»Lehrer geben nicht gerne schlechte Noten«: Klassenzimmer in Köln

Fatale Förderung

Die Zahl der Kölner Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf steigt immer weiter. Wie kommt das?

In Köln werden immer mehr Kinder mit Behinderung im Gemeinsamen Lernen an der Regelschule unterrichtet, gleichzeitig aber sind auch die Förderschulen voll. Dieser scheinbar paradoxe Umstand liegt auch daran, dass immer mehr Kindern ein Förderbedarf attestiert wird — eine Entwicklung, die einen neuen Höchststand erreicht hat: Laut dem aktuellen Bericht zur Inklusionsentwicklung an den Kölner Schulen hatten 9,2 Prozent der Schüler bis zur Klasse 10 im Schuljahr 2024/2025 einen diagnostizierten sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf — 62 Prozent mehr als vor zwanzig Jahren. Vor allem Lern- und Entwicklungsbeeinträchtigung nahmen massiv zu, während die Quote bei körperlichen oder Sehbehinderungen sogar leicht ­zurückging. 

Wie ist das zu erklären? Bereits vor zwanzig Jahren wiesen Bildungsforscher darauf hin, dass ein »Ressourcen-Etikettierungsdilemma« vorliegen könne: Schulen würden demnach dazu verleitet, mehr Diagnosen zu stellen, um so mehr Personal und Hilfen zu erhalten. Das Gutachten eines Wissenschaftskonsortiums im Auftrag des Schulministeriums NRW kam in diesem Jahr zum Schluss, dass das Verfahren zur Feststellung des Förderbedarfs erhebliche Mängel aufweise: Dass die Gutachtenpraxis den Schülerinnen und Schülern zu einer besseren Förderung verhelfe, sei »wissenschaftlich nicht eindeutig nachzuweisen«. Stattdessen nutzten Lehrkräfte das Verfahren, um die Verantwortung an Sonderpädagogen zu delegieren. Und weiter: In seiner jetzigen Form trage es »zu Beeinträchtigungen der Teilhabe im deutschen Bildungssystem eher noch bei«, als diesen entgegenzuwirken. Nun wird in den Regierungsbezirken Münster und Arnsberg in einem zweijährigen Pilotprojekt ein digitalisiertes Verfahren ausprobiert, das zu einer besseren Diagnostik führen soll.

»Der Bericht des Wissenschaftskonsortiums lässt keinen anderen Schluss zu, als dass das Verfahren nicht taugt«, sagt Eva-Maria Thoms vom Elternverein Mittendrin. »Schulen sind nicht gut ausgestattet, Schüler haben mehr und andere Probleme als früher. Allein über das Instrument der Sonderpädagogik kann die überforderte Schule überhaupt Hilfe bekommen.« Hinzu komme, dass »Lehrer nicht gerne schlechte Noten geben«. Mit einem attestierten Förderbedarf könne auch ein schlechter Schüler bessere Noten bekommen und versetzt werden. Das sei keine Böswilligkeit, sondern folge einer »berufsspezifischen Logik«, so Thoms. 

Die Folgen für die Schüler sind allerdings gravierend: Ihr Lernprogramm wird reduziert, beim Förderbereich Geistige Entwicklung können sie nicht mal einen regulären Schulabschluss erlangen. Die Zahl der sonderpädagogischen Abschlüsse hat sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdreifacht: Im Jahr 2024 verließen in Köln 6,2 Prozent aller Schüler die Schule ohne regulären Abschluss, rund die Hälfte davon machen sonderpädagogische Abschlüsse aus. »Was stehen da noch für Lebenswege offen, wenn der Förderbedarf falsch zugeteilt wird?«, fragt Eva-Maria Thoms. 

Allein über das ­Instrument der ­Sonderpädagogik kann die überforderte Schule überhaupt Hilfe bekommen
Eva-Maria Thoms, Mittendrin

Die Gesamtschule Holweide ist Vorreiter bei der Inklusion; hier lernen pro Jahrgang dreißig Kinder mit Förderbedarf mit anderen Kindern gemeinsam. Die meisten kommen bereits mit diagnostiziertem Förderbedarf aus der Grundschule, »in Einzelfällen« stelle man den Bedarf auch später noch fest, sagt Britta Klostermann, die das Gemeinsame Lernen an der Schule koordiniert. Mehr Personal bekomme man dadurch aber nicht mehr. »Das Ressourcen-Etikettierungsdilemma ist ab der Sekundarstufe 1 eigentlich aufgehoben«, so Klostermann. 

Was bringt einem Schüler das Etikett? »Es kann Sinn machen, wenn wir einen Schüler sonst nicht von der 9 in die 10 mitnehmen können«, so Klostermann. »Das geht dann aber nur, wenn er einfacheres Material braucht, also beim zieldifferenten Lernen.« Die Entscheidung sei aber sehr schwierig — »weil es eine Form von Stigmatisierung ist und weil es bedeutet, dass er häufig keinen Regelabschluss machen wird.« Zuvor müsse deshalb immer der Versuch stehen, ihn auf anderem Wege zu fördern. Und: Das Verfahren dürfe keine Einbahnstraße sein. »Die Schüler entwickeln sich, arbeiten an ihren Schwierigkeiten und überwinden sie teilweise. Da muss man genau hingucken und den Förderbedarf gegebenenfalls auch wieder aufheben.« Jeden Schüler wirklich individuell zu fördern, sei aber schwierig bei Klassengrößen von 27 Schülern wie in Holweide.

Die einzige städtische Sozialarbeiterstelle sei gekürzt worden, die Schule ringt derzeit um die Wiederbesetzung von zwei Therapiestellen, und für die vielen langzeiterkrankten Lehrkräfte bekomme man oft ­keine adäquate Vertretung. »Ich glaube immer noch daran, dass eine Schule für Alle das beste ist«, sagt Klostermann. »Aber um den vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden, müssen die Schulen vernünftig ausgestattet werden.«