»Alle wollen Koch werden, aber niemand Kellner«
Frau Kunert, Sie sind Vorsitzende der Initiative »Proud to kellner« und setzen sich für eine Aufwertung des Kellnerberufs ein. Aber ist die Bezeichnung nicht schon antiquiert, vielleicht sogar degradierend?
Der Kellnerberuf ist einer der ältesten der Welt. Kellner waren früher wichtige Menschen im Königshaus: Sie waren die letzten, die vor dem Essen den Teller des Königs in der Hand hatten und im Zweifelsfall hätten sie den ganzen Hof vergiften können. Kellner waren Menschen, denen man vertrauen konnte. Auf diesen Aspekt haben wir mit unserer Initiative den Fokus gelegt.
Es geht beim Kellnern um viel mehr, als nur einen Teller an den Tisch zu bringen Juliane Kunert
Manche halten das Kellnern für banal.
Es gibt Menschen, die mich damals gefragt haben, ob ich nicht was Richtiges lernen will. Das ist schon ein bisschen abwertend, so als gäbe es beim Kellnern gar nichts zu lernen. Dann trifft man auf Leute, die während des Studiums im Service arbeiten, also diesen Beruf nebenbei machen, um Geld zu verdienen, aber nicht aus Leidenschaft. Dabei geht es beim Kellnern um viel mehr, als nur einen Teller an den Tisch zu bringen.
Worum denn?
Man muss nicht die offenste Person der Welt sein, aber man sollte ein Gespür dafür haben, wie man auf Menschen zugeht. Eine Portion Humor und ein gewisser Hang zum Perfektionismus schaden auch nicht.
Was können Kellnerinnen und Kellner, was wir selbst oder Serviceroboter nicht können?
Ich glaube, wenn es immer mehr Künstliche Intelligenz gibt, wird die Sehnsucht nach Momenten größer, in denen man mit anderen Menschen in Kontakt treten kann. Nach einer Person, die dir hilft, eine Entscheidung zu treffen, wenn du gerade nicht so genau weißt, was du essen möchtest, wo du sitzen willst oder ob du deine Jacke anlassen oder ausziehen möchtest.
Warum wollen heute nur noch wenige Menschen im Service arbeiten?
Wir haben viel zu lange schlecht über unsere Branche geredet. Ein Punkt ist auch die Rivalität zwischen Küche und Service. Alle wollen Koch werden, aber keiner Kellner. Außerdem ist die Gastronomie ein bisschen militärisch geprägt, man spricht von Küchenbrigade und Servicebrigade. Das Bild hängt noch in vielen Köpfen fest. Regeln sind wichtig, aber es kommt darauf an, wie man sie kommuniziert. Ein anderer Punkt sind schlechte Bezahlung und die vermeintlich schlechten Arbeitszeiten.
Nur vermeintlich schlecht, sagen Sie?
Dass die Arbeitszeiten in der Gastronomie für das eigene Sozialleben nicht immer ganz praktisch sind, weiß man vorher. Wichtig ist doch, dass die Restaurantleitung die Schließzeiten tatsächlich einhält und auch die Arbeitszeiten erfasst. Überstunden sollten dann wie in anderen Jobs auch durch Freizeitausgleich oder Gehalt honoriert werden, genauso wie Weiterbildungszeiten.
Viele im Service sind vom Trinkgeld abhängig.
Wenn das Trinkgeld einen Teil des Gehalts ausmacht, ist man abhängig davon, dass das Restaurant voll ist und dass die Gäste auch Trinkgeld geben. Deswegen erscheint man auch häufig krank zur Arbeit, weil sonst im schlimmsten Fall das Geld fehlt. Das Trinkgeld hat in Gehaltsverhandlungen zum Beispiel nichts zu suchen.
Wie steht es denn um Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten?
Ich hatte mir kürzlich die neuen Lehrbücher für Restaurantfachkräfte bestellt, weil wir einen Azubi bei uns hatten, und war tatsächlich erschrocken darüber, wie wenig sich hier entwickelt hat. Anscheinend lernt man in der Berufsschule immer noch, wie man ein Reservierungsbuch führt. Dabei gibt es dafür digitale Tools!
Was tun Sie als Initiative, um hier etwas zu bewirken?
Wir nehmen gerade Kontakt mit Berufsschulleitungen auf, um die Ausbildung zu modernisieren und wichtige Themen zu ergänzen. Weiterbildung kommt auch zu kurz: Ich habe zum Beispiel ein Führungskräfte-Coaching gemacht. Das war extrem gut und wichtig für einen selbstbewussten Umgang mit Gästen. Solche Weiterbildungen muss man aber selber finden.
Juliane Kunert war Restaurantleiterin im Berliner Sterne-Restaurant Nobelhart & Schmutzig. Heute arbeitet sie bei »Stadt-Land-Küche«, einem Projekt in Sachsen, das Gastronomiebetriebe dabei unterstützt, mehr regionale und biologische Produkte anzubieten