»Wer schnelle Lösungen erwartet, wird unzufrieden«
Als Köln vor fünfzig Jahren kurzzeitig zur Millionenstadt wurde, geschah das aufgrund der Eingemeindungen, die im Landtag beschlossen wurden. Mit dieser »Kommunalen Gebietsreform«, so versprach man sich, würden Kommunen effizienter verwaltet. Doch die Rathäuser waren plötzlich weit weg für viele Menschen. Den kritisierten »Demokratieverlust« wollte man ausgleichen, und so wurde in Köln in den neun Stadtbezirken je eine Bezirksvertretung (BV) eingerichtet — ein gewähltes Gremium, das über Angelegenheiten vor Ort entscheiden sollte. Doch die meisten Entscheidungen fällt bis heute letztlich der Rat der Stadt Köln. Was bringt also Menschen dazu, sich in einer BV ehrenamtlich zu engagieren?
Lutz Tempel wohnt seit gut 35 Jahren in Zündorf. Der SPD-Politiker engagiert sich schon lange im Stadtbezirk Porz, in der BV sitzt er elf Jahre. Gerade ist er zum Bezirksbürgermeister gewählt worden, gestützt auf ein Bündnis von SPD, CDU, Grünen und Volt. Der Experte für Bau-, Wohnungs- und Schulpolitik bringt viel Erfahrung mit — auch die, dass man vor hohen Erwartungen gefeit sein muss. »Als Bezirkspolitiker lernt man vor allem, dass das meiste lange dauert«, sagt Tempel. »Wer schnelle Lösungen erwartet, wird unzufrieden.«
Tempels Büro ist schlicht eingerichtet, aber auf dem Tisch brennen Adventskerzen. Tempel, von Beruf Bauingenieur, ist SPD-Politiker vom alten Schlag, will etwas bewegen für die Menschen in Porz. Wenn er an seinem höhenverstellbaren Schreibtisch steht, blickt er auf den Rhein. Wer an der Uferpromenade flaniert, kann dort am Horizont den Dom sehen. Irgendwo dort muss auch das Kölner Rathaus sein, weit weg von Porz.
Die Verlängerung der KVB-Linie 7 in den Porzer Süden ist schon seit der Eingemeindung 1975 ein Thema Lutz Tempel, Bezirksvertretung Porz
Immerhin war heute schon hoher Besuch zu Gast. »Ich hatte einen Termin mit OB Torsten Burmester und dem Stadtvorstand, für den ich sehr dankbar bin«, erzählt Tempel. »Wir sind eine Dreiviertelstunde durch Porz spaziert. Das ist nicht viel Zeit, aber man kann ein bisschen was erzählen.« Tempels Themen sind die, die hier alle beschäftigen. »Vor gut acht Jahren ist das lange leerstehende Warenhaus abgerissen worden, der Marktplatz ist neu bebaut, aber es ist immer noch viel zu tun hier in der Porzer Mitte.« Auch müssen in Porz Schulen saniert oder gebaut werden, die Verkehrssituation ist ein Ärgernis. In die Innenstadt fährt Tempel mit dem Rad. »Da bin ich schneller als mit der KVB, die Linie 7 ist kein gutes Angebot, die Taktung muss erhöht werden.« Auch die Verlängerung der Linie in den Porzer Süden ist schon seit der Eingemeindung 1975 ein Thema. Tempel seufzt.
»Manchmal hat man in Porz schon den Eindruck, dass in der Verwaltung auch Sachen liegengelassen werden«, so Tempel. Werden Beschlüsse in der Innenstadt schneller umgesetzt? Tempel macht eine Pause, sagt dann: »In den letzten Jahren hatte ich zumindest den Eindruck.« Ein Problem sei auch die hohe Fluktuation in der BV. »Dann sagt jemand, dass wir uns um dieses oder jenes mal kümmern sollten — und ich sag dann: Das haben wir doch schon längst beschlossen, ist aber noch nicht umgesetzt.«
Neu in der BV sitzt Regina Bensch von Volt — nicht in Porz, sondern in Ehrenfeld. Die Mittvierzigerin ist Einzelmandatsträgerin, fühlt sich aber gut von der Ratsfraktion unterstützt. Auch in der BV sei sie freundlich aufgenommen worden, sagt sie. Sogar die Verwaltung habe Unterstützung angeboten. »Meine Mutter hat früher immer schon gesagt, ich würde irgendwann in die Politik gehen, weil mich das so interessiert hat«, erzählt Bensch beim Gespräch in einem Ehrenfelder Café, wie man es in ganz Porz nicht findet. Bestellt man Kaffee, fragt die Bedienung, ob »mit Hafermilch oder Kuhmilch?«
Regina Bensch hat die unterschiedlichsten Jobs gemacht, arbeitet heute aber vor allem am Theater. Sie will sich für die Kultur einsetzen, etwa für den Erhalt des Künstlerkollektivs Kolbhalle, möchte aber auch mit Anwohnern sprechen, die über Lärm klagen. Zudem gelte es, Kürzungen zu verhindern. »Natürlich muss angesichts der Haushaltslage gespart werden, aber warum immer so sehr bei Kultur und Sozialem?« Bensch kennt selbst die Sorgen der Theaterbranche, wenn Jobs bedroht sind. Auch die Clubszene müsse unterstützt werden, »da finden ja nicht nur Partys statt«, sagt Bensch. »Den Verlust des Undergrounds bedauere ich noch heute, ich habe zu Hause nach dem Abriss noch Mauerstücke eingerahmt«, erzählt sie. »Jetzt sollte dort eine Schule stehen, aber auf der Baustelle geht es nicht weiter.« Bensch, die in Neuehrenfeld wohnt, betont auch: »Ich will mich für den gesamten Stadtbezirk und seine Stadtteile einsetzen.« Dann geht um Baumfällungen, aber auch defekte Laternen oder fehlende Zebrastreifen. »Da ich auch schon länger in der Alltagsassistenz für Menschen mit Behinderung arbeite, weiß ich, wie wichtig diese vermeintlichen Kleinigkeiten sind«, sagt Bensch. »Alle sollten inklusiv und gleichberechtigt in der Stadt unterwegs sein können.« Später für Volt im Rat zu sitzen, auch das kann sich Regina Bensch vorstellen. Mehr entscheiden könnte sie dann auch.