Chicago als Mittelpunkt der Welt: keiyaA © Jessica Foley

»Muss ich immer die dicke, schwarze ­Feministin sein, die euch alle aufklärt?«

Chakeiya Camille Richmond aka keiyaA erzählt von der komplexen Aufgabe, heilende Musik in einer Welt zu kreieren, die schon immer ein schlechter Ort war

Es ist gar nicht so leicht, Chakeiya Camille Richmond zu fassen zu bekommen. Die in Chicago geborene, aktuell in New York lebende Musikerin ist ständig unterwegs. Nach diversen Versuchen, die an der Zeitdifferenz zwischen den USA und Deutschland scheitern, klappt es schließlich per Telefon aus London. Richmond ist für einige Tage in der Stadt, um »Hook’s Law«, den lang erwarteten Nachfolger ihres Debütalbums »Forever, Your Girl« aus dem Jahr 2020, mit einem Konzert und Interviews zu bewerben. Bei ihrem Debüt vor fünf Jahren blieb ihr diese Möglichkeit leider verwehrt.

Die parallel zum Release hochkochende Pandemie und die damit verbundenen globalen Lockdowns machten damals Reisen und Auftritte unmöglich. Dennoch wurde ihr Debüt mit seinem komplexen, sample-lastigen R&B und seiner rohen emotionalen Ehrlichkeit zu einer musikalischen Lebensader in diesen auf­gewühlten Tagen und Nächten. Zwar fühlt sich die Welt aktuell nicht kaum weniger unruhig an, aber immerhin können Musiker:innen wieder direkt mit dem Publikum in den Dialog treten.

Chakeiya, ich habe gelesen, dass du das College, wo du Jazz und Altsaxofon studiert hast, verlassen hast, weil du von der hierarchischen Struktur des Programms enttäuscht warst. Ist das richtig?

Ich bin vor allem wegen der erlebten Frauenfeindlichkeit, Fettphobie und Misogynoir gegangen — einer speziell gegen schwarze Frauen gerichteten Frauenfeindlichkeit! Die Hierarchie fühlte sich so an: Zuerst ­kamen immer die weißen Jungs, dann andere Männer, dann nicht-schwarze Frauen und dann erst schwarze Frauen. Ich glaube nicht, dass meine Erfahrung ­besonders spezifisch war. Viele schwarze Frauen im Jazz haben damit zu kämpfen. Deshalb gibt es auch nicht mehr so viele von uns in diesem Genre.

Lass uns ein paar Schritte zurückgehen. Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen?

Die Musik hat mich ausgewählt! Seit ich denken kann, liebe ich Musik, ich hatte auch von früh an ein gutes Ohr dafür. Meine Familie erzählt mir immer, dass ich als kleines Mädchen Werbesongs auswendig gelernt habe. Ich habe mir auch die Titelsongs von Fernsehsendungen selbst beigebracht, zu spielen und zu singen.Als ich aufwuchs, gab es an den öffentlichen Schulen in Chicago noch viele Musik- und Kunstprogramme. 
So konnte ich meinem Interesse nachgehen, ohne dass meine ­Eltern dafür Geld ausgeben mussten. Das war auch praktisch, weil meine Familie berufstätig und sehr beschäftigt war und ich jemanden brauchte, der nach der Schule auf mich aufpasste.

Ist deine Familie musikalisch?

Sie lieben Musik. Musik zu spielen, zu hören und zu tanzen ist ein wichtiger Teil der schwarzen Kultur auf der ganzen Welt, aber besonders in den Vereinigten Staaten ist es für uns ein großes Ritual, uns zu versammeln. Ich komme aus Chicago, wo unsere regionalen Tänze der Percolator und der Cha-Cha Slide sind. Egal bei welcher Familienfeier: Wir tanzen einfach immer den Cha-Cha Slide. Ich hatte großes Glück, denn meine Mutter war jung — sie bekam mich als Teenager —, sodass sie Anfang der 2000er Jahre Anfang zwanzig war. Sie liebte Neo-Soul und R&B, also hörte ich zu Hause viel D’Angelo und Erykah Badu. Meine Großeltern liebten Jazz und Soul, durch meine Familie habe ich ganz einfach eine umfassende Musikgeschichte gelernt. Aber obwohl viele wirklich gut singen können, bin ich die einzige Musiker:in in der Familie.

Wir sprechen über den Schmerz der Schwarzen. Aus dieser Wut heraus hat sich die Musik entwickelt
keiyaA

Wenn du an deine bisherige Karriere nochmals neu herangehen könntest, würdest du alles wieder so machen?

Ich würde es viel intensiver und viel früher versuchen. Ich würde heute wahrscheinlich weniger Zeit damit ­verbringen, Jungs hinterherzulaufen. Viele der Männer, mit denen ich in meiner Jugend zusammen war, waren Musiker, die alle schon vor mir ihre Karriere gemacht ­hatten. Ich hätte mich mehr auf mich selbst konzentrieren sollen.

Würdest du wieder ein Jazzstudium beginnen?

Ein Teil von mir denkt: Nein. Aber ich liebe Jazz. Das Studium fühlt sich so weit entfernt von der Kultur an, in der viele Jazzer gelebt haben. Jazz ist schwarze Kunst, schwarze revolutionäre Musik, schwarze Heilsmusik, die aus schwarzem Schmerz entsteht — und das ist die Tradition, der ich immer noch folge. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte die Schule abgeschlossen, dann könnte ich stolz darauf sein, eine Jazzmusikerin zu sein, anstatt zu sagen: »Scheiß auf Jazz, ich mache mein eigenes Ding!«

Diese Spannung zwischen der dich leitenden Tradition und den falschen Systemen, die dich umgeben, ist zentral für deine Arbeit. Die politischen Aspekte sind der Boden, aus dem sie wächst. Heutzutage sind Geschichte und Politik generell sehr präsent.

Das ist eine Art grundlegender Konflikt. Muss ich immer die dicke, schwarze Feministin sein, die euch alle aufklärt? Ja — ich habe eine Verantwortung. Ja — wer sonst sollte es tun? Aber auch nein — ich habe die Freiheit, all diese anderen Dinge zu sein. Es ist aber schwierig, weil ich immer noch das Gefühl habe, dass ich, wenn ich freizügig, sexy oder geil sein will, dabei perfekt aussehen muss, sonst werde ich misstrauisch beäugt. Wenn ich wütend bin, muss ich trotzdem hübsch aussehen. Wenn ich fluche, muss es trotzdem stimmig sein. Ich denke immer darüber nach, wie Frauen das erleben, schwarze Menschen, dicke Menschen. Mit diesen Dingen habe ich im Studium und als Kind gerungen und dachte, ich hätte sie irgendwie überwunden … und die erneute Konfrontation damit ist der Grund, warum ich »Hook’s Law« geschrieben habe.

Noch ein Rückblick. Dein Debüt »Forever, Your Girl« erschien im März 2020. Es gab viel Anerkennung — aber die Pandemie hat auch viel sabotiert. Wie erinnerst du die Zeit?

Ich bin mental immer noch etwas neben der Spur. Ich bin immer noch geschockt davon, wie sich das auf meine Kommunikation und meine Freundschaften ausgewirkt hat. Damals gab es viel gegenseitige Hilfe, und es schien, als würden wir als Gemeinschaft Fortschritte machen. Aber jetzt fühlt es sich an, als wärem wir zurückgefallen in alte Muster — die Mächtigen sind in diesem Rückschrittsprozess mächtiger geworden und wir ohnmächtiger. Das bringt uns zu »Hook’s Law«. Wenn »Forever, Your Girl« ein sorgfältig gewebter Wandteppich war, fühlt sich das neue Album eher wie ein Feld voller Pilze an, die tief unter der Erde über ­Wurzeln miteinander verbunden sind. Es klingt zunächst leichter, zugänglich, aber darunter liegen komplexe Referenzen und ­Verweise. Das gefällt mir.

Gehst du mit einem Mission-Statement an die Produktion eines Albums wie »Hook’s Law« heran?

Es ist eher ein schrittweiser Prozess; erst am Ende er­schließt sich mir das Ganze. Schon vor der Veröffentlichung von »Forever, Your Girl« wusste ich, dass mein nächstes Album jazzig werden würde, aber nicht, dass meine Interpretation des Genres so melancholisch und düster klingen würde. Wir sprechen über den Schmerz der Schwarzen. Aus dieser Wut heraus hat sich die Musik entwickelt: »Wir hassen den Kolonisator! Die Dämonen müssen ver­trieben werden!« Während der Pro­duktion habe ich oft nicht an mich geglaubt, war geradezu depressiv. Aber ich wollte trotzdem Musik machen, weil ich es liebe. Also habe ich ein paar Beats produziert, dann noch mehr — und irgendwann habe ich das Mikrofon rausgeholt und etwas gesungen. So ging das drei, vier Jahre lang. Die ganzen Autotune-Sachen auf dem Album beispielsweise habe ich alle ungefähr zur selben Zeit gemacht, als ich einen Sommer lang drei richtig schlimme, toxische Beziehungen hintereinander hatte.

Du kommst aus Chicago, lebst aber seit einigen Jahren in New York. Chicago hat aber immer noch einen großen Einfluss auf deine Musik.

Absolut. Es ist witzig, denn ich habe das Ge­fühl, dass Musik aus Chicago — besonders Footwork, Juke und Drill — zu einem globalen Phänomen wird. Die Musik meiner Stadt inspiriert New Yorker und britische Rapper gleichermaßen. Ich wusste im­mer, dass Chicago die größte Stadt im Mittleren Westen ist, aber unsere Kunst und Kultur schienen immer völlig unsichtbar zu sein, und ich habe ihre Bedeutung erst verstanden, als ich weggezogen bin. Künstlerisch gesehen denke ich: »Wow, das ist meine Stadt! Ich muss sie erkunden, bevor es alle anderen tun.« Vor allem jetzt, wo ich in New York bin, wo es so viele Footwork- und Juke-Partys gibt und kaum Leute aus Chicago anzutreffen sind.

Tonträger: »Hook’s Law« von keiyaA ist auf XL Recordings erschienen.