Eingeschmolzene Scherben
Neun Jahre sind seit dem letzten Tortoise-Album »The Catastrophist« vergangen, das zudem das wohl schwächste in ihrer langen, eindrucksvollen Karriere gewesen ist. Auch auf den Bühnen machten sich Tortoise rar, erst recht in Europa. Was liegt näher, als das jüngst erschienene, rundum gelungene »Touch« als Comeback zu feiern?
Dan Bitney, John Herndon, Douglas McCombs, John McEntire und Jeff Parker wohnen nicht mehr gemeinsam in Chicago, andere Jobs nahmen überhand. Man sieht sich nicht mehr so häufig. Gitarrist Jeff Parker ist auf dem Weg, als Jazz-Innovator, als sanfter Romantiker Schwarzer Musik bekannter zu werden als seine Stammband. Douglas McCombs ist immer noch der Motor der großen Chicagoer Indie-Szene und spielt in zig Bands zwischen Folk und Jazz, John McEntire ist erfolgreicher Studio-Betreiber und das nicht erst seit gestern.
Sie beharren darauf, dass »Touch« einfach ein neues Album ist, das aufgrund der Umstände einfach mehr Zeit beansprucht hat. Es kommt so unspektakulär daher wie möglich: keine Gastauftritte anderer Stars, kein Bruch mit dem musikalischen Konzept. Das Spektakuläre liegt ganz in der Musik selbst. In ihrem Anspruch, unbedingt (!) immanent zu arbeiten, alle Veränderungen streng aus ihren Tracks abzuleiten und nicht auf einen Zeitgeist-Hype, auf große Namen, auf »verrückte« Einfälle zu setzen, sind Tortoise konsequent geblieben.
Der Eröffnungstrack »Vexations«, der — darauf sei gewettet — die Duftmarke für ihre anstehenden Konzerte setzen wird, steht dafür exemplarisch. Er ist vollgesogen mit Progrock-Ingredienzen der 1970er, arbeitet sich durch rhythmische HipHop-Abstraktionen und will doch bloß ein straighter Rock-Track sein. Das Stück ändert seinen Charakter über die fünfminütige Spieldauer komplett, dies aber fast unbemerkt, so homogen ist das Klangbild, so perfekt abgestimmt sind die Rhythmusschichten.
Um dieser kaleidoskopischen Musik Herr zu werden, zitiert die Kritik, auch diese, mal wieder die ganz großen Namen: die Studio-Hexereien Lee »Scratch« Perrys, die unheimlichen Welten der 70er-Jahre-Pink-Floyd, Kraftwerks Übergang vom Krautrock zum Klingklang-Proto-Techno, Tangerine Dream auf konventionellen Instrumenten, das Rauschen von Basic Channel. Am Ende reitet Ennio Morricone ein.
Man stellt sich ein orgiastisches Come-Together der Band im Studio vor, endlich wieder vereint! Aber so war es nicht
Die Vergleiche treffen zu und zugleich nicht. Denn dass die in Interviews seit jeher maulfaul auftretenden und nicht über Einflüsse reden wollenden Band-Mitglieder in Wirklichkeit extreme Musiknerds sind, die schon mal wichtige Studio-Arbeit unterbrechen, um in einer Ebay-Auktion obskure Singles zu ersteigern: Das ist mittlerweile bekannt. Wichtiger ist ihnen, im Moment der Arbeit, die immer das kollektive Musikmachen einschließt, alles Nerdige hinter sich zu lassen und darum zu ringen, wie sie in ihren Stücken diese sagenhaft gleitenden, rollierenden, schimmernden Übergänge gestalten. Höhepunkt ist vielleicht »Axial Seamount«, mit dem die zweite Album-Seite beginnt. Hier brechen sie das Spiel der Übergänge ab und lassen den kosmischen Krautgroove regelrecht versanden. Eine kalkulierte Enttäuschung?Man stellt sich ein orgiastisches Come-Together der Band im Studio vor, endlich wieder vereint! Aber so war es nicht
Die Arbeit an »Touch« war ein Vexierspiel. Wenn die Band etwas über den Entstehungsprozess verlauten lässt, dann, dass er eine verdammte Anstrengung war. Es war logistisch und zeitlich kaum möglich, gemeinsam im Studio zu stehen. So ist das Album aus nach und nach eingeschmolzenen Klangscherben entstanden. Meta-Kollektivität.
Das Album mündet, das ist ihr spezifischer Humor, in einem dramatischen Finale, mit donnerndem Schlagzeug, pathetischer Westerngitarre und viel Synthiegedröhn. Man stellt sich ein orgiastisches Come-Together der Band vor, endlich wieder vereint! Verrückt, dass es wohl ganz anders war und auch der letzte Song eine Konstruktion ist.
Noch verrückter aber, dass sie hinterher gelernt haben, diese Stücke gemeinsam als Band zu spielen und dass ihnen das noch besser gelingt als ihre erstaunlichen Alben. Live sind sie ein Ereignis — schon immer gewesen. Eigentlich eine andere Band. Anders gesagt: Hier erst, auf der Bühne, werden sie zur richtigen Band.
stadtrevue präsentiert: Di 27.1., Kantine, 20 Uhr