Prominente Nasen-Lippen-Furche: Oswald Egger; Foto: DASD, Andreas Reeg, Suhrkamp Verlag

Wortähnliche Töne

Oswald Egger erschafft in seinem neuen Buch eine ­Sprache aus der Dissoziation

Dass Literaturpreise eine Kontroverse auslösen, ist selten. Aber als Oswald Egger im vergangenen Jahr den Büchnerpreis erhielt, gab es Stimmen, die dies für eine falsche Entscheidung hielten. Zu unverständlich, zu hermetisch seien die Texte des Südtiroler Autoren, der in Kiel eine Professur für »Sprache und Gestalt« an der Kunsthochschule innehat. 

Und »Gestalt« ist vielleicht der Begriff, der für seinen neuesten Text »Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung« die wichtigere Rolle spielt. Denn eben diese Gestalt, das Zusammenfügen von Sinneseindrücken zu etwas, was mehr als die Summe der Eindrücke ergibt, ist seinem Protagonisten verloren gegangen. Oskar Fiala war ein linker Sozialdemokrat, dessen Arbeit als Schriftsteller und Journalist durch den Ersten Weltkrieg jäh beendet wurde, so der Klappentext. Die dissoziativen Störungen wurden stärker, Fiala erschuf sich eine neue Identität. 

»Wörter und Sachen, ich hörte alles zweimal, doppelt, als ob nicht Gedanken, die im Kopf glucksern, verstimmten und binnen Taten täten, wie der Schwamm verschwimmt und (sinkt nicht) im Mississippi meines Zimmers, und nur dann und da, sooft ich sie denke«, erzählt Fiala gleich zu Beginn des Textes. Fast wirkt es, als sei damit das ­poetologische Programm des ­Textes gesetzt. Egger setzt uns dem Strom eines sich neu formierenden Bewusstseins aus, das so gar nicht zu einer Form finden will. Beim Aneinanderreiben von Gläsern entstehen »wortähnliche Töne«, seine Nasen-Lippe-Furche rückt in »federnden Sprödgesteinen« nach oben und Fiala glaubt, dass ein »gedachter Kahn« nach ihm greife, »dieser Kahn habe ­Federn als Segel«.

Egger deutet das Setting des Textes lediglich an. Ist es eine psychiatrische Anstalt? Ein Krankenhaus? Und was genau geschah eigentlich mit Fiala, der angeblich Ende der 40er Jahre verarmt in Leipzig starb? 
Vielleicht ist dieser Text aber auch eine Replik auf Eggers Kritiker:innen und ihren Vorwurf des Undurchdringbaren. In »Oskar Fiala« erinnert der Büchnerpreisträger daran, dass der Zweifel an den Wörtern, mit denen wir die Welt beschreiben, ja auch dazu genutzt werden kann, die Welt mit neuen Wörtern zu versehen.

Oswald Egger: »Oskar Fiala und das Prinzip der kleinsten Wirkung«, ­Suhrkamp, 208 Seiten, 34 Euro Mo 15.12., Literaturhaus, 19.30 Uhr