Die Leiden der Freien Szene
Eigentlich ist sie bundesweit eine der reichhaltigsten und vielfältigsten: die Freie Szene der Darstellenden Künste in Nordrhein-Westfalen.
Aus Köln gibt es da etwa Futur 3, das Theaterkollektiv, das zuletzt mit »Making the Story« über ukrainische Vermittler:innen zwischen internationaler Presse und Bevölkerung mit dem Schauspiel Köln kooperierte. Oder die Kölner Tanzkompanie mouvoir unter der Leitung von Stephanie Thiersch, aktuell arbeiten sie an »Angels of Anarchy« (Premiere: Herbst 2026) mit neun Performer:innen, die ihren Körper als Ort des Protestes einsetzen. Oder pulk fiktion, das preisgekrönte Theaterkollektiv für Kinder und Jugendliche, das mit »Der Riss« über Ost-West-Biografien die Bühnen bespielt. Sie alle erhalten zwischen 2026 und 2028 die Spitzenförderung des nordrhein-westfälischen Kulturministeriums, 80.000 Euro pro Jahr für Tanz- und Theaterensembles, 60.000 Euro für Gruppen des Kinder- und Jugendtheaters. Doch dass die kulturelle Landesförderung überhaupt in dieser Höhe vergeben wurde, war bereits ein politisches Ringen.
Zwar haben Christdemokrat:innen und Grüne, die Nordrhein-Westfalen seit 2022 gemeinsam regieren, in ihrem Koalitionsvertrag noch festgeschrieben, »den Kulturetat bis zum Ende der Legislaturperiode schrittweise um 50 Prozent erhöhen« zu wollen. Doch dann ruderte Kulturministerin Ina Brandes (CDU) im Kulturausschuss zurück: Der Haushaltsentwurf für 2025 sah im Kulturbereich erhebliche Kürzungen vor, und auch die Spitzen-und Exzellenzförderung sollte um 75 Prozent eingestampft und weniger Gruppen als bislang üblich gefördert werden. Bei letzterem ist es zwar trotz einigem Hin und Her geblieben, doch massive Proteste von Kulturakteur:innen im Herbst führten dazu, dass die geplanten Kürzungen teilweise zurückgenommen wurden. Das Gros der freischaffenden Darstellenden Künstler:innen finanziert sich weiterhin über einen Flickenteppich kleiner Einzelförderungen, zu wenig Geld für zu viele, sehr gute Akteur:innen.
Und jetzt: ein neuer Kahlschlag für die Freie Szene der Darstellen Künste! Das Bündnis internationaler Produktionshäuser, zu dem in Nordrhein-Westfalen das FFT Forum Freies Theater in Düsseldorf, PACT Zollverein in Essen und das tanzhaus NRW in Düsseldorf gehören, hatte sein Förder-Aus für das Jahr 2026 bekannt gegeben. Erstmals seit zehn Jahren wurde der Zusammenschluss bundesrelevanter Orte im Bundeskulturetat nicht berücksichtigt — und das obwohl er in dem betreffenden Jahr um zehn Prozent, also auf 2,57 Millarden Euro, angehoben wurde.
Doch diese Aufstockung soll in Zukunft zu einem erheblichen Teil in die Kulturbauten-Offensive »KulturInvest« fließen. Mit ihr plant Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos), Museen und Schlösser instand zu setzen, Sakralbauten zu ertüchtigen, historische Schiffe zu sanieren und Dauerausstellungen zu schaffen. »Kulturbauten sind die Klammer um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Kulturnation«, sagte Weimer am 14. November 2025 zur Bekanntgabe der Investition von weiteren 120 Millionen in »KulturInvest«. Auch verschiedene Gedenkstätten, wie etwa Bergen-Belsen und Dachau, sollen von dem Geld bei Einzelprojekten profitieren.
Die ersatzlose Streichung zentraler Strukturen wider-spricht dem politischen Auftrag Appell der Freien Darstellenden Künste
Doch für die Freien Darstellenden Künste ist das Förder-Aus ein enormer Dämpfer. 2015 hatte sich das Bündnis internationaler Produktionshäuser gegründet, als Instrument zur Förderung bundesrelevanter Orte für diese Szene. Neben den genannten Orten in Nordrhein-Westfallen kommen bundesweit noch das HAU Hebbel am Ufer in Berlin, Hellerau Europäisches Zentrum der Künste in Dresden, Kampnagel in Hamburg und das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main dazu. In ihrer Grundstruktur betroffen sind die Orte von den Kürzungen nicht, ihre Schließung steht nicht unmittelbar bevor. Dieser Teil wird von den Kommunen finanziert. Doch in einer Pressemitteilung kommentierte das Bündnis: »Durch den Wegfall der vom Bund bereitgestellten Mittel werden internationale Verbindungen gekappt und Kontinuitäten abrupt abgebrochen. (…) Auch in der Transformation von Kulturinstitutionen und der Arbeit an der Zukunftsfähigkeit der deutschen Theaterlandschaft ist das Bündnis Innovationsmotor.« Das Bündnis kommt zu dem Schluss: » Ohne diese Arbeit erleidet die Entwicklung progressiver Formate und neuer Produktionsweisen schweren Schaden.«
Zudem befürchtet das Bündnis eine Signalwirkung der Entscheidung: »In Zeiten knapper Kassen werden die zukunftsweisenden, internationalen Projekte zuerst fallengelassen. Der BKM und die Regierungskoalition setzen mit ihrer Entscheidung die Sichtbarkeit der Freien Szene bundesweit und international aufs Spiel und engen öffentliche künstlerische und kulturelle Räume erheblich in ihrer internationalen Ausrichtung ein.« Seit 2016 wird das Bündnis Internationaler Produktionshäuser gefördert, in der Hochphase bis 2024 mit insgesamt fünf Millionen Euro jährlich für alle Partner. Finanziert wurden davon unter anderem hochkarätige Projekte mit Choreograf:innen wie Florentina Holzinger oder Gruppen wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop, die eng mit den Produktionshäusern zusammen arbeiteten.
Wie es jetzt weitergeht, bleibt ungewiss. Fest steht aber: auch andere zentrale Netzwerke und Programme der Freien Darstellenden Künste sind von den gegenwärtigen Kürzungen im Haushaltsentwurf von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer betroffen. Das Bundesnetzwerk flukks+ e. V., also die Nachfolgeorganisation der flausen+ gGmbH, das Netzwerk Freier Theater (NFT) sowie explore dance — Netzwerk Tanz für junges Publikum fallen trotz ihres großen Engagements und zahlreichen Partner:innen aus der Bundesförderung gänzlich heraus.
In einem ersten Appell vieler Unterzeichner:innen, veröffentlicht am 1. Dezember 2025, heißt es: »Im Koalitionsvertrag ist die Stabilisierung und Systematisierung der Kulturförderung festgeschrieben: Die Freien Künste sollen gestärkt und zukunftsfähig aufgestellt werden. Die ersatzlose Streichung zentraler Sturkturen widespricht diesem Auftrag.« Ob sich mit dieser Mahnung etwas an der Kulturpolitik von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ändert, bleibt fraglich.
Wohl aber hat sich bei den Protesten gegen die geplanten Kürzungen zuletzt sehr wohl gezeigt, dass diese den Abbau kreativer Infrasturkturen der Freien Darstellenden Künste schon aufhalten können. Man wünscht der Freien Szene vor allem eines: eine gewisse Lautstärke im Aufbäumen gegen die Kürzungen und ein Publikum, das seine Zuschauer:innen-Plätze verlässt und sich an den Protesten beteiligt.