Aus dem Leben der Kakaotrinker
Sie sind eigenwillig, obwohl fast alle von ihnen mit ihren alltäglichen Berufen recht durchschnittlich wirken. Sie enden immer als Paare. Sie lachen viel und weinen manchmal. Und sie trinken Kakao — sehr, sehr viel Kakao. Denn sie leben in einer Welt der ewigen Weihnacht, zwischen Ende Oktober und Heiligabend, im Kabelfernsehen, vor allem auf dem Hallmark Channel.
Der Hallmark-Weihnachtsfilm hat sich über die Dekaden zu einer Institution der US-amerikanischen Populärkultur entwickelt, auch wenn die Diskurs-Prädikanten natürlich nichts als Spott übrig haben für die offenbar günstig im Sommer mit viel Kunstschnee von Regie-Routiniers wie Ron Oliver oder Dustin Rikert gedrehten Romcoms, deren Besetzungen rund um Hallmark-Axiome wie Lacey Chabert und Chad Michael Murray einen ganz eigenen Kosmos (ab)bilden, den gelegentliche Auftritte Altvorderer wie Danny Glover (»The Christmas Train«) oder Henry Winkler (»The Most Wonderful Time of the Year«) dann werksweise kräftig durchrütteln. Wie so üblich bei aller wahren Populärkultur, haben auch die Hallmark-Weihnachtsfilme subversive Seiten. Am interessantesten ist das Männerbild, das wenig gemein hat mit dem, was man im Arthouse- wie Megaplex-Mittelbau vorgesetzt bekommt: Sie sind ganz gelassen und ohne großes Getue mit den Frauen auf Augenhöhe — wenn man einmal ihre Bankkonten sehen könnte, würde man wahrscheinlich feststellen, daß hier Frauen und Männer dasselbe verdienen (ganz im DDR-Geiste).
Es ist ohnehin eine erstaunlich zwanglos egalitäre Welt. Zwar dominant mittelständisch hetenweiß, aber so inszeniert, daß Figuren aus anderen kulturellen Kontexten aller Art wie auch sozialen Strata stets wirken, als gehörten sie ganz selbstverständlich da hin. Nun kann man zwar sagen: Hallmark brauchte bis 2020 (»The Christmas House«), um einen schwulen Plot in seine Bilder- und Geschichtenwelt zu integrieren, doch seither sind LGBT-Paare auch nichts anderes mehr als weitere Amerikaner.
In den Norm-USA waren die Hallmark-Weihnachtsfilme perfekte Verkörperungen eines robusten, sich beständig in Arbeit befindlichen soziopolitischen Konsens — in MAGA-Land sind sie zu einer Bastion liberalen Menschenverstands geworden, deren Kakao-Seeligkeit etwas kleinbürgerlich Widerspenstig- bis arbeiterklassisch Rebellisches hat, das Böll-affinen Kölnern sehr vertraut sein sollte.