Gregory Crewsdon, The Pine Forest, 2013–2014, Digital pigment print; © Gregory Crewdson

Schatten über dem amerikanischen Traum

Große Retrospektive von Gregory Crewdson

Licht fällt durch das Fenster in ein heimelig eingerichtetes Ba­dezimmer. In der Duschkabine hockt ein leicht bekleideter Mann. ­Angesichts des auf dem Boden verteilten Werkzeugs scheint der Abfluss verstopft, ­sodass der Pro­tagonist mit dem gesamten Arm hineingreifen muss. Der angeschnittene Schauplatz lässt den Blick auf seine ins Nichts greifende Hand zu. Denn unter dem Badezimmer ­lauert das diffuse Undunkel im unterkellerten Zuhause.

Diese unheimliche Atmosphäre ist bezeichnend für die Fotogra­fien des 1962 in Brooklyn geborenen Gregory Crewdson. Derzeit sind seine Werke im Rah­men einer umfassenden Retro­spektive im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Seine »Single Frame Movies« wirken wie foto­rea­lis­tische Gemälde, sind hochgradig inszeniert und erfordern eine Crew von bis zu 100 Personen für Casting, Kostüm- und Set­design, Beleuchtung und Technik. Die Produktion der ­Fotografien gleicht beinah der ­einer Hollywood-Produktion. ­Im­mer­zu scheinen die Fotografien die Handlung eines gesamten Films in sich zu verdichten, regen unmittelbar die Imagination der Betrachter*innen an und ­lassen doch alles ­offen. Ein ­ein­ziger ­fotografisch festgehaltener ­Moment ist voll dunkler ­Geheimnisse. 

Wie die Eingang beschriebene Foto­grafie aus der Serie »Twilight« finden sich wiederkehrende Motive unterdrückter Ängste und Trau­mata, Gefühle von Traurigkeit und Entfremdung, die sich unterhalb der Hülle einer heilen Welt verber­gen. Crewdsons Vater arbeitete als Psychoanalytiker und betrieb die hauseigene Praxis im Keller. Der Künstler erzählt von frühen Kindheitserinnerungen, in welchen er mit dem Ohr am Dielen­fußboden hockte, um die väterlichen Therapiesitzungen zu belauschen. Das Entschlüsseln von sich im häuslichen Umfeld abspielenden Geheimnissen sollte später zu einem Grundmotiv seiner Fotogra­fien werden. Im übertragenen Sinne geht es in der kleinbürgerlichen Idylle tief hinab in die Abgründe der amerikanischen Gesellschaft. 

Die Retrospektive in Bonn umfasst nicht nur frühe Arbeiten der 1980er Jahre, sondern kürzlich entstandene Fotografien wie seine jüngste Serie, die in der erfundenen Kleinstadt »Evening­side« spielt. Die dargestellten Personen verharren im Stillstand, befinden sich in einer Stadt im wirt­schaft­lichen Niedergang. Ein dunkler Schatten legt sich über den ame­rikanischem Traum — eine böse Vorahnung?  

Gregory Crewdson, »Retrospektive«, Kunstmuseum Bonn, Helmut-Kohl-Allee 2, bis 22.2.2026, Di–So 11–18 Uhr, Mi 11–19 Uhr