Toxisch und trotzig: »Liebes Arschloch« von Regisseur Stephan Kimmig; Foto: Birgit Unterweger

Dialog der Verkrachten

Regisseur Stephan Kimming inszeniert Virginie Despentes’ Briefroman »Liebes Arschloch«

Der Autor Oscar (Paul Grill), der im Internet mit Miss­brauchs­vorwürfen zu tun hat, postet ein Hass­­video über das Aussehen von Schau­spielerin Rebecca (Birgit Unterweger). Für sie ein Hass­kommentar von vielen. Aber dieser gewinnt ihre Aufmerk­sam­keit, denn Oscar ist der kleine Bruder ihrer Jugend­freundin — sie sind im selben runter­gekommenen Viertel aufge­wachsen.

»Liebes Arschloch«, so adressiert Rebecca Oscar in ihrer Antwort — es ist der Auftakt zu einem in der Form koservativen, aber ­inhalt­lich höchst intensiven Brief­roman. Regisseur Stephan Kimmig adaptiert den Text von Virginie Despentes nun für das Schauspiel Köln. Im Interview mit dem Spiegel, das im Begleitheft zur Aufführung abgedruckt ist, erklärt die Autorin: »Ich wollte darüber nach­denken, wie es wäre, wenn jemand Teil des Problems ist und versucht, sich zum Teil der Lösung zu entwickeln«.

Im Laufe des Austauschs wird offen­sicht­lich, dass Oscar nicht das einzige liebe Arschloch in diesem Stück ist. Und dass sich Oscar und Rebecca, die sich kaum kennen, in unter­schied­lichen Aus­prägungen dasselbe Problem teilen: Ihre Sucht nach allem, was Rebecca von ihrer Lange­weile ablenkt und Oscar hilft, seine Schüchtern­heit zu über­spielen. Konsum wird als Ausweg diskutiert. Als potenzieller Unge­horsam, der beim Ausstieg aus Geschlechter­rollen­bildern helfen kann, oder dabei, ihnen mehr zu entsprechen. So wird die manchmal unscharfe Trenn­linie zwischen toxisch und trotzig erkennbar.

Ab der zweiten Hälfte des Stücks wird auch Bloggerin Zoé (Irem Gökçen) zum handelnden Charakter. Sie wirft Oscar über Social Media sexuelle Über­griffig­keit vor, erklärt, wie er sie unter Druck gesetzt habe, während sie Rebecca als feministische Ikone bewundert — und so aufdeckt, dass alles komplexer ist, als es eh schon war. Auf Themen wie #metoo, Mental Health und Generationen­konflikte folgen Reflexionen über Corona, Entzug und den Unter­schied zwischen den Geschlechtern — was macht ihn aus, worin äußert er sich, wie ­verändert man ihn?

Das Porträt dieser wachsenden Freund­schaft ist einer­seits sprach­lastig, anderer­seits aus­balanciert durch die choreo­grafierten Stücke, in denen sich vor ­allem die beiden Charaktere Oscar und Rebecca zwischen liebens­wert und Slapstick begegnen. Besonders stark sind dabei die ans Tanz­theater angelehnten Szenen, die Choreografin Michèle Seydoux als Teil des Regie­teams mit den Schau­spieler*innen erarbeitet hat.

Schauspiel Köln
Depot 1
28.12., 18 Uhr
19. & 31.1., 19.30 Uhr