Gewalt des Schweigens: Marcel Beyer

Die Körnung der Stimme

Auch 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung trifft Marcel Beyers ­»Flughunde« den Kern ­rechter Propaganda

»Das Schweigen angesichts dessen, was erlebt worden ist, ist ein anderes als das Schweigen angesichts dessen, was getan worden ist«, hat der 1965 geborene Autor Marcel Beyer einmal in einem Essay das Verhältnis von Schweigen und Ver-Schweigen angesichts der Shoah beschrieben. »Das Schweigen derer, die nicht mehr sprechen können, ist ein anderes als das Schweigen aufgrund von Wissen.« 

Das Schweigen und das Verschweigen stehen auch im Zentrum von Beyers 1995 erschienenem Roman »Flughunde«, und dies im wörtlichen Sinn: Er fokussiert die menschliche Stimme, ihre Macht wie auch ihr gewaltvolles Verstummen. Auch wird der Blick auf das unsichtbare Nachleben des Nationalsozialismus in der »stummen Zeit« der Nachkriegsjahre an die Sprache gekoppelt: »Photos kann man schönigen, man kann sie arran­gieren. Aber das geht mit der menschlichen Stimme nicht, die läßt das Ja Ja Ja, das Heil und Sieg und Ja Mein Führer noch auf Jahre durchklingen.«

Die Figur hinter diesen Gedanken heißt Hermann Karnau, er arbeitet als Akustiker für die Nazis und ist dafür zuständig, dass die Reden der Nazigrößen »tief in die Dunkelheit des Bauches« der Zuhörer reichen: »Wenn sie nicht den Sinn der Töne auffassen können, so wollen wir ihnen die Eingeweide durchwühlen.« Der Erzähler Karnau, der vom Veranstaltungstechniker zum Vertrauten Goebbels avanciert, sich in brutalen medizinischen (Stimm-)Experimenten mit KZ-Häftlingen schuldig macht und doch später in der BRD ein unbehelligtes Leben führen kann, ist besessen von der menschlichen Stimme und den Organen, die sie erzeugen. Er sammelt akustische Zeugnisse auf Tonbändern und Schallplatten, von den Lauten, die Menschen beim Sex von sich geben, bis hin zu den letzten akustischen Lebenszeichen sterbender Soldaten auf dem Schlachtfeld. 

Während er die Aufmerksamkeit der Leser:innen immer wieder auf die Vergänglichkeit lenkt, auf den Alterungsprozess der menschlichen Stimmbänder, begleitet man die von Beyer subtil inszenierte Abstumpfung seines Protagonisten, dessen Bericht sich als lückenhaft und unzuverlässig herausstellt. Karnaus Stimme ist eine zweite zur Seite gestellt, jene von Helga Goebbels, Tochter des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda. Ihr kurzer Lebensweg — ihre Mutter vergiftet Helga und ihre fünf Geschwister am 1. Mai 1945 im Führerbunker — kreuzt immer wieder jenen Karnaus. Während Karnaus Stimme für das Verdrängen steht, ist Helgas Stimme gefärbt vom Kinderblick auf die politische Lage in Deutschland, die mit dem Älterwerden ­kritische Untertöne bekommt. 

Das Schweigen und das Verschweigen stehen im Zentrum von Beyers 1995 erschienenem Roman

Als der Roman vor 30 Jahren erschien, wurde die Frage des Verschweigens der eigenen Schuld gesellschaftlich ganz anders verhandelt: Damals waren viele Täter noch am Leben, die im Erscheinungsjahr des Romans gezeigte Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944« und das 1996 erschienene Buch »Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust« des Historikers Daniel Jonah Goldhagen setzten den Fokus auf die Mitläufer und bisher übersehenen Täter des Nationalsozialismus. Heute, wo die meisten Täter und Überlebenden nicht mehr am Leben sind, müssen die Fragen der Erinnerung an die Shoah und des Nachlebens des NS in der deutschen Gesellschaft anders diskutiert werden, doch wird diese Debatte oftmals übertönt von Rufen nach einem Schlussstrich — nicht nur von ganz Rechts. 

Gleichzeitig haben Debatten, die 1995 in Beyers Roman noch grotesk erschienen, heute eine ganz neue Aktualität. »Der ganze Leib muß gestählt werden, und dazu gehört selbstverständlich auch die Zunge, Kampf gegen Wortmengerei, die deutsche Sprache muß die Fremdwörter ausschwitzen«, heißt es in »Flughunde« etwa über die Sprachpolitik der Nazis im annektierten Elsass. Die Angst vor dem Fremden und Ungewohnten in der Sprache spiegelt sich heute auf anderer Ebene, etwa in der vehementen Ablehnung einer gendergerechten Ausdrucksweise. Das Deutsche soll rein gehalten werden von störenden sprachlichen Stolpersteinen und den davon ausgehenden politischen Fragen. 30 Jahre nach seiner Veröffentlichung hilft »Flughunde« stärker denn je dabei, die Funktionsweise und Macht von Propaganda zu erkennen und zu hinterfragen.