Gerne auch achtstimmig: Chor auf der Voc.Cologne © Christian Nielinger

Vom Friseursalon auf die Bühne

Ein persönlicher Blick auf die Voc.Cologne

Im Januar findet das Festival Voc. Cologne statt. 2026 feiert es seinen zwanzigsten Geburtstag. 
Es ist ein dreitägiges Festival für vokale Musik an der Hochschule für Musik und Tanz. Dieses Mal ­sogar noch ein wenig besonderer als sonst, da es für Stephan Görg, den Gründer des renommierten Pop- Jazzchores Vocal Journey, nach 20 Jahren das letzte Mal als Leiter des Hochschulchores sein wird. Unser Autor Jan Turowski, der als Studierender beim Festival mitgearbeitet hat, beschreibt die Faszination des Singens in Chören.

Es war ein Mittwoch Abend im Herbst, als ich aus dem Kaufhof auf die Schildergasse trat. Ich hörte ein mir bekanntes Stück, vorgetragen von einem großen Chor. Ich hatte damals schon in verschiedenen Chören gesungen und war mit A-Capella-Gruppen wie den Wise Guys, Basta, Maybebop oder den Pentatonix gut vertraut. Aber das Arrangement von »Some­body that I used to know« live zu hören war ein Erlebnis. Der Chor in der Schildergasse war der Jazzchor der Kölner Universität. Später hatte ich das Glück, als Studierender in den Chor aufgenommen zu werden.

Neben dem Klang war ich von der Herzlichkeit der Mitisingenden begeistert. Jede und jeder, der länger in einem Chor mitsingt, kann das hoffentlich bestätigen: Chöre sind höchst interessante ­soziale Ereignisse. So kommt es häufig vor, dass man sich mit den Mitsingenden nicht nur zu den Proben, sondern auch zum Bouldern, Stricken oder Heiraten trifft.

Die Probenpraxis war eine gänzlich andere als jene, die ich in Kirchen- und Schulchören zuvor erlebt hatte: Wir sangen vermehrt ­a-capella, also ohne Klavierbegleitung, die Stücke waren nun vier- bis achtstimmig, statt ein- bis zweistimmig, wie ich es bisher ­gewohnt war. Das Probentempo war auch deutlich höher. 

Meine Stimmlage ist Bariton bzw. Bass, also eine der tieferen Stimmen im Gesamtklang, da ist es reiz­voll, welche Funktionen man einnehmen kann: In manchem Jazzstandard hat man eine Linie die an einen gezupften ­walking bass erinnert, meistens auf Silben wie »dm« oder »da«. In anderen Stücken darf man sich in einen begleitenden Klangteppich hineinweben, meistens mit den Grundtönen des jeweiligen Akkordes, aber bemerkenswerterweise nicht immer! Im Jazz wird es besonders spannend, wenn man eine Dissonanz, einen im ­ersten Moment nicht ganz so ­harmonisch anmutenden, fast schon reibenden Klang zu anderen Stimmen singt, der sich dann auflöst in einen konsonanten, also harmonisch sehr gefälligen Klang.

Ein wenig später konnte ich einen weiteren Musikstil, präziser: einen neuen Arrangierstil, kennenlernen — Barbershop. Den ­Namen hat er von den US-amerikanischen Friseursalons, den ­Barbershops, in denen vor hundert Jahren die Männerrunden sich die Wartezeit mit Quartett-Gesang verkürzten. Daraus wurde ein eigenständiger Stil. Seine ­Besonderheit besteht darin, dass ­viele sogenannte Dominantseptakkorde hintereinander klingen. ­Solche Akkorde haben eigentlich das ­große Bedürfnis, sich in einen ­Akkord eine Quarte aufwärts aufzulösen (man vergleiche das mit dem Tusch im Karneval). Im ­Barbershopstil kommt diese ­Auflösung aber nicht, bzw. erst spät, da die siebte Tonstufe, also der Ton, der den Dominantseptklang ausmacht, besonders tief ­intoniert wird und damit um ­einiges ­harmonischer klingt. 

Wann immer vier oder mehr »Barbershopper« aufeinander ­treffen, kann sofort losgesungen werden! Die Schlusskadenzen von Barbershop-Stücken, genannt Tags, sind nämlich schnell zu erlernen und bestehen meistens aus einem lang gehaltenen Ton und einem fulminanten Schlussakkord. Diese Songanhängsel wurden in den letzten Jahren in einer Datenbank gesammelt, auf die man problemlos mit einer Handyapp zugreifen kann. Dann muss eigentlich nur noch abgestimmt werden, wer welche Stimme vom Blatt resp. Bildschirm liest.

Für viele soll das Singen sogar die schönste Nebenbeschäftigung der Welt sein. Dafür spricht durchaus einiges: Man lernt etwas Neues, tut etwas für für seine ­Seele und den Körper und erschafft ­dabei auch noch ­Gemeinsames.

Die Voc.Cologne ist nicht nur ein Festival, das Konzerte präsentiert, sondern auch Workshops und Coachings anbietet. Und zwar für alle, für Einsteiger wie für Chor-Profis. Zum Singen ist es nie zu spät.

voccologne.hfmt-koeln.de