Der Fremde
Im französisch besetzten Algerien der 1930er Jahre wird der junge Franzose Meursault wegen Mordes an einem Araber verhaftet und erwartet im Gefängnis seinen Prozess. Stünde er heute vor Gericht, würde wohl der Verdacht einer psychischen Störung im Raum stehen, so gleichgültig wie der Delinquent gegenüber seiner Tat, der Welt im Allgemeinen und sogar gegenüber dem eigenen Schicksal ist. In Albert Camus’ Romanklassiker »Der Fremde« (1942), den François Ozon hier neu verfilmt hat, ist die Pathologisierung des Protagonisten indes kein Thema: Mersaults innere Distanz zu allem, sein existenzielles Fremdsein, resultiert aus dem Weltverständnis, um das es auch in Camus’ Philosophie des Absurden geht: Für Mersault gibt es keinen Sinn des Lebens; das menschliche Dasein ist absurd. Und so verweigert er ihm die emotionale Beteiligung.
Ozon bleibt in seiner Neuinterpretation des Klassikers, der in den 60er Jahren bereits von Luchino Visconti verfilmt wurde, nah an der Vorlage. Er belässt den Stoff in seinem historischen Kontext und hält sich mit Veränderungen, die man vielleicht erwarten würde — etwa im Umgang mit dem Kolonialismus-Thema — weitgehend zurück. Der Fokus bleibt auf Mersaults Perspektive. Ausgehend von der Rahmenhandlung im Gefängnis, rollt der Film rückblickend Mersaults Erlebnisse vor der Tat auf: vom Tod der Mutter über eine Affäre mit einer jungen Frau, die ihn liebt, bis hin zu den Verwicklungen mit einem kleinkriminellen Nachbarn, die zu dem Mord führen, mit dem Mersault schließlich den eigenen Untergang besiegelt.
Was an dieser Adaption aufregend ist, ist denn auch weniger das, was passiert, als vielmehr Ozons Blick darauf. Er und Kameramann Manuel Dacosse arbeiten mit schwarz-weißen Bildern von fast überirdischer Schönheit, die eine permanente Reibung erzeugen: Der Kamerablick, der ein geradezu zärtlich-erotisches Verhältnis zu der Welt und den Figuren an den Tag legt, konterkariert unterschwellig Meursaults Apathie. Während dieser durchs Leben treibt, ohne von irgendetwas berührt zu werden, ist der Blick der Kamera umso zugeneigter. Und die sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzte Musik setzt hartnäckig Meursaults Kälte die eigene Emotionalität entgegen. Als würde Ozon die schiere Materialität der Dinge durchaus genügen, um die Welt zu lieben.
(L’étranger) F/B/MK 2025
R: François Ozon,
D: Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin
123 Min. Start: 1.1.