Baumflüsterer: Enzo Brumm

Silent Friend

Ildikó Enyedi erforscht die Beziehung zwischen Mensch und Pflanze

Die menschlichen Hauptdarsteller von »Silent Friend« sind unter ­anderem die Französin Léa Seydoux, die Deutsche Luna Wedler und der Hongkong-Chinese Tony Leung Chiu-Wai. Aber eigentlich steht ein Baum im Zentrum dieses durch die Zeiten mäandernden Films: ein mächtiger Ginkgo biloba, der in Marburg steht und wirkt, als wäre er schon immer dagewesen.

In der Gegenwart, genauer gesagt im Corona-Jahr 2020, kommt ein Neurowissenschaftler aus Hongkong nach Marburg, um zu forschen. Wegen der Pandemie bleibt er fast allein auf dem Universitätsgelände zurück und entdeckt den Ginko als Gegenstand für Forschung zu Bewusstseinsströmen und Wahr­nehmung.

Gut 50 Jahre zuvor, Anfang der 70er Jahre, erlebt ein junger Student in der Nähe des Baums eine Art Epiphanie, ausgelöst durch eine intensive Begegnung mit einer Geranie, der er Rilkes »Duineser Elegien« vorliest, und der er schließlich sogar beibringt, die Gartenpforte per rudimentärer Fernbedienung zu öffnen.

Schließlich das frühe 20. Jahrhundert, als zum ersten Mal eine Studentin an der Universität Marburg zugelassen wird — von den Professoren und männlichen Mitstudenten argwöhnisch beobachtet. Grete heißt die junge Frau, sie entdeckt bald die Fotografie, macht visuelle Experimente und beginnt nicht nur die Pflanzenwelt mit neuen Augen zu sehen.

Mein Freund, der Baum — so sang die Schlagersängerin Alexandra. Doch so esoterisch geht es in Ildikó Enyedis Film nicht zu. Ähnlich wie in ihrem vorletzten Film »On Body and Soul«, für den sie 2017 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, gelingt es Enyedi auch hier, ungewöhn­liche Beziehungen zwischen Mensch und Natur zu evozieren, vor allem dann, wenn sie sich auf die Bilder verlässt. Die etwas holprigen deutschen Dialoge erklären zu oft. Es sind die von Kamera­mann Gergely Pálos eingefangenen Bilder, die »Silent Friend« seine besondere Atmosphäre verleihen: Je nach Zeit­ebene nutzt Pálos scharfe Digitalaufnahmen, dann körnig, farbgesättigtes 16mm-Analogmaterial und schließlich Schwarz-weiß, um eine mysteriöse, geradezu magische Verbindung zwischen den Bewohnern des Planeten Erde anzudeuten.

H/D 2025, R: Ildikó Enyedi, D: Tony Leung, Luna Wedler, Léa Seydoux, 147 Min., Start: 15.1.