Hamnet
Ursprungsgeschichten ikonischer Kunstwerke — Romane, Filme, Gemälde, im Prinzip jede Schöpfung mit einem langen Wikipedia-Eintrag — bilden im Kino ein eigenes Genre. Die Regel für diese Form des über Bande gespielten Biopics: Je lückenhafter die historische Überlieferung, desto blühender die Fantasie. So geschehen in dem Roman »Judith und Hamnet« der britischen Autorin Maggie O’Farrell, den die Filmemacherin Chloé Zhao nun für die Leinwand adaptiert hat.
»Hamnet« nähert sich der Figur des späteren Dramatikers William Shakespeare von der Peripherie aus an. Im Zentrum des Films steht Agnes (historisch: Anne Hathaway), dessen eigenwillige, um ein paar Jahre ältere Ehefrau. Zhao inszeniert sie als erdnahe spirituelle Heilerin und Falknerin im weinroten Kleid, die mit locker gebundenem Haar und Erde unter den Fingernägeln durch die Wälder streift. Mit ihren selbstgemischten Kräutertinkturen und hellseherischen Ritualen weckt sie das Misstrauen der Provinzbevölkerung — und das Interesse des jungen William. Der rastlose Lateinlehrer, vom eigenen Vater schwer gegängelt, verliebt sich unsterblich in die Frau mit dem »zweiten Gesicht«, das Paar heiratet gegen den Widerstand der Familie und bekommt Kinder: Susanna und die Zwillinge Hamnet und Judith. Während William sich im fernen London einen Namen als Dramatiker macht, kämpft Agnes im ländlichen Stratford um das Überleben ihrer Familie. Im Fall der Pest kommen aber auch ihre Heilfähigkeiten an ihre Grenzen.
Chloé Zhao macht aus jeder Szene ein intensitätstrunkenes Drama, vom Lieben über das Gebären bis hin zum Sterben schraubt sich der Film von einem Höhepunkt zum nächsten. Die Emotionalität und Öko-Spiritualität, die die Regisseurin in jede Szene hineinlegt oder vielmehr: bis zur Erschöpfung aus ihr herauspresst, sind in ihrer Hemmungslosigkeit bemerkenswert und fast schon obszön.
Zhao drehte ihre ersten Filme mit Laien, bevor sie mit dem Oscargewinner »Nomadland« erstmals eine professionelle Schauspielerin, Frances McDormand, als Material zur Hand hatte. Das Amerika der Gegenwart gebot noch eine gewisse Moderatheit, doch in der frei fabulierten Historie, die Aufklärung ist noch fern, gibt es kein Halten mehr. Jessie Buckley und Paul Mescal wimmern, klagen und heulen sich ganze Sturzbäche aus den Augen. Am Ende steht die Uraufführung von »Hamlet«: als eine Art kathartische Familientherapie.
USA 2025, R: Chloé Zhao, D: Paul Mescal, Jessie Buckley, Emily Watson, 125 Min. Start: 22.1.