Schatten über dem amerikanischen Traum
Licht fällt durch das Fenster in ein heimelig eingerichtetes Badezimmer. In der Duschkabine hockt ein leicht bekleideter Mann. Angesichts des auf dem Boden verteilten Werkzeugs scheint der Abfluss verstopft, sodass der Protagonist mit dem gesamten Arm hineingreifen muss. Der angeschnittene Schauplatz lässt den Blick auf seine ins Nichts greifende Hand zu. Denn unter dem Badezimmer lauert das diffuse Undunkel im unterkellerten Zuhause.
Diese unheimliche Atmosphäre ist bezeichnend für die Fotografien des 1962 in Brooklyn geborenen Gregory Crewdson. Derzeit sind seine Werke im Rahmen einer umfassenden Retrospektive im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Seine »Single Frame Movies« wirken wie fotorealistische Gemälde, sind hochgradig inszeniert und erfordern eine Crew von bis zu 100 Personen für Casting, Kostüm- und Setdesign, Beleuchtung und Technik. Die Produktion der Fotografien gleicht beinah der einer Hollywood-Produktion. Immerzu scheinen die Fotografien die Handlung eines gesamten Films in sich zu verdichten, regen unmittelbar die Imagination der Betrachter*innen an und lassen doch alles offen. Ein einziger fotografisch festgehaltener Moment ist voll dunkler Geheimnisse.
Wie die Eingang beschriebene Fotografie aus der Serie »Twilight« finden sich wiederkehrende Motive unterdrückter Ängste und Traumata, Gefühle von Traurigkeit und Entfremdung, die sich unterhalb der Hülle einer heilen Welt verbergen. Crewdsons Vater arbeitete als Psychoanalytiker und betrieb die hauseigene Praxis im Keller. Der Künstler erzählt von frühen Kindheitserinnerungen, in welchen er mit dem Ohr am Dielenfußboden hockte, um die väterlichen Therapiesitzungen zu belauschen. Das Entschlüsseln von sich im häuslichen Umfeld abspielenden Geheimnissen sollte später zu einem Grundmotiv seiner Fotografien werden. Im übertragenen Sinne geht es in der kleinbürgerlichen Idylle tief hinab in die Abgründe der amerikanischen Gesellschaft.
Die Retrospektive in Bonn umfasst nicht nur frühe Arbeiten der 1980er Jahre, sondern kürzlich entstandene Fotografien wie seine jüngste Serie, die in der erfundenen Kleinstadt »Eveningside« spielt. Die dargestellten Personen verharren im Stillstand, befinden sich in einer Stadt im wirtschaftlichen Niedergang. Ein dunkler Schatten legt sich über den amerikanischem Traum — eine böse Vorahnung?
Gregory Crewdson, »Retrospektive«, Kunstmuseum Bonn, Helmut-Kohl-Allee 2, bis 22.2.2026, Di–So 11–18 Uhr, Mi 11–19 Uhr