Mehr als ein Grüßaugust
Ist sie nicht liebenswert, die weibliche Bronzegestalt, die da ein wenig verloren und dabei so freundlich zugewandt in der Eingangshalle des Museum Ludwig auf ihrem Podest ausgestreckt die Ankommenden willkommen heißt? Sie guckt ein bisschen überrascht. Vielleicht verwundert sie das aufgeregte Treiben vor den Schließfächern gegenüber.
Die »Draped Reclining Figure« oder »Liegende Gewandfigur« (1952/1953) ist ein Werk von Henry Moore (1898–1986), der als einer der wichtigsten Bildhauer der Nachkriegszeit gilt. Ihren Oberkörper, mit dem zur Seite gedrehten abstrahierten kleinen Kopf, stützen die Unterarme ab, die Körpermitte lagert auf dem Gesäß und die Beine stehen angewinkelt auf der bronzenen Basis.
Die tiefen Faltenschwünge und unregelmäßigen, feinen Faltungen des Gewands, die den Körper von den Oberschenkeln bis zur Schulterpartie gestalten, erinnern nicht von ungefähr an eine Berglandschaft. Bemüht um eine archetypische Form, bezog der Künstler aus der Natur wesentliche Anregungen.
Für die Körperhaltung der Figur war allerdings eine auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán entdeckte steinerne Opferstatue aus der toltekischen Kultur, ein sogenannter Chac Mool (ca. 900–1000 n. Chr.) das Vorbild.
Die Natur war Moore nicht nur Inspiration, sondern auch der Ort, an dem er seine Werke am liebsten aufstellte. Auch die »Draped Reclining Figure« fand ihren ersten Platz im Grünen. Die Stadt hatte sie mit einer Reihe von Plastiken für das Wallraf-Richartz-Museum angekauft, das, im Weltkrieg zerstört, 1957 in seinen Neubau einzog — das heutige MAKK. Doch zunächst schmückten die Kunstwerke die im selben Jahr im Deutzer Rheinpark stattfindende Bundesgartenschau.
Im Kreise der anderen sah man sie danach in der 1960er Jahren im geklinkerten Innenhof des Museums. Seit den 1970er Jahren widmet sie sich der schönen Aufgabe einer Begrüßungsfigur, anfangs noch vor dem Eingangsportal des Wallraf-Richartz-Museums, dann nach der Eingliederung der modernen Kunst in die Bestände des Museum Ludwig vor dem Südeingang des neugebauten Gebäudes auf der Domplatte und nun seit einigen Jahren an ihrem jetzigen Standort.