Ein einfacher Unfall
Automechaniker Vahid meint, in der Werkstatt seinen ehemaligen Folterer an seiner Stimme und seinem hinkenden Gang wiedererkannt zu haben. Er entführt ihn kurzerhand, will ihn zunächst in einem Ödland vor der Stadt lebendig begraben, ist sich aber nicht ganz sicher, ob er wirklich die richtige Person hat. Deshalb sucht er seine Mitgefangenen von einst auf, in der Hoffnung, dass sie ihn sicher identifizieren können.
Mit dem betäubten Entführten hinten im Van geht es quer durch Teheran: von Salars Buchhandlung zu einem Hochzeits-Shooting, wo Shiva notgedrungen als Fotografin arbeitet; die temperamentvolle Braut Goli — auch eine Mitinsassin — kommt samt Bräutigam gleich mit. Shivas Ex, der wegen seiner cholerischen Anfälle von anderen gemiedene Hamid, muss aus einer sich anbahnenden Straßenschlägerei geholt werden.
Mit Low-Budget-Filmen, undercover gedreht in Autos, entlegenen Häusern und Dörfern, umging Panahi immer wieder sein Berufsverbot
»Ein einfacher Unfall« wurde mitten in Teheran gedreht, doch so, dass die Crew jederzeit schnell hätte einpacken und verschwinden können. Ein Arbeitsstil, den der 65-jährige Jafar Panahi angesichts von Berufsverbot, Hausarrest und drohender Haftstrafe seit nunmehr 15 Jahren pflegt: Mit seinen Low-Budget-Filmen, undercover gedreht in Autos, Wohnungen, entlegenen Häusern oder Dörfern, umging er immer wieder sein Berufsverbot. Fünf Filme sind so entstanden; für »Taxi Teheran« erhielt Panahi 2015 den Goldenen Bären der Berlinale.
2022 wurde Panahi inhaftiert und nach einer sechsmonatigen Haftstrafe freigelassen, weil ein 2010 verhängtes Urteil inzwischen nicht mehr rechtskräftig war. Prompt begann er, wiederum ohne Genehmigung, sein wohl kritischstes Werk: »Ein einfacher Unfall«. Provokant ist einerseits die Darstellung der weiblichen Figuren. Dass die Frauen gesetzeswidrig häufig ohne Kopftuch zu sehen sind, ist indes schon längst Teil des Teheraner Stadtbildes seit den »Frau, Leben, Freiheit«-Protesten. Die Braut Goli verhält sich wenig sittsam, tritt im Laufe des Filmes auch mal zu und generell lautstärker in Erscheinung als ihr sanfter Verlobter. Shiva ist es, die dem Film die entscheidende Wendung gibt. An starken Frauen war das iranische Kino nie arm.
Bedenklicher für die Machthaber im Iran ist, dass Panahi die Folterpraxis benennt und ihre Folgen zeigt. Dennoch formuliert er eine gesellschaftliche Utopie, in der das Volk sich zu einem demokratischen Prozess darüber zusammenrauft, wie mit dem mutmaßlichen Folterer umzugehen sei.
Jeder in der Gruppe hat eine eigene Meinung, was mit dem Gefangenen zu tun sei, der hartnäckig seine Identität leugnet: Die einen wollen kurzen Prozess machen, andere ein Geständnis herausprügeln. Wenn man ihn laufen ließe, müsste man seine Rache fürchten, aber wenn man ihn umbrächte, wäre man nicht viel besser als seinesgleichen. Solche Gewissensfragen und Erwägungen erinnern an Klassiker des US-Kinos wie »Die zwölf Geschworenen« oder eine Handvoll Western.
Mit seinem Mentor Abbas Kiarostami teilt Panahi wiederum seine humanistische Grundhaltung und die künstlerische Neugier. Mit dem Dreh aus dem Autofenster schaffen beide gleitende atmosphärische Übergänge von Milieus und Landschaften, zugleich entsteht im Wageninneren eine der Überwachung entzogene soziale Blase. Mit seinem politischen Engagement geht Panahi allerdings weiter als sein enigmatischer Lehrmeister. Dabei gelingt es ihm, die Lage der traumatisierten Folteropfer glaubwürdig zu vermitteln, deren Lebenswege von ihrem Schicksal gezeichnet sind, und gleichzeitig mit ironischem Blick Banalitäten und Situationskomik einzuflechten. Gegenüber zwei Wächtern, denen der zwischenzeitlich auf einem Parkdeck abgestellte Van verdächtig vorkommt, gibt die Truppe sich als Hochzeitsgesellschaft aus. Gegen Zahlung einer saftigen Gebühr können die Ordnungshüter gerade noch von der Kontrolle des Wageninneren abgehalten werden. Dass er das Publikum immer wieder lachen lässt, ist vielleicht die größte Waffe von Panahis widerständigem Kino.
Kurz vor Redaktionsschluss kam die Nachricht, dass Jafar Panahi wegen »Propaganda gegen das System« zu einem Jahr Haft und zwei Jahren Ausreisesperre verurteilt wurde. Ob ihn das beeindruckt, ist fraglich.
(Yek tasadef sadeh) F/LUX/IR
R: Jafar Panahi,
D: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ebrahim Azizi
104 Min. Start: 8.1.