Szene heutzutage so viele Regeln zu geben scheint. Du weißt schon, entweder magst du Hard-Techno oder du magst dies, oder du kommst nicht in diesen Club, weil du auf eine bestimmte Weise gekleidet bist. Das ist für mich das Gegenteil von dem, was ich an dieser Szene liebe. Ich liebe es, eine Linie zwischen all diesen verschiedenen Genres ziehen zu können und sie hoffentlich so klingen zu lassen, als kämen sie alle aus derselben Welt.

Du sprichst in den Liner Notes des Albums von Transzendenz als dem Geisteszustand, den du erreichen wolltest.

Für mich geht es dabei nicht nur darum, sich im Moment zu verlieren, sondern auch darum, sich um andere und die Gemeinschaft zu kümmern und gemeinsam etwas aufzubauen. Das ist eine schöne Art, es auszudrücken. Deshalb war es mir sehr wichtig, deutlich zu machen, dass dieses Album eine gemeinschaftliche Anstrengung war. Ich habe wirklich das Gefühl, dass jeder auf der Platte eine gleichberechtigte Rolle gespielt hat. Mein Name steht auf dem Cover, aber ich bin nur ein Mitglied dieser Band oder kollektiven Gruppe. Es hat wirklich Spaß gemacht, mehr Leute an dieser Platte zu beteiligen, und das ist etwas, das ich einfach weitermachen möchte. Diese Gemeinschaft fühlte sich wirklich inspirierend an.

Wie bist du auf Gastmusiker:innen wie Alison Mosshart und Walter Schreifels, beide Indie-Legenden der 90er und 00er Jahre, zugegangen?

Die meisten auf dem Album sind Bands und Künstler, die ich auf Tour kennengelernt habe oder mit denen sich auf spontane Weise eine organische Beziehung entwickelt hat. Die Stimmen von Alison Mosshart und Walter Schreifels haben buchstäblich mein gesamtes Erwachsenenleben begleitet. Ich habe sie in ­meinen Teenagerjahren entdeckt. 

Ich bin fest davon ­überzeugt, dass der Kauf einer Platte oder der Besuch einer ­Clubnacht dein Leben verändern kann — weil mir das mehrmals passiert istDaniel Avery

Gab es für dich eigentlich ein bestimmtes musikalisches Erlebnisse, die dich derart inspiriert haben, dass du danach wusstest, du willst Musiker werden?

Ich verbinde dieses Gefühl mit meinem ersten Konzertbesuch als ich elf war. Mein Vater nahm mich mit zu The Prodigy in unserer Heimatstadt Bournemouth. Das war 1997, als sie auf der »Fat of the Land«-Tour die Könige der Welt waren. Wie du dir vorstellen kannst, hat es den Raum physisch erschüttert, aber es hat auch mich erschüttert, und ich wusste, dass sich an diesem Tag etwas in mir verändert hatte. Aber ich glaube, ich hatte im Laufe der Jahre viele solcher Momente, mein erstes Nine-Inch-Nails-Konzert als ­Teenager, aber auch mein ersten Mal im Berghain. Ich fühle mich immer noch sehr als Musikfan. Es gibt sie noch immer diese Momente, die tief in mich hineingehen. Deshalb werde ich immer die Fahne für das physische Musikerlebnis hochhalten. Ob das nun der Gang in einen Plattenladen ist, um eine Vinylplatte zu kaufen, oder der Besuch eines Clubs oder eines Konzerts mit Freund:innen — es ist die Erfahrung, die bei dir bleibt und ein Teil von dir wird. Ich möchte nicht, dass die Leute für immer zu Hause sitzen, auf ihre Mobiles starren und Urteile fällen, denn darum geht es nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Kauf einer Platte oder der Besuch einer Clubnacht oder eines Konzerts dein Leben verändern kann —  weil mir das mehrmals passiert ist.

Du hast es angesprochen, du kommst aus Bournemouth, einer kleinen Stadt an der Küste. Wie war es dort aufzuwachsen?

Mein Vater war und ist immer noch ein riesiger Plattensammler, also hat er mir immer Musik vorgespielt. Ich hatte einen sehr guten Start ins Leben. Bournemouth selbst hatte natürlich nur eine sehr kleine Musikszene, aber es gab immerhin eine. Es ist ein ziemlich friedlicher Ort, direkt an der Küste gelegen. Jetzt, wo ich älter bin, genieße ich diese Friedlichkeit wieder sehr. Ich glaube, das ist in meiner Jugend bei mir eingesunken. Das Gute war und ist, Bournemouth liegt relativ nah an London, nur wenige Stunden mit dem Zug. Genauso wie ich schon früh wusste, dass ich Künstler werden wollte, wusste ich, dass ich unbedingt in London leben möchte. 

War es das London, das du erwartet hast?

Ja! Und ich bin immer noch hier. London war dieser besondere Ort, an den ich immer kommen wollte. Ich denke, es ist die Menge an verschiedenen ­Leuten, die man in einer Stadt wie London treffen kann, was die besondere Anziehungskraft ausmacht.

Tonträger: Daniel Avery, »Tremor« ist auf Domino Records erschienen