Anziehungskraft bedrohlicher Bilder: Clara Pacini (m.) und Marion Cotillard (r.); © Grandfilm

»Das Geheimnisvolle ist verloren gegangen«

Regisseurin Lucile Hadžihalilović über die Kölner Koproduktion »Herz aus Eis«

Frau Hadžihalilović, Ihre Filme kreisen häufig um Figuren, die von Kälte umgeben sind. Was ­fasziniert Sie daran?

Diese Frage begleitet mich seit langem, und eine abschließende Antwort habe ich nicht. Die kalte, distanzierte Frau taucht immer wieder in meinen Arbeiten auf, fast wie eine unbewusste Konstante, zuletzt in »Earwig«. Kälte kann Abwehr und Gefahr signalisieren, zugleich aber eine eigentümliche Anziehungskraft entfalten. Vielleicht steht sie für die Nähe zum Tod. Die Ambivalenz zwischen Schönheit und Bedrohung interessiert mich sehr.

In »Herz aus Eis« verlegen Sie das Märchen »Die Schneekönigin« von Hans Christian Andersen in ein Filmset der 1970er Jahre. Spiegelt die Protagonistin Jeanne Ihre eigenen jugendlichen Faszinationen?

Vermutlich ja. Mir ging es zunächst darum, die Geschichte in einer realen, glaubwürdigen Welt zu verankern, nicht in einem Fantasiekosmos. Die 70er erschienen mir dafür ideal: Kino und Schauspielerinnen hatten noch etwas Geheimnisvolles, das heute durch permanente Zugänglichkeit verloren gegangen ist. Außerdem war ich selbst in dieser Zeit Teenagerin, und die Anziehungskraft der Bilder hat mich damals geprägt. So haben sich persönliche Erinnerung und dramaturgische Logik natürlich verwoben.

In Andersens Vorlage muss ein Junge das Wort »Ewigkeit« finden, um sich von der Schneekönigin zu befreien. Spielt dieser Gedanke für Sie eine Rolle?

Ja. »Ewigkeit« verweist auf die Verbindung von Faszination und Erstarrung. Die Schneekönigin bleibt ewig jung, ewig unberührt. Das birgt sowohl ein Versprechen als auch eine Gefahr. Die Anziehung Jeannes speist sich vielleicht aus dieser Nähe zu etwas Absolutem, das wiederum mit dem Tod verknüpft ist. Ganz beantwortet habe ich diese Frage jedoch selbst noch nicht. Vielleicht brauche ich dafür noch einige Filme.

Auf der Berlinale wurden Sie und Ihr Ensemble mit dem Silbernen Bären für die künstlerische Leistung ausgezeichnet. Wachsen mit jedem Film Ihr Wagemut und Ihre Freiheit?

Freiheit ist vielleicht nicht das passende Wort. Es ist eher eine Vertiefung. Mit jedem Projekt erkenne ich deutlicher, welche Fragen mich antreiben und in welche Bereiche ich weiter vordringen möchte. Auch die technische Sicherheit nimmt zu. Die Filme hängen enger zusammen, als ich oft zugeben möchte.

»Herz aus Eis« wirkt zugleich klassischer erzählt als Ihre früheren Werke. Eine bewusste Entscheidung?

Ja. Es interessierte mich, eine klare dramatische Struktur einzusetzen: Trauma, Enthüllung, Auflösung. Die Elemente der Filmgeschichte, die Schauspielerin mit doppeltem Gesicht, die Besessenheit, die femme fatale, haben eine lange Tradition. In diesem Rahmen konnte ich die Dunkelheit der Geschichte sogar intensiver erforschen.

Sie haben mit Marion Cotillard und der Newcomerin Clara Pacini gearbeitet. Wie entwickelte sich die Chemie zwischen den beiden?

Überraschend mühelos. Marion ist enorm professionell, sie findet schnell die präzise Haltung, den Rhythmus einer Figur. Clara besitzt große innere Stärke und eine stille Intensität, die sofort überzeugt hat. Zwei Wochen vor Drehbeginn trafen sie sich erstmals bei Marion zu Hause. Es schneite in Paris, Clara kam mit Fahrer, und plötzlich waren wir genau in der Dynamik des Films. Von da an war klar, dass diese Konstellation trägt.

Ein bisschen Selbsti­ronie tut einer so ­düsteren Geschichte gut

Der Film ist eine französisch-deutsche Koproduktion mit der Kölner Firma Sutor Kolonko. Welche künstlerischen Effekte ergaben sich daraus?

Zunächst organisatorische: Für die Finanzierung war ein deutscher Partner notwendig. Daraus entstand ein sehr fruchtbarer Austausch. Und wir konnten August Diehl für die Rolle des Arztes gewinnen, was der Figur große Präsenz verleiht, weil er ein so charismatischer Schauspieler ist.

Den Regisseur des Films im Film spielt Ihr Lebenspartner, der Filmemacher Gaspar Noé. Wie kamen Sie auf die Idee?

Es schien reizvoll, einen echten Regisseur zu besetzen, der sich selbst inszenieren kann. Gaspar besitzt Sinn für Humor und Distanz zu seinem Image. Als Anti-Gaspar auf dem Set der 70er Jahre fügt er dem Film eine Komik hinzu, die ich erst im Schnitt voll wahrgenommen habe. Ein bisschen Selbstironie tut einer so düsteren Geschichte gut.