Christus in der Rast, Oberrhein, um 1480. Anna & Bernhard Blume, Transzendentaler Konstruktivismus 1992/1994, Detail © VG-Bild-Kunst, Bonn, 2025. Foto: Mareike Tocha, © Kolumba, Köln

Sinnliche Verantwortung

Vier Gedanken zur aktuellen Jahresschau des Kolumba Museums

»Pure Vernunft darf niemals siegen«, proklamierte die Band ­Tocotronic 2006. Mit Blick auf die letzten Jahre, auf Wahlen und ihre bedenklichen Ergebnisse, auf das erratische Handeln der Länderchefs, auf das verheerende Ausmaß für Natur und Mensch, das Extremwetterlagen jetzt schon mit sich bringen, bei gleichzeitiger Abkehr von Maßnahmen, die eine Verschlimmerung zumindest in Schach halten könnten; schaut man also auf all das, möchte man den Zeigefinger erheben und sagen: »Tocotronic sprachen von purer Vernunft. Ein Mindestmaß an Verstand und Realitätssinn sollten wir doch an den Tag legen.«

Das Museum Kolumba verlieh gerade erst seiner Jahresausstellung den Titel »Make the secrets productive«, und als vielsagender Untertitel folgt: Kunst in Zeiten der Unvernunft. Nun sollte es gar nicht Aufgabe der Künstler*innen sein, an die Vernunft zu appellieren, und doch wenden sich mehr und mehr Menschen der Kunst zu, um Antworten auf Fragen zu bekommen — Fragen, die uns alle bewegen, besonders in diesen (Krisen-)Zeiten. Es ist die vermut­lich beste Ausstellung, die unter der Ägide des scheidenden Direktors Stefan Kraus entstanden ist. Den Staffelstab nimmt sein Nachfolger aus dem ohnehin flach­hierarchisch aufgestellten Team, Marc Steinmann, wohl sehr gerne auf. Dem vernünftigen Zauber, den diese 18. Ausstellung im Zumthor-Bau umgibt, widmen sich vier Autorinnen, indem sie je einen Teilaspekt beleuchten.

Lars Fleischmann


 

Im Dialog

In der Mitte einer Kugelbahn steht ein Stuhl, auf dem es gemäß dem Unter­titel »räumlich installative Komposition für eine Person im Zentrum«, Platz zu nehmen gilt. Folgend ertönt ein Orchester ohne Musiker*innen, bestehend allein aus Billard- und Eisenkugeln, die durch Metallbahnen und Plastik­röhren rollen. Die Bewegungen ­lösen verschiedene Klänge aus, sodass sich jede Aufführung, ­bestimmt vom Zufall, anders gestaltet. Die Arbeit des Kölner Komponisten Manos Tsangaris changiert zwischen Klang­skulptur und kinetischer Plastik und wird im Raum 12 einer mit Kugelschreiber auf Papier aufgebrachten Zeichnung von Thomas Lehner gegenübergestellt. »Selbst­bewusstsein« mutet wie eine Skizze im kleinen Format an, die eine nicht räumlich verortete Figur darstellt. In der Arbeit äußert sich Lehners Suche nach einer Selbst­bewusst­seins­maschine. Obwohl Kunst und Wissen­schaft zumeist als wider­strebende Positionen verstanden werden, sind die unermüdliche Suche nach Antworten, ein experimenteller Ansatz sowie neue Perspektiven auf die Realität, Grundlagen beider Felder. Benötigt die Wissenschaft nicht sogar die Kunst, um einer breiten Öffent­lich­keit dank ihrer poetischen Bild­sprache Wissen, Verständnis und Ver­ant­wort­lich­keit vermitteln zu können?

Julia Stellmann


 

Beuys als Stichwortgeber

Gleich zum Auftakt der Jahres­ausstellung gemahnt und ermutigt uns Joseph Beuys: »Jeder Mensch ist ein Künstler«. Wie ein Weckruf aus der Ver­gangen­heit in eine verunsicherte politische Gegenwart: Werdet Euch Eurer kreativen Begabung bewusst! Verändert Euch und verändert diese Welt! Solche Schätze versteckter Fähigkeiten hat das Kuratorenteam von Kolumba in großer Zahl gehoben. Da sind die sechs expressiven Gemälde von Susanne Kümpel, die lange im Kunsthaus KAT18 gearbeitet hat und sich auto­didak­tisch an den alten Meistern schulte. Wie fantasie­voll sie die »Veilchen­madonna« von Stefan Lochner interpretiert, lässt sich vortrefflich mit dem Original vergleichen, das gegenüber von »BROSCHE TAUBE VOGEL« hängt. Im großen Raum 13 werden mit den Fotografien von Walter Schels und den Holz­skulpturen von Erich Bödeker Künstler in ihrer zweiten Karriere — also ohne akademische Ausbildung — gefeiert. Die 64 Schwarz-Weiß-Porträts sind eine Hymne an den Zirkus Roncalli. Ebenso vertrauensvoll wie stolz blicken die Clowns, Magier, Akrobaten, Dompteure und all ihre Gehilfen in die Kamera. Gemeinsam begibt sich dieses bunte Zirkusvolk ab 1980 auf die »Reise zum Regenbogen« und begründete den legen­dären Erfolg von Roncalli.

Cordula Walter


 

Endlich volljährig

Die Ausstellung zeigt auf Schritt und Tritt, dass Kolumba in diesem Jahr 18 wurde und damit erwachsen ist. Selten wurden Dinge, die erst einmal wenig gemeinsam haben, so überzeugend miteinander verknüpft. Dadurch ent­stehen neue Einsichten: Heiliges und Profanes, Hochkunst und Popkultur sind offensichtlich keine Gegensätze, sondern Teil eines Kontinuums — auch dies ein »Geheimnis«, das »produktiv gemacht« wird.

Ein gutes Beispiel dafür ist dieser Dreiklang: eine Christusfigur aus dem 15. Jahrhundert, David Bowies Song »Starman« (1972) und Bernhard Cellas Buch »Ein Jahrhundert der verletzten Männer« (2002). Immer geht es um Extrem­situationen: die Erfahrung der Folter, Fotos grotesker Unfall- und Kriegs­verletzungen und der Sound der Erlösung. Bowie identifizierte sich kurz vor seinem Tod mit der biblischen Figur des Lazarus, der an einer Krankheit starb und ins Leben zurückgeholt wurde; die Skulptur des »Christus in der Rast« ist ein fesselndes Denkbild, wie Qual und Meditation zusammen­gehen, und Cellas Fotobuch ist ein auch an Schulen verwendetes Lehrbuch, das mahnt, den Blick nicht abzuwenden. Ein Trio, das dauerhafte Nachbilder erzeugt

Barbara Hess


 

Der blaue Planet

Die Freiheit des Denkens, das Spielerische, die Kraft der Utopie – die aktuelle Jahresausstellung setzt ein deutliches Zeichen in der von Krisen geplagten Welt. Die Suche nach utopischen Impulsen für die Gegenwart gewinnt an Relevanz, auch angesichts futuristischer Projekte, die ein besseres Leben auf der Erde aus dem Blick verlieren und weltabgewandt gen Mars gerichtet sind. Mit »Newspaper Painting (Earth Mandala)«, einem in Gouache gemalten blauen Planeten auf filigranem, nur schwer konservierbarem Zeitungspapier, regt der US-amerikanische Maler und Objektkünstler Paul Thek (1933–1988) zum Nachdenken über die Verletzlichkeit unserer Welt an. Das Werk von 1974 rückt eine planetarische Perspektive in den Vordergrund, während die mit schwarzer Farbe ausgelöschten Nachrichten verschwunden sind. Wie Stanley Kubricks Welt­raum­epos wirft es einen sentimentalen Blick auf die Erde, tritt aber auch in den Dialog mit Theks »Portable Ocean« (1969), das mit der Idee eines tragbaren Ozeans die utopische Wider­stands­kraft als Reservoir der Kunst beschwört. Der blau lackierte Holzwagen mit Bauklötzen bündelt die spielerische Fantasie unter einem guten Stern. Im Glauben an eine bessere Zukunft hält auch David Bowies extra-terrestrischer »Starman«, dessen Stimme durch den Raum hallt, an der visionären Vorstellungskraft der Menschen fest.

Julia Martel

Kolumba Museum
Kolumbastraße 4
»make the secrets productive« 
bis 14.8.2026; täglich außer Di 12–17 Uhr
geschlossen am 24., 25. & 31.12., sowie 1.1.26