Traurig, auf unschöne Weise
Tame Impala, das gefeierte Projekt des australischen Multitalents Kevin Parker, begann mit »Innerspeaker« als Psychedelic-Rock-Ventil eines LSD nehmenden Introvertierten, als Ode an The Beatles zu »Revolver«-Zeiten oder Pink Floyd in ihrer frühen Syd-Barrett-Ära. Die Gitarren? Vollgepumpt mit Flanger und Phaser und weiteren Soundeffekten. Gleichzeitig hatte man beim Hören der frühen Alben von Tame Impala nie das Gefühl, man könne lieber den authentischen Psych-Rock-Kram der 60er Jahre hören. Nein, Parker hat seine Lieblingsmusik gekonnt modernisiert.
Tame Impala wurden zum Maskottchen all jener, die gerne mal psychedelische Drogen konsumieren und anschließend durch den Wald spazieren, um mit Bäumen und Tieren zu sprechen. Das ist eine spezifische Art von Mensch, die oft unerträglich ist, doch das Debüt von 2010 war schlichtweg großartig — und der Nachfolger »Lonerism« (2012) war sogar noch besser.
Leute, die eigentlich ganz andere Musik hören, bezeichneten Tame Impala plötzlich als ihre Lieblingsband, um als Connoisseur rüberzukommen. Peinliche Sätze wie »Ich höre Alben übrigens IMMER von Anfang bis Ende durch, alles andere funktioniert für mich nicht« oder »Wusstest du eigentlich, dass Tame Impala nur ein einzelner Typ ist?« wurden zu Klischee-Aussagen solcher Nervensägen.
Mit der Zeit hab ich ihre Alben seltener gehört. Irgendwann stand Kevin Parker für einen Lifestyle, den man mit Influencer-Festivals wie dem Coachella verbindet, und wurde uncool. Dann: »The Slow Rush«, der 2020 erschienene Nachfolger zu »Currents«, ging nicht nur wegen der Corona-Pandemie unter, sondern weil Parker darauf Hotellobby-Musik machte, die — anders als herausfordernde Meisterwerke wie »Lonerism« — gut im Hintergrund laufen konnte.
Was uns zu »Deadbeat« bringt, der ersten Tame-Impala-Neuveröffentlichung seit über fünf Jahren. Mehr als je zuvor lässt Kevin Parker seine Liebe für elektronische Tanzmusik einfließen und hat geradlinige 4-on-the-Floor-Beats eingebaut. Dass seine Interessen sich weiterentwickelt haben, ist erstmal schön, doch die Songs auf »Deadbeat« gehen nirgendwo hin. Es ist ein schmaler Grad zwischen »Wie kann ich mich weiterentwickeln?« und »Was kann ich gut?«. Leider hat Parker diese Balance verfehlt. Früher waren die Drumsounds bei Tame Impala großartig, doch die Beats auf »Deadbeat« klingen — nun ja — tot. Die Trockenheit der Drums erzeugt hier keinerlei Körperlichkeit, wie es etwa bei LCD Soundsystem der Fall ist. Nein, stattdessen fällt einem auf, wie schwierig das eigentlich ist: Simple Grooves müssen funktionieren, das ist hohe Kunst. Letztendlich erlangt man beim Hören von »Deadbeat« eine Art Wertschätzung guter Tanzmusik, weil man merkt, dass jemand Talentiertes wie Kevin Parker das nicht hinbekommt.
Es fällt einem auf, wie schwierig das eigentlich ist: Simple Grooves müssen funktionieren, das ist hohe Kunst
Es ist wirklich anstrengend, wenn Musik (scheinbar) für den Körper gemacht wurde, aber schlichtweg nicht körperlich ist. Der Calypso-Beat in »Oblivion« klingt völlig veraltet; der Tonartwechsel in »Obsolete« wirkt wie ein verzweifelter Versuch, das billige Funk-Arrangement irgendwie interessant zu machen. Das Traurigste: Früher war Kevin Parker ein Meister des Popsong-Formats — selbst »The Slow Rush« war voll mit tollen Gesangsmelodien —, doch »Deadbeat« ist in dieser Hinsicht komplett leer. Jeglicher Vergleich zu John Lennon, der im Zusammenhang mit Parker einst im Raum stand, hat sich in Luft aufgelöst.
Außerdem ist »Deadbeat« lange nicht so persönlich, wie Kevin Parker vermutlich denkt. Im Prinzip geht’s wieder um Isolation und Entfremdung, die Hauptthemen schon von »Lonerism«. Doch während seine Rolle als zurückgezogener Einzelgänger sympathisch rüberkam, tut mir seine scheinbare Midlife-Crisis heute leid. »You’re a cinephile, I watch Family Guy on a Friday night«, singt er. Das ist auf unschöne Weise traurig.
»Deadbeat« ist eine Niederlage, und zwar keine glorreiche. Weder soundmäßig noch inhaltlich ist Kevin Parker all in gegangen, als Experiment wirkt das Album nicht radikal genug. Hätte er das Konzept — sprich: ein ultrapersönliches Tanzalbum — gnadenlos durchgezogen, hätte »Deadbeat« spannend sein können. Doch so ist das nichts Halbes und nichts Ganzes — und demnach enttäuschend.
Tonträger: Tame Impala, »Deadbeat«, ist auf Columbia (Sony Music) erschiene